"Strammer Hang ins Nazi-Milieu"

Viele offene Fragen um Ruderin Drygalla

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Nadja Drygalla hat das olympische Dorf vorzeitig verlassen.

London - Angebliche Kontakte zur rechten Szene, Abreise aus London und viele offene Fragen: Der Fall Nadja Drygalla hat die Spitze der deutschen Olympiamannschaft in helle Aufregung versetzt.

Als die Ruderin Nadja Drygalla aus Rostock am Freitagmorgen vorzeitig die Heimreise antrat, stellte sich Michael Vesper nach einer kurzen Nacht sichtbar angespannt den Kamerateams im deutschen Haus. Der Chef de Mission versuchte mit aller Macht zu verhindern, dass seine Mannschaft vor den Augen der Welt in einen braunen Dunstkreis gerät. „Wenn wir nur den leisesten Hinweis hätten, dass jemand in unserem Kader fremdenfeindlich ist, wäre diese Person nicht in der Olympia-Mannschaft“, sagte Vesper und bestritt vehement, dass der Neofaschismus dem deutschen Leistungssport gefährlich nahe komme: „Die These möchte ich mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Es gibt nicht den geringsten Hinweis in diese Richtung, im Gegenteil.“

Zur selben Zeit lehnte Innenminister Hans-Peter Friedrich, der ausgerechnet die Ruder-Wettkämpfe am Dorney Lake verfolgte, jegliche Stellungnahme zu dem Thema ab. Ebenso hielt es Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Nadja Drygalla hatte das Olympische Dorf, wie Vesper sagte, aus freien Stücken verlassen, „um keine Belastung für die Olympiamannschaft entstehen zu lassen“. Der DOSB begrüße diesen Schritt. Vesper erklärte, der DOSB sei über Journalisten und einen Internetbericht auf das Thema aufmerksam geworden. Drygallas Lebensgefährte soll im Landtagswahlkampf für die rechtsextreme NPD angetreten sein.

Vesper sagte, er habe am Donnerstagnachmittag davon erfahren und unverzüglich das Gespräch mit Drygalla gesucht. Am Morgen danach nahm er sie ausdrücklich in Schutz. Vesper sagte, er gehe nicht davon aus, dass bei Drygalla ein aktueller rechtsextremer Hintergrund bestehe. Er habe keine Zweifel, dass die Ruderin „auf dem Boden des Grundgesetzes und der olympischen Werte steht“, sagte der Chef de Mission. Die Rostockerin, pikanterweise eine ehemalige Polizistin, habe sich von der rechtsextremen Szene distanziert. Die Verbindung zu einem anscheinend rechtsextremen Partner machte Vesper Drygalla nicht zum Vorwurf. „In Deutschland gibt es Gott sei Dank den Grundsatz, dass jeder für seine eigenen Taten verantwortlich ist und nicht für die seines Umfeldes“, sagte er. Man würde jedem Menschen Unrecht tun, wenn man ihn über „einen anderen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld definieren würde“. Vesper räumte aber ein, dass „die Geschichte nicht unproblematisch ist“. Einzelheiten des Gespräches mit Drygalla wollte er nicht nennen.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Britta Heidemann hat den deutschen Medaillenbann gebrochen - die Degenfechterin holte mit Silber das erste deutsche Edelmetall. © dpa
Für das erste Gold sorgte dann die deutsche Equipe im Vielseitigkeitsreiten. Michael Jung, Ingrid Klimke, Sandra Auffarth, Dirk Schrade, Peter Thomsen ritten der Konkurrenz einfach auf und davon. © dpa
Michael jung bescherte sich an seinem 30. Geburtstag gleich ein zweites Mal mit Gold: Nach dem Erfolg mit der Mannschaft holte er sich auch den Sieg in der Einzelkonkurrenz. © dpa
Teamkollegin Sandra Auffarth kam im gleichen Wettbewerb auf den dritten Platz - die erste Bronzemedaille für das deutsche Olympiateam! © dapd
Eine echte Überraschung gelang Sideris Tasiadis: Im Kanuslalom im Canadier-Einer holte der Augsburger Silber. © dpa
Nach Gold in Peking vor vier Jahren bestätigte Judoka Ole Bischof seine Leistung auch in London. Der Reutlinger musste sich erst im Finale geschlagen geben - Silber! © dpa
Julia Richter, Carina Bär, Annekatrin Thiele und Britta Oppelt holen das erste Edelmetall auf dem Dorney Lake - die Deutschen rudern im Doppelvierer zur Silbermedaille. © dapd
Gold für das Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes: Filip Adamski, Andreas Kuffner, Eric Johannesen, Maximilian Reinelt, Richard Schmidt, Lukas Müller, Florian Mennigen, Kristof Wilke und Martin Sauer werden ihrer Favoritenrolle gerecht. © dapd
Judith Arndt hat in ihrem letzten olympischen Radrennen auf der Straße die Silbermedaille im Zeitfahren gewonnen. © dapd
Noch ein Augsburger Medaillengewinner! Nach Sideris Tasiadis am Tag zuvor hat Slalomkanute Hannes Aigner im Kajak Bronze geholt. © dpa
Tony Martin sicherte den Radfahrern das zweite Edelmetall auf den Straßen Londons: Im Zeitfahren wurde er Zweiter. © dpa
Kerstin Thiele hat im Judo in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm völlig überraschend Silber erkämpft. © dpa
Marcel Nguyen aus Unterhaching, der in München geboren ist, hat beim Mehrkampf-Finale der Kunstturner überraschend die Silbermedaille gewonnen. © dpa
Dimitrij Ovtcharov sicherte sich überraschend Bronze im Tischtennis-Einzel. © dpa
Judoka Dimitri Peters legte einen bärenstarken Auftritt hin und sichert sich ebenfalls Bronze. © dpa
Kristina Vogel und Miriam Welte haben sich im Bahnrad-Teamsprint Gold geholt, obwohl sie das Finale gegen China verloren haben. Doch die Asiatinnen wurden nachträglich wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert. © dpa
Die Teamsprinter Rene Enders, Maximilian Levy und Robert Förstemann haben im Teamsprint der Männer wenig später ganz ohne Jury-Entscheid die Bronzemedaille gewonnen. © dpa
Das nächste Ruder-Gold im Doppel-Vierer der Männer: Karl Schulze (Dresden), Philipp Wende (Wurzen), Lauritz Schoof (Rendsburg) und Tim Grohmann (Dresden) siegten nach einer eindrucksvollen Leistung bei der olympischen Ruder-Regatta auf dem Dorney Lake. © getty
Judoka Andreas Tölzer (r.) sicherte sich im Schwergewicht das bronzene Edelmetall. © dpa
David Storl hat im Kugelstoßen die erste Leichtathletikmedaille für die Deutschen geholt - Silber! © dpa
Erst Silber, dann disqualifiziert, dann Silber: Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf macht es spannend - und holt am Ende doch eine Medaille! © dpa
Auch sie fielen einer Jury-Entscheidung zum Opfer und verpassten so das Finale. Die Herren freuten sich dann aber dennoch über Edelmetall: Das Florett-Team Benjamin Kleibrink (L-R), Peter Joppich und André Wessels holten Bronze. Nicht im Bild ist Sebastian Bachmann, der nach einem Sturz in seinem Gefecht verletzt aufgeben musste. © dpa
Marcel Nguyen sorgte nach seinem zweiten Platz im Mehrkampf für die erste Olympia-Medaille seit 24 Jahren für deutsche Turner am Barren. Er holte Silber. © dpa
Fabian Hambüchen hat sich mit Silber am Reck seinen Traum von einer erneuten Olympia-Medaille erfüllt. © dpa
Nach achtmal Gold bei acht Starts hintereinander gewann das deutsche Dressur-Team diesmal "nur" die Silbermedaille. © dpa
Maximilian Levy hat im Keirin-Wettbewerb der Bahnradfahrer Silber geholt. © dpa
Robert Harting hat im Diskus Gold geholt © dpa
Sebastian Brendel holte sich Gold im Einer-Canadier. © dpa
Martin Hollstein und Andreas Ihle paddelten im Zweier-Kajak dank eines tollen Endspurts zu Bronze. © dpa
Max Hoff schnappte sich im Einer-Kajak Bronze. © AP
Der deutsche Vierer mit Carolin Leonhardt (Lampertheim), Franziska Weber (Potsdam), Katrin Wagner-Augustin (Potsdam) und Tina Dietze (Leipzig) schaufelte sich zu Silber. © dpa
Timo Boll gewinnt mit der deutschen Tischtennis-Mannschaft durch einen Sieg über Hongkong Bronze © dpa
Doppel-Gold in 60 Minuten: Erst holten Peter Kretschmer und Kurt Kuschela mit einem sensationellen Schlussspurt im Zweier-Canadier Gold, ... © dpa
... eine Stunde später fuhren Franziska Weber und Tina Dietze im Zweier-Kajak souverän zum Olympiasieg. © Getty
Für eine Sensation im Beachvolleyball sorgten Julius Brink und Jonas Reckermann: Die Kölner sichern sich Gold! © dpa
Christina Obergföll wirft den Speer zu Silber. © dpa
Linda Stahl holt sich im selben Wettbewerb überraschend Bronze. © dpa
Thomas Lurz bleibt zwar über die Langstrecke von 10km das erhoffte Gold verwehrt aber mit Silber darf sich der Schwimmer immerhin schmücken. © dpa
Raphael Holzdeppe steigerte seine Bestleistung im Stabhochsprung und holte Bronze. © dpa
Noch besser lief es für Björn Otto: Der Dormagener sicherte sich die Silbermedaille. © dapd
Betty Heilder musste lange zittern, doch als die Kampfrichter nochmal mit dem altmodischen Maßband rausholten, war klar: Bronze für die Weltrekordhalterin im Hammerwerfen. © dpa
Taekwondoka Helena Fromm musste zwar durch die Trostrunde, doch am Ende klappte es mit der Bronzemedaille! © dpa
Sabine Spitz gewinnt im Mountainbike-Wettbewerb Silber und komplettiert damit nach Bronze in Athen und Gold in Peking ihren olymischen Medaillensatz. © dpa
Mit seinen beiden Treffern im Finale sichert Jan Philipp Rabente Deutschland Gold im Herren-Hockey. © dpa

Die Linke hat das Verhalten des (DOSB) in der Affäre um Drygalla scharf kritisiert. Es sei weder neu noch unbekannt gewesen, dass Drygalla ein “strammer Hang ins Nazi-Milieu“ nachgesagt werde, sagte Petra Pau, Mitglied im Fraktionsvorstand der Linken im Bundestag, am Freitag in Berlin. Dessen ungeachtet sei die Athletin “sportlich von Behörden und Organisationen zur Olympiareife gefördert und ins deutsche Vorzeige-Team berufen“ worden, kritisierte Pau. Dies sei “oberfaul“.

Siegfried Kaidel, Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV), sagte, er wolle Drygalla nicht vorverurteilen. „Wir werden mit ihr in Ruhe sprechen, wenn wir wieder zu Hause sind. Wenn sich bestätigt, dass sie nichts damit zu tun hat, warum soll sie nicht weitermachen? Sie ist von sich aus abgereist, sie wollte die Mannschaft nicht stören. Es gab für uns nie Anzeichen, dass an den Vorwürfen etwas dran sein könnte.“ Vesper hob hervor, dass es „nicht darum gehen könne“, als DOSB auch noch das Umfeld der Sportler zu untersuchen. Beiden Funktionären war da schon klar gewesen, dass kritisch beäugt werden würde, warum weder DOSB noch DRV von Drygallas Situation wussten, als diese am Dienstag das olympische Rennen mit dem deutschen Achter bestritt.

Der Radiosender NDR 1 berichtete, bereits im Frühjahr 2011 seien Meldungen über Drygallas Verhältnis zu dem mutmaßlichen Neonazi aufgetaucht. Kurz darauf schied Drygalla „auf eigenen Wunsch“ aus dem Polizeidienst aus. Das bestätigte Sprecher Michael Teich vom Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern. Drygalla war Polizeianwärterin des Landes Mecklenburg-Vorpommern und gehörte der Polizei-Sportfördergruppe des Landes an. Gründe für ihren Austritt habe sie nicht angegeben. „Das ist auch nicht notwendig“, sagte Teich. Über angebliche Kontakte der Sportlerin zur rechten Szene wollte das Ministerium zunächst noch keine Angaben machen. Man wolle sich deswegen zuerst noch mit dem Verfassungsschutz in Verbindung setzen, sagte Teich. Drygalla hatte mit dem deutschen Frauen-Achter den letzten Platz im Vorlauf auf dem Dorney Lake belegt. Ein weiterer Start der 23-Jährigen war nicht vorgesehen.

sid

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