Im Interview lässt der Haching-Boss 2020 Revue passieren und blickt voraus

Manfred Schwabl: „Wir setzen drastischer denn je auf den eigenen Nachwuchs“

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Blickt kritisch zurück und hoffnungsfroh voraus: SpVgg-Präsident Manfred Schwabl.

Hinter dem Fußball-Drittligisten SpVgg Unterhaching liegt ein so schwieriges wie kurioses Jahr. Der Münchner Merkur sprach mit Vereins-Boss Manfred Schwabl.

Wie fällt Ihre Hachinger Jahresbilanz für 2020 aus?

Es war ein brutales Auf und Ab. Die abgelaufene Rückrunde nach Corona war sehr ernüchternd. In der laufenden Saison mit vielen personellen Veränderungen im Trainerteam und sportlichen Bereich gab es auch Höhen und Tiefen. Die 3. Liga wird sportlich gesehen immer besser, wird aber finanziell unter den jetzigen Umständen mehr und mehr zum Fiasko. Sich dort als SpVgg Unterhaching behaupten zu können, ist schon mal überhaupt eine große Herausforderung.

Welche Lehren hat 2020 Haching erteilt?

Die klare Botschaft muss nach diesem schwierigen Jahr sein, zukünftig komplett auf den eigenen Nachwuchs zu bauen. 80 Prozent des Profikaders möchte ich ab der Saison 2022/2023 aus dem eigenen Stall haben. Die Maßgabe ist: Zurück zu den Wurzeln. Diesen Plan haben wir zwischenzeitlich ein bisschen wegen des Aufstiegsdrucks wirtschaftlicher Art verlassen und ziehen ihn ab jetzt wieder gnadenlos durch. Vielleicht hat es in der vergangenen Rückrunde so drastisch kommen müssen, dass wir vom Fußballgott für diesen abgeänderten und für Haching untypischen Kurs die Quittung bekommen haben.

Wie soll es demnach weitergehen?

Nachdem der Aufstieg in der vergangenen Saison fahrlässig verspielt wurde, müssen wir uns wieder auf unsere Tugenden besinnen und heuer hauptsächlich darauf achten, dass wir nicht unten reinrutschen. Es hat ja kurz schon einmal danach ausgesehen, als ob wir taumeln. Ich jedenfalls bin realistisch genug und schaue genau hin…

Wie beurteilen Sie die laufende Saison unter dem neuen Trainerteam um Cheftrainer Arie van Lent?

Die Dreier-Trainer-Kombo Arie van Lent, Robert Lechleiter und Roman Tyce läuft sich immer mehr warm. Lechleiter und Tyce haben Hachings DNA ja schon aus früheren Zeiten gekannt. Arie hat etwas gebraucht, was aber nicht ungewöhnlich für einen neuen Trainer ist. Dieses Trio arbeitet inzwischen sehr gut zusammen. Sie bauen junge Spieler ein und setzen nach und nach den Weg um, den der Verein auch will.

Wurde Ihre Erwartung an eine harte Trainerhand bei van Lent erfüllt?

Ja, schon. Arie ist zwar keiner der Marke Werner Lorant, der immer laut auf den Tisch gehauen hat. Er versucht es mit konsequenten Handlungen. Als Paradebeispiel kann man hier Luca Marseiler oder Christoph Greger nennen. Sie wurden nach schwächeren Leistungen mal vorübergehend rausgenommen und waren dann nach dieser Denkpause wieder in der Spur.

Kamen diese fruchtenden Maßnahmen möglicherweise nicht zu spät?

Ich denke nicht. Das neue Trainerteam musste sich erst einmal einen Überblick verschaffen. Es war genau der richtige Zeitpunkt. In unserer schlechten Saisonphase habe ich natürlich schon erwartet, dass man ganz genau hinschaut. Und das ist passiert, nachdem die Trainer einen Gesamtüberblick hatten.

Welche Rolle spielt in der neuen Konstellation der Sportliche Leiter und Ex-Trainer Claus Schromm?

Claus ist eine Seele von Mensch, der Haching seit Jahren mit prägt. Er bringt sich ohne Eitelkeiten voll ein und unterstützt die neuen Trainer. Und Claus spricht Dinge intern an, die wir ändern müssen. Im Sinne des Gesamtprojekts schaut er bis ganz runter auf den Nachwuchs. Seine Person ist für den Verein unbezahlbar.

Hat bei Ihnen generell Solidarität gegenüber Erfolg Vorrang?

Als Vereinsvorstand muss ich das große Ganze betrachten. Ich kann nicht alles nur an Punkten in der Drittliga-Tabelle festmachen. In Sachen Solidarität hat sich Haching im Jahr 2020 besonders positiv hervorgetan. Es gab keine Kurzarbeit, wir haben unseren Gastronomiebetrieb aufrechterhalten können, wir haben trotz einer schwierigen finanziellen Situation im eigenen Verein Sozialprojekte wie zuletzt bei den Sternstunden angeschoben, wir haben Tickets nicht für die eigene Kasse, sondern für Kinder in Not verkauft und wir besitzen loyale Mitarbeiter, die den Weg gemeinsam mitgehen. Das alles macht Lust auf mehr. Wenn man nur darüber diskutiert, ob der Ball ins Tor fliegt oder nicht, ist mir das in einem Vereinsleben viel zu wenig.

Nehmen Sie in diesem Zusammenhang sportliche Kollateralschäden wie zum Beispiel einen Regionalliga-Abstieg in Kauf?

Dieses Vorgehen ist für mich bei unserer Vereinsstruktur alternativlos, denn am Ende des Tages muss wirtschaftlich sinnvoll und zum Wohle des Vereins gehandelt werden. Wenn jemand der Meinung ist, er habe ein besseres Konzept oder zukunftsträchtige Verbesserungsvorschläge, meine Tür steht immer offen. Wir werden unseren Kurs jedenfalls ab sofort gnadenlos durchziehen und auf die eigene Jugend bauen. Auf die Gefahr hin, dass es uns möglicherweise irgendwann nochmal trifft.

Wäre ein Regionalliga-Abstieg überhaupt zu stemmen?

Klar, dann greifen wir halt wieder an. In der 3. Liga ist das Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben auch nicht großartig anders als in der Regionalliga. Die 3. Liga ist grundsätzlich kaum stemmbar. Es sei denn, man fährt dort das Modell mit jungen Spielern und setzt damit auf geringere Personalkosten sowie realistische Transfererlöse. Dann ist die 3. Liga für Vereine vielleicht machbar. Wenn es uns einmal trifft, dann bin ich der Erste, der den Kopf dafür hinhält, wieder aufsteht, die Ärmel hochkrempelt und wieder angreift. Dafür steckt viel zu viel Herzblut in diesem Projekt sowie soziales Engagement und Bodenständigkeit in diesem Verein, dass man so etwas leichtfertig aufgibt.

Wie beurteilen Sie die Kaderzusammenstellung im Jahr 2020?

Die Kaderzusammenstellung der letzten zwei Jahre war nicht immer optimal. In dieser Saison muss das aktuelle Trainerteam noch mit dem Kader arbeiten, den Claus und ich im Vorfeld der Saison zusammengestellt haben. Da haben wir in der einen oder anderen Personalie kein glückliches Händchen gehabt. Das kann man aber nicht den jetzigen Trainern zum Vorwurf machen. Da bin ich Manns genug, um auch meinen Schädel für die aktuelle Kaderzusammenstellung hinzuhalten. Den Kader werden wir künftig Stück für Stück nachregulieren und die Trainer in diesen Prozess voll integrieren. Wir haben jetzt schon den Blickwinkel auf die neue Saison.

Gibt es Neuzugänge in der Winterpause?

Die wirtschaftliche Situation ist für alle Vereine ja im Moment alles andere als rosig. Wir werden in der Winterpause gar nicht aktiv werden, was Neuverpflichtungen anbelangt. Wir haben genügend Spieler und verfügen über die Qualität, uns zumindest im Mittelfeld bewegen zu können. Wir müssen im Fußball alle erst einmal aufpassen und schauen, wann wieder Zuschauer kommen und ob die Sponsoren zukünftig an Bord bleiben. Wirtschaftliche Stabilität steht künftig über allem. Da bin ich schon sehr auf der Hut.

Was hat Sie bisher in der Liga positiv sowie negativ überrascht?

Die Aufsteiger sehe ich positiv. Sie sind alle voll bei der Musik dabei. Insgesamt beobachte ich, dass die Qualität in der 3. Liga mittlerweile sportlich sehr nahe an die 2. Bundesliga herangerückt ist. Wirtschaftlich weit weg, aber sportlich gut dabei. Negativ finde ich die Grundthematik, dass in der 3. Liga viel zu wenig junge Spieler eingesetzt werden.

Wie lautet Ihr Ausblick auf 2021 aus Sicht der SpVgg?

2021 geht es primär darum, wie jeder aus der Unsicherheit rund um Corona herauskommt. In diesem Zusammenhang kann man fast keinen Ausblick auf 2021 wagen. Vielleicht ist man im Frühjahr schlauer, was die Zukunft anbelangt. Klar ist jedenfalls für uns: Wir setzen ab jetzt voll auf den eigenen Nachwuchs und zwar drastischer denn je.

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