Angriff der Youngster

Tour de France 2020: Das sind die Favoriten der 107. Frankreich-Rundfahrt

Fahrer des Teams Ineos mitsamt dem Führenden Egan Bernal fahren auf der letzten Etappe der Tour de France 2019 vor dem Arc de Triumph in Paris vorbei.
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Wenn die Fahrer am letzten Tag Paris und den Arc de Triumph erreichen, ist das Rennen bereits entschieden. Im letzten Jahr durfte sich dort Egan Bernal (in gelb) feiern lassen.

Bei der Tour de France 2020 gibt es eine Reihe von Favoriten, darunter ist auch ein Deutscher. Insbesondere zwei Teams sind geradezu mit Stars gespickt.

  • Am 29. August startet in Nizza die 107. Tour de France.
  • Egan Bernal will seinen Titel verteidigen - auch gegen Konkurrenz aus dem eigenen Team.
  • Aber auch andere Fahrer machen sich Hoffnungen, unter den Favoriten ist auch ein Deutscher.

Paris - Bevor das Fahrerfeld am 20. September auf der Champs-Èlysèes ankommt, gönnt sich der Träger des gelben Trikots ein Gläschen Champagner. Gemütlich rollt das Peloton am letzten Tag von Mantes-la-Jolie nach Paris, wo dann die letzten Kilometer vor der Kulisse des Arc de Triomphe und des Eiffelturms absolviert werden.

Am letzten Tag wird der Führende in der Gesamtwertung traditionell nicht mehr attackiert - das ist eine ungeschriebene Regel des Radsports. Zuvor hat man es dem Träger des Gelben Trikots nicht so leicht gemacht. Über drei Wochen und eine Strecke von 3470 Kilometer hinweg kämpfen die Klassementfahrer um jede Sekunde für die Gesamtwertung.

Tour de France 2020: Gesamtwertung wird in den Bergen entschieden

Meistens wird das Rennen an den steilen und langen Anstiegen des Hochgebirges entschieden. Auch in diesem Jahr haben sich die Organisatoren ein anspruchsvolles Profil überlegt, das die Fahrer über alle fünf Gebirge des Landes führt. Gestartet wird am 29. August in Nizza, die ARD und Eurosport übertragen das Spektakel.

Im vergangenen Jahr siegte Egan Bernal. Der Kolumbianer bringt bei 1,75 Metern Körpergröße gerade einmal 60 Kilogramm auf die Waage und ist dadurch ein extrem starker Bergfahrer. Als er auf der 19. Etappe am Col de I‘lseran attackierte, konnte keiner folgen. Bernal brachte fast eine Minute zwischen sich und seine direkten Konkurrenten.

Egan Bernal (Ineos): jüngster Sieger seit 1909 und erneuter Tour-de-France-Favorit

Das war später der entscheidende Zeitvorteil, der Bernal mit gerade einmal 22 Jahren zum jüngsten Tour-de-France-Sieger seit 1909 machte (das Rennen existiert seit 1903). Er schlug den Zweiten, seinen Teamkollegen Geraint Thomas, um eine Minute und elf Sekunden.

Thomas war eigentlich als Kapitän und Tour-de-France-Favorit des Teams Ineos in die Rundfahrt gestartet, weil er das Rennen im Jahr zuvor gewinnen konnte (damals hieß die Mannschaft noch Sky). Er ordnete sich allerdings der Stallorder unter, so wie sich Christopher Froome im Jahr davor ihm unterordnen musste.

Tour de France 2020: Frühere Favoriten Chris Froome und Geraint Thomas nicht nominiert

Nur wenige Tage vor dem Start in Nizza verkündete Ineos nun allerdings, dass die beiden Briten Froome und Thomas nicht zum Tour-Aufgebot gehören werden. Vielleicht will man Konflikte zwischen den Alphatieren vermeiden. Froome wollte bei der diesjährigen Tour eigentlich seinen fünften Titel anvisieren und damit zu den Rekordsiegern Anquetil, Merckx, Hinault und Indurain aufschließen.

Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich die beiden altgedienten Herren (Thomas ist 34, Froome 35) einfach nicht in Top-Form befinden. Beim Critérium du Dauphiné - eine kleine Rundfahrt im Südosten Frankreichs, die als Generalprobe für die Tour gilt - wiesen sie nach fünf Etappen einen Rückstand von über einer Stunde auf Gesamtsieger Daniel Martinez auf.

Froome leidet noch unter den Folgen eines Sturzes aus dem vergangenen Jahr, als er im Training von einer Böe erfasst wurde und mit über 50 Km/h gegen eine Wand prallte. Da er bei Ineos nur noch die zweite Geige spielen darf, hat Froome kürzlich einen Wechsel zu Israel Start-up Nation bekannt gegeben. In diesem Jahr wird er stattdessen die Vuelta a Espana in Angriff nehmen, Thomas fährt den Giro d‘Italia.

Tour de France: Teamwork ist für den Gesamtsieg extrem wichtig

Stattdessen hat sich Ineos mit dem überraschenden Giro-Sieger von 2019 Richard Carapaz verstärkt. Daneben wird der 23-jährige Pawel Siwakow als Helfer für Bernal in die Pedale treten. Insgesamt hat sich Ineos einer deutlichen Verjüngungskur unterzogen. Helfer - im Radsport auch Domestiken genannt - begleiten ihren Topfahrer so lange wie möglich und spenden ihm Windschatten.

Tour de France 2020: Quintana und Landa verlassen Movistar

Dass Topfahrer allein nicht genügen, bewies im vergangenen Jahr das spanische Team Movistar, das eher durch interne Querelen Schlagzeilen machte als durch Resultate im Gesamtklassement.

Zwar schafften es mit Mikel Landa (6.), Nairo Quintana (8.) und Alejandro Valverde (9.) gleich drei Fahrer in die Top Ten - allerdings keiner davon aufs Podium. Eine schwache Ausbeute für das Starensemble. Statt Teamwork sah man bei Movistar teils kuriose Attacken der Fahrer gegeneinander.

Das wird in diesem Jahr anders werden. Bernals Landsmann Quintana hat das Team verlassen und fährt nun für den französischen Rennstall Arkéa-Samsic. Mikel Landa wechselte zu Bahrain-McLaren. Valverde ist damit unangefochtener Kapitän. Ob er mit 40 Lenzen noch zu den Tour-de-France-Favoriten gehören kann, ist allerdings fraglich.

Tour de France 2020: Mitfavoriten aus Kolumbien auf dem Vormarsch

Quintana scheint derweil zu alter Form zurückgefunden zu haben. Im Frühjahr gewann der Kolumbianer in überlegener Manier eine Etappe der Tour de la Provence auf dem Mont Ventoux. Der legendäre Berg stand auch bei der Tour de France schon öfter auf dem Programm - ein Zeichen? In der Vergangenheit war Quintana zeitweilig der größte Widersacher Froomes und stürzte diesen beinahe vom Thron.

In den letzten Jahren wurde der Kolumbianer den Erwartungen allerdings nicht ganz gerecht. 2019 reichte es neben dem achten Platz immerhin noch für einen Etappensieg. Direkt vor ihm stand in Paris schließlich ein weiterer Kolumbianer: Rigoberto Uran. Die radsportbegeisterten Südamerikaner sind klar auf dem Vormarsch.

Emmanuel Buchmann: Favorit für den zweiten deutschen Gesamtsieg

Doch auch aus deutscher Sicht gibt es in Sachen Gesamtwertung einen Hoffnungsschimmer. Der Ravensburger Emanuel Buchmann erreichte den im vergangenen Jahr den vierten Gesamtrang. Schneller waren nur Bernal, Thomas und der Niederländer Steven Kruijswijk. Damit ist Buchmann ein Tour-Favorit und der beste Deutsche seit Andreas Klödens zweiten Plätzen 2004 und 2006.

Buchmann will in diesem Jahr unter die besten drei fahren und hält sogar Bernal für schlagbar. Buchmann wäre nach 1997 erst der zweite deutsche Gewinner überhaupt. Der damalige Champion Jan Ullrich stand anschließend stets im Schatten des Seriensiegers Lance Armstrong (dem seine Titel inzwischen allerdings wegen Dopings aberkannt wurden).

Frankreich hat Tour de France seit Bernard Hinault nicht mehr gewonnen

Doch nicht nur die Deutschen warten sehnsüchtig auf einen neuen Anwärter aufs Podium. Obwohl sie das Gastgeberland sind und insgesamt die meisten Sieger verzeichnen, hat Frankreich eine noch längere Durststrecke hinter sich. Sage und schreibe 35 Jahre liegt der letzte von fünf Triumphen des großen Bernard Hinault zurück.

Mit Thibaut Pinot hatte die Grande Nation im vergangenen Jahr lange einen aussichtsreichen Kandidaten für den Gesamtsieg im Rennen. Der 29-Jährige kletterte in den Bergen allen davon.

Frankreich hofft auf Tour-de-France-Favoriten Thibaut Pinot und Julian Alaphilippe

Doch das „ewige Talent“ Pinot plagte wieder einmal Verletzungspech: Mit Muskelfaserriss und unter Tränen beendete er auf der 19. Etappe das Rennen. An diesem Tag fiel später die Entscheidung um den Gesamtsieg, bei dem Pinot so gerne ein Wörtchen mitgeredet hätte. In diesem Jahr nimmt er einen neuen Anlauf.

Im Gegensatz zu den Deutschen haben die Franzosen mit Julian Alaphilippe aber noch ein zweites Ass im Ärmel. Dem quirligen Allrounder liegen sowohl steile Rampen als auch das Zeitfahren - der einsame Kampf gegen die Uhr ist ebenso hart wie rennentscheidend.

Alaphilippe gewann letztes Jahr drei Etappen und trug lange das gelbe Trikot. Erst an den längeren Anstiegen des Hochgebirges wurde er abgeschüttelt und beendete das Rennen schlussendlich auf Rang fünf - die Begeisterung seiner Landsleute war gigantisch.

Tom Dumoulin: Kann er die Herrschaft von Ineos durchbrechen?

Ein noch kompletterer Fahrer und größerer Tour-de-France-Favorit ist Tom Dumoulin: Im Zeitfahren einer der Besten, hält der Niederländer auch in den Bergen gut mit. 2018 übertrumpfte er sogar Chris Froome, dem er sich beim vorhergehenden Giro d‘Italia noch als Titelverteidiger hatte geschlagen geben müssen.

Zu seinem Pech war bei der Tour dann nicht Froome der stärkste Konkurrent, sondern dessen Teamkollege Geraint Thomas. Nachdem Dumoulin 2019 wegen einer Knieverletzung nicht an den Start gegangen war, gehört er 2020 definitiv zu den Favoriten auf den Gesamtsieg. Der 29-Jährige kündigte bereits im Herbst vergangenen Jahres an, die Tour fahren zu wollen.

Primoz Roglic: Ex-Skispringer nennt sich selbst „Topfavorit“ auf Tour-de-France-Sieg

Allerdings hat er mit Primoz Roglic einen weiteren Titelaspiranten im eigenen Team Jumbo-Visma. Roglic gewann im vergangenen Jahr mit der Vuelta a Espana das dritte dreiwöchige Radrennen neben Tour und Giro. Beim Giro wurde der Slowene, der vor seiner Radsport-Karriere auch schon erfolgreicher Skispringer war, trotz Krankheit Dritter.

Dieses Jahr will Roglic die Tour in Angriff nehmen und nennt sich selbst wenig bescheiden den Topfavoriten. Was das für die Stallorder bei Jumbo-Visma bedeutet, ist noch nicht klar. Beim Criterium du Dauphine im Anfang August war aber Roglic der Kapitän. Teamkollege und Vorjahres-Dritter Steven Kruijswijk musste nach einem Sturz bei selbiger Rundfahrt seinen Tour-Start absagen.

Tour de France 2020: Keine Favoriten - aber ein Geheimtipp

Daneben sind noch einige Namen zu nennen, die zwar nicht zu den Topfavoriten gehören, aber womöglich für eine Überraschung gut sind. Dazu gehören die Zwillingsbrüder Adam Yates und Simon Yates, die in der Vergangenheit jeweils einmal die Nachwuchswertung (Fahrer bis 25 Jahre) für sich entscheiden konnten.

Aus diesem Alter sind die Briten nun raus. Simon Yates hat mit der Vuelta a Espana schon eine große Landesrundfahrt gewonnen. Adam Yates hatte einen starken Saisonauftakt bei der UAE-Tour durch die Vereinigten Arabischen Emirate, die er gewann.

Nachwuchshoffnung Tadej Pogacar will sich in die Dienste von Fabio Aru stellen

Direkt hinter Yates landete bei der UAE-Tour ein neuer Favorit auf die diesjährige Nachwuchswertung: Tadej Pogacar. Mit gerade einmal 21 Jahren landete der Slowene bei der Spanien-Rundfahrt hinter seinem Landsmann Roglic und Routinier Alejandro Valverde auf dem dritten Platz - das gab's noch nie. Dazu gewann er drei Etappen.

Bei seiner ersten Tour de France soll der Shooting-Star allerdings für UAE-Teamkollege Fabio Aru in die Pedale treten. Aru bleibt aber seit Langem hinter den Erwartungen zurück, sodass sich Pogacar als bessere Option erweisen könnte.

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