Interview mit Haching-Torwart Jo Coppens

Was Haching fehlt? „Das ist die Eine-Million-Frage...“

Hachings Trainer Arie van Lent mit Torwart-Neuzugang Jo Coppens.
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Niederländischer Trainer, Torwart aus Belgien: Arie van Lent und Jo Coppens funken auf einer Wellenlänge.

Routine statt Jugend, externe statt interne Lösung. Der Belgier Jo Coppens, 30, ersetzt bei der SpVgg Unterhaching den zu RB Salzburg gewechselten Nico Mantl, 20. Eine Personalie mit längerer Vorgeschichte – und mit Erfolgsgeschichten-Potenzial. Warum Coppens Gegner nervt, aber das eigene Team nicht nur mit den Händen voranbringen kann, verrät er im Interview.

  • Als „Nervensäge“ im Tor von Carl Zeiss Jena brachte er Manni Schwabl zur Verzweiflung.
  • 2018 schoss er ein Tor aus dem Spiel heraus: „Das ist aus dem Nichts passiert, so etwas plant man nicht.“
  • In der berühmten Torwartschule des KRC Genk trainierte er die Hälfte der Zeit seinen Fuß.

Herr Coppens, seit zwei Spielen stehen Sie bei der SpVgg Unterhaching zwischen den Pfosten. Welchen Eindruck haben Sie von Ihrer neuen Mannschaft?

Coppens: Mein Eindruck ist, dass wir leider noch nicht das bekommen, was wir verdienen. Wir stecken viel Energie ins Training und in die Spiele, aber leider wird das noch nicht mit Punkten belohnt. Das ist schwer zu akzeptieren, denn die Jungs kämpfen sehr hart, die Arbeit ist gut - und die Qualität auch.

Es gab mit Ihnen zwei unglückliche 0:1-Niederlagen, eine in Lübeck und eine im Sportpark gegen Ingolstadt. Was fehlt denn der Mannschaft außer Glück?

Coppens: Das ist die Eine-Million-Frage, oder? (lacht) Wenn ich das so genau beantworten könnte, wüsste ich zu 100 Prozent, dass wir am Wochenende in Meppen gewinnen. Im Fußball ist das nicht immer so einfach, da geht es auch viel um Kleinigkeiten. Das klingt jetzt sehr klischeehaft, aber wir müssen einfach weiter Vollgas geben, um das Glück auf unsere Seite zu zwingen.

Sie sind ja ein erfahrener Torwart, der neu dazugekommen ist und noch den Blick von außen hat. Erkennen Sie ein psychologisches Problem? Es ist ja nicht das erste Mal, dass Haching eine Rückrunde verpatzt…

Coppens: Gute Frage. Psychologie ist ein großes Wort. Ich glaube nicht, dass es ein psychologisches Problem ist. Gegen Ingolstadt hat man gesehen, dass wir bis zum Schluss gekämpft habe, dazu brauchst du auch eine starke Psyche. Ich denke wirklich eher, dass es nur Kleinigkeiten sind. Wir müssen ruhig und fokussiert bleiben, dann dreht sich das auch.

Sie treten ja ein schweres Erbe an. Nico Mantl ist zwar noch ein junger Torwart, aber er hatte einen großen Stellenwert in Haching, war unumstrittene Stammkraft und Aushängeschild in einem. Haben Sie ihn noch kennengelernt, ehe er nach Salzburg gewechselt ist?

Coppens: Ich habe ihn zweimal kurz gesprochen. Er ist ein guter Typ, und was er gemacht hat, ist überragend. So jung und schon so konstant in seinen Leistungen! Es freut mich für ihn, dass er das im eigenen Verein geschafft hat, das finde ich richtig cool.

Sie selber sind nach dem Abstieg mit Jena nach Norwegen gewechselt. Hat es Ihnen in Lilleström nicht gefallen, oder warum sind Sie so schnell nach Deutschland zurückgekehrt?

Coppens: Doch, es hat mir super gefallen, meiner Familie auch. Am Ende habe ich aber nicht mehr gespielt, und dann fehlt dir natürlich was. Das Angebot aus Unterhaching kam dann zum richtigen Zeitpunkt.

Manni Schwabl ist für Sie von seinem Jugendkurs abgewichen. Er wollte in dieser Situation keine Experimente im Tor, sondern Erfahrung. Hat er Ihnen

Coppens: Wir haben offen miteinander geredet. Die Inhalte bleiben geheim, aber es war ein gutes Gespräch. So gut, dass ich richtig Bock habe auf Haching.

Dann hat er bestimmt auch noch mal vom 28. April 2019 gesprochen, von einem Heimspiel im Abstiegskampf gegen Jena. In einer Presserunde sagte er jüngst, dass er Sie auch deswegen geholt hat, weil Sie ihm damals bei der 0:1-Niederlage auf die Nerven gegangen seien. Sie hätte jeden noch so unmöglichen Ball gehalten!

Coppens: Ich kann mich noch an dieses Spiel erinnern. Da hatte ich einen guten Tag – und mit Jena das Momentum. Wenn Sie so wollen, war ich im Nachhinein gerne die Nervensäge (lacht).

Sie kommen ursprünglich vom KRC Genk, einem belgischen Verein, der bekannt ist für seine Torwartschule. 50 Prozent der Trainingszeit werde dort mit dem Fuß gearbeitet, hat Koen Casteels vom VfL Wolfsburg in einem Interview gesagt. Können Sie das bestätigen?

Coppens: Ja, das ist so. In Genk gab es eines der ersten Nachwuchsleistungszentren, die auf die Torwartausbildung gesetzt haben. Wir haben wirklich viel mit dem Fuß trainiert und gelernt, uns in Feldspieler reinzudenken. Genk ist eine Wiege für das moderne Torwartspiel, aus meiner Sicht machen die das überragend.

Also könnten Sie auch als Feldspieler aushelfen, wenn die Hachinger Hot noch größer wird?

Coppens: Nein, um Gottes Willen. Das wäre keine gute Idee (lacht)!

Immerhin haben Sie mal ein Tor aus dem Spiel heraus geschossen, 2018 war das, gegen Bremens zweite Mannschaft. Wie kam das?

Coppens: Das war Zufall. Ich wollte einfach einen langen Ball hinter die Abwehrkette schlagen, der Keeper stand ein bisschen weit vor seinem Tor – drin war er.

Zum „Tor des Monats“ hat es überraschend nicht gereicht, aber bestimmt war es ein Highlight in Ihrer Karriere.

Coppens: Es war ein komisches Gefühl. So etwas plant man nicht. Dann passiert das aus dem Nichts – und die ganze Welt schreibt darüber. Ein schöner Moment, aber generell ist es mir lieber, wenn ich mit den Händen für Aufsehen sorge.

Nur drei Mannschaften in der 3. Liga haben weniger Tore geschossen als die SpVgg. Was raten Sie den Kollegen aus der Offensive?

Coppens: Als Torwart steht es mir nicht zu, den Stürmern Tipps zu geben. Sie sollen einfach weitermachen – es kommt immer eine neue Chance und ein neuer Ball.

Ihr Vertrag läuft zunächst bis zum Saisonende. Ziehen Sie danach weiter oder würden Sie gerne sesshaft werden?

Coppens: Ich bleibe auch gerne länger an einem Ort, aber in der momentanen Lage war es das Beste, erst mal fünf Monate für fixieren.

Als Torwart hat man mit 30 noch locker ein Jahrzehnt vor sich. Haben Sie noch ein Land oder eine Liga, wo es Sie hinzieht?

Coppens: Schwer zu sagen. Natürlich will jeder mal in der Premier League spielen, aber man muss auch realistisch sein. Ich plane generell nicht so weit voraus, sondern denke eher von Woche zu Woche. Du musst heute leben – dann kommt das Morgen von alleine.

Letzte Frage: Wie versteht sich der Belgier Jo Coppens mit dem Niederländer Arie van Lent?

Coppens: (lacht) Solche Rivalitäten spielen keine Rolle. Arie van Lent ist ein super Typ, sein Verständnis von Fußball gefällt mir auch. Wir haben beide das gleiche Ziel, Haching nach vorne zu bringen.

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