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Hachings Nachwuchsarbeit ist anders: Karim Adeyemi ist das beste Beispiel

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Ohne Haching und seinen Mentor Schwabl wäre Karim Adeyemi wohl kaum zu diesem in ganz Europa heiß begehrten Spieler geworden, glaubt Reinhard Hübner.
Ohne Haching und seinen Mentor Schwabl wäre Karim Adeyemi wohl kaum zu diesem in ganz Europa heiß begehrten Spieler geworden, glaubt Reinhard Hübner. © Imago Images / Uwe Kraft

In den meisten Nachwuchsleistungszentren wird jungen Kicker-Talenten wenig Geduld entgegengebracht. Die Merkur-Kolumne „Zwischentöne“ von Reinhard Hübner.

Der Sandro Wagner ist einer, der gerne mal polarisiert. Kommt ja auch nicht unbedingt überall gut an, wenn einer ernsthaft behauptet, Fußball-Profis seien unterbezahlt. Oder von sich sagt, er sei der beste deutsche Stürmer. Inzwischen ist aus dem mies bezahlten Supersuperstürmer ein noch nicht allzu erfolgreicher Trainer geworden. Wobei man da vorsichtig sein sollte:

Wagner definiert Erfolg anders, nicht die Tabelle zählt, sondern die Entwicklung der Spieler. Womit er recht hat, so er sich als Talentförderer sieht, als der er ja zur SpVgg Unterhaching gekommen ist. Und auch vom Chef so gesehen wird. Von Manni Schwabl ist ja bekannt, dass er die Nachwuchsarbeit für wichtiger hält als die Rückkehr seiner Profis in die 3. Liga.

SpVgg Unterhaching: Manfred Schwabl will Talente mit viel Geduld aufbauen

Unter dieser Prämisse passt alles. In Haching, heißt es, dürfen Talente relativ stressfrei reifen, früher als anderswo in den Männerfußball hineinschnuppern, sollen sich in Ruhe entwickeln und dann, dem Vorbild Karim Adeyemi folgend, dem Verein das dringend nötige Geld bringen. Das ist Schwabls Philosophie.

Und damit unterscheidet sich Haching von der Praxis anderer Nachwuchsleistungszentren. Schwabl will Talente mit viel Geduld aufbauen, ihnen Zeit geben, nicht, wie jetzt eine Studie über deutsche und internationale Akademien ergab, Jahr für Jahr 29 Prozent der Jungs austauschen. Er stellt, auch konträr zu den Ergebnissen der TU Kaiserslautern, Persönlichkeit und Schule vor den Sport. Und er holt, ganz bodenständig, keine Megatalente aus anderen NLZ oder gar aus dem Ausland. Außer, sie wollen zu ihm.

SpVgg Unterhaching: Frank Schmöller reagiert auf Kritik von Sandro Wagner

Haching, so scheint es, ist anders. Vielleicht also ist es gar nicht nur wieder so ein kesser Spruch, auch nicht allein Loyalität zum aktuellen Arbeitgeber, wenn Sandro Wagner sagt, er würde seine Kinder nicht vom FC Bayern*, nicht von den Löwen ausbilden lassen, sondern in Haching. Denn bei Bayern, wo er zum Profi wurde, komme „ein Fünfzehnjähriger aus den USA“, bei Sechzig sei man „sehr verbissen“.

Dass er damit manch wunden Punkt trifft, zeigt die Reaktion, die aus der Löwen-Ecke kam. Es sei, so giftet U21-Coach Schmöller, eine Frage des Anstands, sich mit solchen Behauptungen zurückzuhalten, „wenn man kein Detailwissen hat“. Die Sechziger haben eine große Zahl an Talenten in Bundesliga und Nationalelf geführt, ein Verdienst großartiger Talententwickler wie Ernst Tanner und Wolfgang Schellenberg – längst Geschichte bei Sechzig. Sind also vielleicht auch die Löwen noch die Ausnahme von der Regel, die jetzt die Autoren oben erwähnten Gutachtens anprangern?

Karim Adeyemi wäre ohne die SpVgg Unterhaching und Schwabl nicht zum begehrten Top-Talent gereift

Kritisiert wird vor allem, dass Kinder viel zu früh in die NLZs geholt werden, da eine Talentsichtung in den Altersstufen U8 bis U14 wenig sinnvoll sei, dass nur mehr neun Prozent der ursprünglichen U11-Spieler eines NLZ auch in der U19 noch im Verein sind, dass nur etwa eines von 1000 entdeckten Talenten aus dem NLZ den Weg in die Bundesliga schafft. Eine zuverlässige Entwicklungsprognose sei bei Kindern unter 14 gar nicht möglich. Weil sie aber trotzdem geholt, in überwiegender Mehrzahl aber bald wieder weggeschickt werden, würden rund 50 Prozent der Geschassten medizinisch belegbare psychische Schäden erleiden. Als ob Corona nicht schon reichen würde.

Auch Unterhaching hat ein NLZ, kann sich der Kritik der Wissenschaftler also nicht völlig entziehen. Sandro Wagner aber sollte den Einblick haben, um nicht nur einen Spruch rauszuhauen, sondern den wesentlichen Unterschied der Hachinger Philosophie zu anderen Nachwuchsschmieden zu erkennen. Adeyemi, das liegt auf der Hand, wäre ohne Haching und seinen Mentor Schwabl wohl kaum zu diesem in ganz Europa heiß begehrten Spieler geworden. Also: Nicht alles, was Wagner sagt, ist per se arrogant. Auch wenn es schon mal so rüberkommt. (REINHARD HÜBNER)  *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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