Mentalcoach verrät der tz

"Fast 80 Prozent der Leistung sind Psyche"

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Marcel Nguyen hatte Nerven wie Drahtseile

München - Olympia, das heißt für die Sportler auch: Psychodruck. Die tz hat darüber mit Mentalcoach Steffen Kirchner gesprochen, der auch die Turner um Silberheld Marcel Nguyen betreut.

Herr Kirchner, vor den Spielen waren alle deutschen Turner bei Ihnen im Seminar. Gab’s einen großen Sitzkreis, oder wie darf man sich das vorstellen?

Kirchner: So ähnlich, ich hab vor ihnen emotional präsentiert. Aber nicht, dass Sie jetzt an das „Tschaka-Prinzip“ denken, das Gegenteil ist der Fall. Die Jungs bekommen von mir klare Ideen und ein Konzept und werden emotional angesteuert. Danach reflektieren sie die neuen Erkenntnisse oder probieren Dinge selbst aus.

Gold, Silber, Bronze - die deutschen Medaillengewinner bei Olympia 2012

Britta Heidemann hat den deutschen Medaillenbann gebrochen - die Degenfechterin holte mit Silber das erste deutsche Edelmetall. © dpa
Für das erste Gold sorgte dann die deutsche Equipe im Vielseitigkeitsreiten. Michael Jung, Ingrid Klimke, Sandra Auffarth, Dirk Schrade, Peter Thomsen ritten der Konkurrenz einfach auf und davon. © dpa
Michael jung bescherte sich an seinem 30. Geburtstag gleich ein zweites Mal mit Gold: Nach dem Erfolg mit der Mannschaft holte er sich auch den Sieg in der Einzelkonkurrenz. © dpa
Teamkollegin Sandra Auffarth kam im gleichen Wettbewerb auf den dritten Platz - die erste Bronzemedaille für das deutsche Olympiateam! © dapd
Eine echte Überraschung gelang Sideris Tasiadis: Im Kanuslalom im Canadier-Einer holte der Augsburger Silber. © dpa
Nach Gold in Peking vor vier Jahren bestätigte Judoka Ole Bischof seine Leistung auch in London. Der Reutlinger musste sich erst im Finale geschlagen geben - Silber! © dpa
Julia Richter, Carina Bär, Annekatrin Thiele und Britta Oppelt holen das erste Edelmetall auf dem Dorney Lake - die Deutschen rudern im Doppelvierer zur Silbermedaille. © dapd
Gold für das Paradeboot des Deutschen Ruderverbandes: Filip Adamski, Andreas Kuffner, Eric Johannesen, Maximilian Reinelt, Richard Schmidt, Lukas Müller, Florian Mennigen, Kristof Wilke und Martin Sauer werden ihrer Favoritenrolle gerecht. © dapd
Judith Arndt hat in ihrem letzten olympischen Radrennen auf der Straße die Silbermedaille im Zeitfahren gewonnen. © dapd
Noch ein Augsburger Medaillengewinner! Nach Sideris Tasiadis am Tag zuvor hat Slalomkanute Hannes Aigner im Kajak Bronze geholt. © dpa
Tony Martin sicherte den Radfahrern das zweite Edelmetall auf den Straßen Londons: Im Zeitfahren wurde er Zweiter. © dpa
Kerstin Thiele hat im Judo in der Gewichtsklasse bis 70 Kilogramm völlig überraschend Silber erkämpft. © dpa
Marcel Nguyen aus Unterhaching, der in München geboren ist, hat beim Mehrkampf-Finale der Kunstturner überraschend die Silbermedaille gewonnen. © dpa
Dimitrij Ovtcharov sicherte sich überraschend Bronze im Tischtennis-Einzel. © dpa
Judoka Dimitri Peters legte einen bärenstarken Auftritt hin und sichert sich ebenfalls Bronze. © dpa
Kristina Vogel und Miriam Welte haben sich im Bahnrad-Teamsprint Gold geholt, obwohl sie das Finale gegen China verloren haben. Doch die Asiatinnen wurden nachträglich wegen eines Wechselfehlers disqualifiziert. © dpa
Die Teamsprinter Rene Enders, Maximilian Levy und Robert Förstemann haben im Teamsprint der Männer wenig später ganz ohne Jury-Entscheid die Bronzemedaille gewonnen. © dpa
Das nächste Ruder-Gold im Doppel-Vierer der Männer: Karl Schulze (Dresden), Philipp Wende (Wurzen), Lauritz Schoof (Rendsburg) und Tim Grohmann (Dresden) siegten nach einer eindrucksvollen Leistung bei der olympischen Ruder-Regatta auf dem Dorney Lake. © getty
Judoka Andreas Tölzer (r.) sicherte sich im Schwergewicht das bronzene Edelmetall. © dpa
David Storl hat im Kugelstoßen die erste Leichtathletikmedaille für die Deutschen geholt - Silber! © dpa
Erst Silber, dann disqualifiziert, dann Silber: Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf macht es spannend - und holt am Ende doch eine Medaille! © dpa
Auch sie fielen einer Jury-Entscheidung zum Opfer und verpassten so das Finale. Die Herren freuten sich dann aber dennoch über Edelmetall: Das Florett-Team Benjamin Kleibrink (L-R), Peter Joppich und André Wessels holten Bronze. Nicht im Bild ist Sebastian Bachmann, der nach einem Sturz in seinem Gefecht verletzt aufgeben musste. © dpa
Marcel Nguyen sorgte nach seinem zweiten Platz im Mehrkampf für die erste Olympia-Medaille seit 24 Jahren für deutsche Turner am Barren. Er holte Silber. © dpa
Fabian Hambüchen hat sich mit Silber am Reck seinen Traum von einer erneuten Olympia-Medaille erfüllt. © dpa
Nach achtmal Gold bei acht Starts hintereinander gewann das deutsche Dressur-Team diesmal "nur" die Silbermedaille. © dpa
Maximilian Levy hat im Keirin-Wettbewerb der Bahnradfahrer Silber geholt. © dpa
Robert Harting hat im Diskus Gold geholt © dpa
Sebastian Brendel holte sich Gold im Einer-Canadier. © dpa
Martin Hollstein und Andreas Ihle paddelten im Zweier-Kajak dank eines tollen Endspurts zu Bronze. © dpa
Max Hoff schnappte sich im Einer-Kajak Bronze. © AP
Der deutsche Vierer mit Carolin Leonhardt (Lampertheim), Franziska Weber (Potsdam), Katrin Wagner-Augustin (Potsdam) und Tina Dietze (Leipzig) schaufelte sich zu Silber. © dpa
Timo Boll gewinnt mit der deutschen Tischtennis-Mannschaft durch einen Sieg über Hongkong Bronze © dpa
Doppel-Gold in 60 Minuten: Erst holten Peter Kretschmer und Kurt Kuschela mit einem sensationellen Schlussspurt im Zweier-Canadier Gold, ... © dpa
... eine Stunde später fuhren Franziska Weber und Tina Dietze im Zweier-Kajak souverän zum Olympiasieg. © Getty
Für eine Sensation im Beachvolleyball sorgten Julius Brink und Jonas Reckermann: Die Kölner sichern sich Gold! © dpa
Christina Obergföll wirft den Speer zu Silber. © dpa
Linda Stahl holt sich im selben Wettbewerb überraschend Bronze. © dpa
Thomas Lurz bleibt zwar über die Langstrecke von 10km das erhoffte Gold verwehrt aber mit Silber darf sich der Schwimmer immerhin schmücken. © dpa
Raphael Holzdeppe steigerte seine Bestleistung im Stabhochsprung und holte Bronze. © dpa
Noch besser lief es für Björn Otto: Der Dormagener sicherte sich die Silbermedaille. © dapd
Betty Heilder musste lange zittern, doch als die Kampfrichter nochmal mit dem altmodischen Maßband rausholten, war klar: Bronze für die Weltrekordhalterin im Hammerwerfen. © dpa
Taekwondoka Helena Fromm musste zwar durch die Trostrunde, doch am Ende klappte es mit der Bronzemedaille! © dpa
Sabine Spitz gewinnt im Mountainbike-Wettbewerb Silber und komplettiert damit nach Bronze in Athen und Gold in Peking ihren olymischen Medaillensatz. © dpa
Mit seinen beiden Treffern im Finale sichert Jan Philipp Rabente Deutschland Gold im Herren-Hockey. © dpa

Mit Tschaka meinen Sie Kabinenansprachen à la Klinsmann im Polen-Spiel der WM 2006?

Kirchner: Ja, aber da distanziere ich mich davon. Das ist nicht meine Philosophie, ich versuche, langfristig etwas zu bewirken.

Wo liegt der Unterschied zwischen dem Coaching einer Mannschaft und eines Einzelsportlers?

Kirchner: Bei einem Team brauche ich einen systemischen Ansatz. Es ist komplexer, weil es Abhängigkeiten in der Gruppe gibt. Das Ziel ist, untereinander Verbindungen zu schaffen, die am Ende nützlich sind. Beim Einzelsportler geht es um die klassische Fokussierung auf sich selbst und die Frage: Wie kann ich meine Wettkampfspannung finden? Wie kann ich mir einen mentalen Werkzeugkoffer zusammenstellen? Beim Einzelsportler geht es darum, was in ihm passiert, bei der Mannschaft um die Interaktion.

Sieht dieser Werkzeugkoffer bei jedem Sportler gleich aus?

Kirchner: Nein, komplett unterschiedlich. Ich gehe von 16 Lebensmotiven nach Doktor Steven Reiss aus, auch Olympiasieger Matthias Steiner oder Jürgen Klopp arbeiten damit. Man geht davon aus, dass jeder etwas anderes braucht, um sich sicher und glücklich zu fühlen und dementsprechend Topleistung bringen zu können. Mögliche Motive sind das Streben nach Beziehungen, nach Macht oder Team-Orientierung. Je nach Ausprägung ergibt sich ein Charakter und dadurch verschiedene Werkzeuge. Das ist von Geschlecht und Sportart unabhängig.

Spontan hätte ich vermutet, dass Frauen emotionaler sind.

Kirchner:In der kompletten Gesamtheit muss ich Ihnen tendenziell recht geben. Frauen reagieren meist sensibler, sowohl positiv als auch negativ. Aber man darf das nicht pauschalisieren.

Und was gilt für alle Charaktere?

Kirchner: Jeder hat seine individuelle Zielorientierung. Aber alle müssen irgendwann komplett vom Zielgedanken weggehen und es schaffen, sich in den Flow zu begeben, sich im Tun zu verlieren. Athleten mit geringer Wettkampfzeit haben da einen Vorteil. Im Fußball oder im Tennis muss man diesen Fokus über Stunden aufrecht halten. Deswegen kippt dort das Blatt auch oft und man versteht von außen gar nicht, wieso.

Welche Ziele sollte man sich vor einem Großereignis setzen?

Kirchner: Das Ziel Olympiasieg streiche ich den meisten. Das darf nicht im Vordergrund stehen. Denn dann mache ich mich von anderen abhängig. Genau diese Sportler wackeln, wenn ein Konkurrent zu großer Form aufläuft, weil sie ihr eigenes Ziel gefährdet sehen. Alles Äußere lenkt nur ab, die innere Mischung muss stimmen. Das Schwierige ist nicht der Sport selbst, sondern die Einflüsse aus dem Umfeld. Die muss ich so kontrollieren, dass es meine Leistungsfähigkeit nicht mindert.

Wie viel ist denn eigentlich noch sportliche Leistung?

Kirchner: Ich würde sagen, 70 bis 80 Prozent ist beeinflusst von äußeren Dingen: Wie verstehe ich mich mit meinem Partner? Oder mit meinem Trainer? Es geht nicht um Abseitsfallen, Felgaufschwünge oder Sprünge, sondern um viel komplexere Dinge.

Interview: Mathias Müller

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