„Ein bisschen verrückt darf sein“ - Werte im Jugendfußball

Kneißl: Eltern müssen in die richtige Richtung gelenkt werden

Werte im Mittelpunkt: So wie hier in Obermenzing.
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Werte im Mittelpunkt: So wie hier in Obermenzing.

Überbordender Ehrgeiz ist oft ein Problem von Eltern, die ihre Kinder zum Fußball schicken. Manfred Schwabl von der SpVgg Unterhaching und Sebastian Kneißl vom SV Heimstetten ordnen ein.

Kein Sport im Land heißt natürlich auch: Kein MerkurCUP. Auch das größte E-Jugendturnier der Welt fiel in diesem Jahr ja der Pandemie zum Opfer. Wir wollen Ihnen das Turnier und seine vielen schönen Begleiterscheinungen in den nächsten Wochen trotzdem immer wieder in Erinnerung bringen. Auch durch Dinge, die mit dem MerkurCUP auf den ersten Blick vielleicht nichts zu tun zu haben scheinen, die aber auch ihn ausmachen. Dinge, die wir in einem Buch der Werte zusammengefasst haben. Teil fünf handelt von der Förderung durch die Eltern.

Und dann erzählt Manni Schwabl noch die Geschichte von der Mami, die ihren Buben so gerne bei einem größeren Verein sähe: „Die haben so ein tolles Stadion“, habe sie gesagt und sich, wie Schwabl vermutet, selbst schon in der VIP-Lounge beim Prosecco gewähnt: „Dabei kommt sie da erst rein, wenn der Bub mal Bundesliga spielt.“

Als Präsident der SpVgg Unterhaching, der sich intensiv um den Nachwuchs kümmert, hat Schwabl schon so manch verrückte Eltern erlebt, betont aber, dass die weitaus größte Zahl „total vernünftig“ sei, wenn es um ihre Kids geht. Ein bisschen verrückt aber muss man schon sein, wenn man dem Buben die beste Ausbildung ermöglichen will. Schwabl erzählt von Eltern, die Stunden auf der Autobahn opfern, um das Kind ins Training zu bringen und es den Traum vom Profifußball möglichst lange träumen zu lassen, von Mamis und Papis, die das gesamte Familienleben dem Fußball unterordnen, die sich im Verein engagieren und sei es nur mit Kuchenbacken für das nächste Turnier.

Es sind die wenigen Überehrgeizlinge, die den Ruf einer ganzen Gattung ruinieren. „Emotionen“, so der Ex-Profi Sebastian Kneißl, der sich heute um Talentförderung kümmert, „Emotionen gehören unbedingt dazu, Eltern haben eine ganz andere Beziehung zum Spiel als wir Trainer. Werden sie in die richtige Richtung gelenkt, kann durchaus positive Energie entstehen, für alles Beteiligten: „Je mehr man Mamis und Papis in die Arbeit einbindet, desto stärker wird das Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Dankbarkeit, fordert Kneißl, sollten Eltern spüren, „schließlich überlassen sie uns Trainern das Wertvollste, was sie haben: Ihr Kind.“

Bestimmt würde viel Brisanz aus dem Verhältnis zwischen Trainern und Eltern genommen, würde man den überehrgeizigen Vätern und Müttern die Statistiken nahebringen, die zeigen, wie wenige, selbst an Nachwuchsleistungszentren ausgebildete Spieler später vom Fußball leben können. „Je ausgeprägter die Erfolgsorientierung, desto mehr degeneriert Fair Play zu einer fiktiven Handlungsanleitung des Leistungssports“, hat der Sportwissenschaftler Gunther Pilz festgestellt, als er die Einstellung von Jugendspielern und Jugendtrainern untersuchte.

Kneißl findet es sogar spannend, wenn auch unangenehme Eltern dabei sind: „Sie bringen Pep in die Sache.“ Um sich dabei nicht aufzureiben, müsste aber der Nachwuchscoach alles sein: eine starke Persönlichkeit, ein unantastbarer Fachmann, ein toller Redner, Pädagoge, Psychologe, väterlicher Freund. Aber ist das nicht viel zu viel verlangt von einem Jugendtrainer, der nach einem langen, anstrengenden Arbeitstag vor den Jungs steht? Es ist zu schaffen. Wenn er Unterstützung von den Eltern erfährt.

Und die bekommt er. Meistens jedenfalls, hat Manni Schwabl festgestellt. Aber es gibt eben auch die anderen, die, die vom Prosecco in der VIP-Lounge träumen, während der Sohn unten auf dem Rasen der Arena Triumphe feiert. Das werden aber, wenn überhaupt, höchstens die erleben, die ihr Kind verantwortungsvoll begleitet und nicht aus falsch verstandenem Ehrgeiz drangsaliert haben. REINHARD HÜBNER

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