Leere Stadion! Die neue Fußball-Welt mit Corona

Fußball 2020: Nur eine Handvoll Journalisten sind auf der Tribüne zugelassen. FOTOS: CHRISTIAN AMBERG

Unterhaching – Samstag, 30. Mai 2020. Im Fußball beginnt für die Drittligisten eine neue Zeitrechnung. Die nach Corona – und die mit Corona. Das gilt auch für die Journalisten, die die Klubs begleiten.

VON CHRISTIAN AMBERG

Hinfahren, Karte abholen, reingehen, Spiel anschauen, Pressekonferenz – das war gestern. Heute ist: Seitenlange Informationen lesen, Gesundheits-Fragebogen ausfüllen, Fiebermessen, in einem leeren Stadion auf einer leeren Tribüne sitzen, natürlich die gesamte Zeit über Mund- und Nasenschutz tragen, unmittelbar nach dem Schlusspfiff das Stadion verlassen. Alles Vorschrift. Gespräche mit Spielern oder Trainer sind nicht möglich, eine Pressekonferenz gibt es nicht einmal virtuell, sogar „unnötige Gespräche“ mit den wenigen Kollegen sind untersagt. Eine komische neue Fußball-Welt, festgehalten in 46 Seiten Hygiene- und Sicherheitskonzept, und streng überwacht.

Großaspach ist es gewohnt, dass wenig los ist. Der Zuschauerschnitt liegt bei 2400 Besuchern pro Spiel, und das auch nur, weil gegen Kaiserslautern im Juli mal 6500 da waren. 2400 ist übrigens auch die Einwohnerzahl des kleines Ortes im Rems-Murr-Kreis, neben Backnang, irgendwo zwischen Ludwigsburg und Schwäbisch Hall. Aber weniger los geht gar nicht. Der Fußweg rund um das kleine Stadion mitten im Wald dauert keine zehn Minuten. Nach den zwei Ordnern, die die beiden Wege zur „Arena“ bewachen, trifft man auf genau vier Polizisten, die in der Sonne stehen. Es ist absurd, aus dem Stadion Musik zu hören, aber rundherum keinem Menschen zu begegnen. Es klingt mehr nach Lautsprecher-Probe als nach Fußballspiel.

Am einzigen geöffneten Kassenhäuschen ist man freundlich. Der Ausweis wird kontrolliert, der ausgefüllte Fragebogen entgegengenommen, im Ohr die Temperatur gemessen. 36,8 Grad. Alles klar, die Eintrittskarte wird ausgehändigt. Weit und breit ist sonst niemand zu sehen. Nur ein weiterer Ordner wartet auf dem Weg zur Pressetribüne. Links und rechts verwaiste Räume, wo sonst die Wichtigen und Gerndabeis das Fußballspiel zum VIP-Hotspot und Gourmet-Treffen machen. Tische und Stühle stehen gestapelt in der Ecke.

45 Personen sind es in Großaspach, die auf der kleinen Tribüne Platz nehmen – inklusive der Ersatzspieler beider Teams. Maximal 100 wären laut DFB-Konzept in „Zone 2“, dem Tribünenbereich, zugelassen. Wer wo sitzen darf, ist genau markiert. Der Abstand ist nicht nur vorgeschrieben, sondern mit Aufklebern festgelegt. Dann kommen die Mannschaften. Mit Mundschutz, den die Spieler erst mit Betreten des Feldes ablegen dürfen, die Betreuer gar nicht. Als die Musik verstummt und das erste Spiel nach der Corona-Pause mit einer Gedenkminute beginnt, ist nur ein einziges Geräusch zu hören: Das der Werbebande, die per Motor ihr Banner wechselt. Gespenstisch. Es ist erstaunlich, was man rund um ein Fußballspiel auf einmal hören kann.

Nach dem Abpfiff müssen alle sofort raus aus dem Stadion. Auf dem Weg zum Parkplatz ist im Aspacher Wäldchen einzig das Wummern der Bässe aus einer Musikbox zu hören. Das kommt aus der Unterhachinger Kabine. Spiel eins im neuen Drittliga-Zeitalter ist geschafft. Es hat nicht mehr als Testspiel-Charakter, ist aber durchorganisiert wie ein WM-Spiel.

Eine Realität, an die man sich noch gewöhnen muss, die aber irgendwann hoffentlich nur als „Corona-Übergangszeit“ im Gedächtnis bleibt.

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