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Servus Skifahrer! Snowboard-Chef Andi Scheid wünscht sich eine eigene Heimat

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Von: Uli Kellner

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Selina Jörg und Ramona Hofmeister posieren mit ihren Snowboards.
Zwei prägende Gesichter von Snowboard Germany: Ramona Hofmeister gewann dreimal in Folge den Gesamtweltcup, Selina Jörg (r.) verließ 2021 als Weltmeisterin die große Bühne. © Stefan Matzke / sampics

Happy Birthday, Snowboard Germany! Aus einem kleinen Verband wurde binnen 20 Jahren eine große Medaillenschmiede. Unser Interview mit Sportdirektor Andi Scheid.

Andi Scheid, welche konkreten Erinnerungen verbinden Sie mit dem 22. November 2002?

Scheid: Das war der Tag der Verbandsgründung – da sind wir aus dem Deutschen Skiverband ausgegliedert worden, und es wurde der Snowboardverband Deutschland gegründet. Ab da waren wir selbst- und eigenständig, von jetzt auf gleich.

Wie muss man sich das vorstellen: Ein paar Snowboarder sitzen zusammen und einer sagt: Lasst uns einen eigenen Verband gründen?

Scheid: Ganz so war’s nicht (lacht). Das war schon mehr ein formaler Akt. Keiner der damals Anwesenden hat aber ahnen können, wohin genau das führen wird. 20 Jahre später lässt sich sagen: Es hat sich einiges getan.

Andi Scheid, Sportdirektor von Snowboard Germany.
Das Urgestein von Snowboard Germany: Andi Scheid, 51, einst einer von drei Trainern, heute als Sportdirektor verantwortlich für serienmäßige Erfolge. © Stefan Matzke / sampics

Sie waren ja damals einer der Trainer, zuständig für den Racebereich am Stützpunkt Berchtesgaden. Haben Sie da schon ein fixes Gehalt bekommen oder nur sporadisch Honorare?

Scheid: Das war so eine Mischung. Zu 50 Prozent hab ich damals als Rennleiter den Kids-Cup organisiert, die anderen 50 Prozent regional als Trainer gearbeitet. Es gab damals zwei Snowboarder aus Frankfurt, die man ins Eliteinternat des Sports aufgenommen hat. So ungefähr waren die Anfänge. Umgerechnet 1800 Mark habe ich damals bekommen. Gescheit leben konnte man nicht davon. Es war halt viel Idealismus dabei.

Wie viele Mitarbeiter standen damals auf der Payroll und wie viele sind es heute?

Scheid: Damals waren wir drei Trainer: Uwe Beier hat die Weltcup-Mannschaft betreut, ich den Nachwuchs, dazu gab es noch einen Honorartrainer für Freestyle – und eine halbe Stelle für Organisatorisches. Wenig, wenn man bedenkt, dass wir heute in jeder Disziplin sechs Trainer haben, also 18 bis 20. Und dazu ein Officeteam. Man muss aber nicht meinen, dass die Arbeit dadurch weniger geworden ist, im Gegenteil… (lacht).

Sind Sie der Einzige, der die ganzen 20 Jahre in irgendeiner Funktion am Start war?

Scheid: Von der Anfangs-Crew bin ich tatsächlich der Einzige. Es gibt allerdings Rückkehrer, die damals Athleten waren und jetzt als Trainer arbeiten.

Kann man sagen, dass es das Hauptziel der Snowboarder war, sich aus dem Fingerhandschuhgriff der Skifahrer zu befreien?

Scheid: Ja – es gab aber auch pragmatische Gründe. Sponsoren, eine gute Außendarstellung. Einiges hatte sich mit der Identität der Skifahrer überkreuzt. Man hat sich an diesen Themen gerieben und hat überlegt: Wie schafft man es, dass Snowboarden leistungsfähig ist, sich das Leben aber ein bisschen leichter macht?

Das Hauptziel war 2002, sich aus dem Fingerhandschuhgriff der Skifahrer zu befreien

Sie sind aber all die Jahre in Planegg geblieben, als Untermieter im Haus des Ski. Gerne oder mangels Alternativen?

Scheid: Inzwischen sind wir ein anerkannter Schwesterverband, würde ich sagen. Der Unterbau ist ja gleich, wir sind in sehr vielen Dingen eng verknüpft: Trainingsstätten, Eliteschulen des Sports, beim Thema Schnee. In vielen Punkten macht es das Leben leichter, aber allmählich könnte man mal darüber nachdenken, noch eigenstündiger werden – mit einem eigenen Home of Snowboard. Diesen Wunsch gibt es – und auch erste Überlegungen.

Tatsächlich?

Scheid: Ja, klar. Wobei man immer sehen muss, dass das Ganze in einer umgekehrten Reihenfolge stattgefunden hat. Wir sind ja damals nicht hergegangen und haben gesagt: So ist die Identität der Snowboarder in Deutschland. Nein, das Ganze musste sich erst entwickeln. Eigene Positionierung, sportlicher Erfolg, unser Logo, unsere Außendarstellung , unsere Wettkämpfe – im Kleinen vielleicht auch unsere Fans. So haben wir im Laufe der Jahre unsere eigene Identität entwickelt. Snowboarden hatte schon immer was mit Freiheit zu tun, was total richtig ist. Aber wenn ich ein Spitzensportverband in Deutschland bin, dann ist das oberste Credo einfach Leistung. Und ganz wichtig: nachhaltig planen. Mit anderen Worten: Wenn wir heute eine WM- oder Olympia-Medaille gewinnen, sollte sichergestellt sein, dass es 2026 oder 2030 wieder Chancen und Potenziale gibt. Anfangs sah’s ja eher dünn aus – inzwischen sprechen wir international ein gutes Wort mit.

Die ersten zehn Jahre hatte das Kind ja noch den etwas sperrigen Namen „Snowboardverband Deutschland“. Das klang wenig sexy. Was hat sich geändert durch die Umbenennung in Snowboard Germany?

Wir wollen moderner wirken, progressiver. Snowboard Germany – das trifft’s einfach besser. Hat mehr Pep – und holt alle besser ab, auch die sogenannten wilden, freiheitsliebenden Sportler. 

Sportdirektor Andi Scheid.

Scheid: Ich denke, die Werte, die wir für uns definiert haben – die strahlen damit besser von innen nach außen. Wir wollen moderner wirken, progressiver. Snowboard Germany – das trifft’s einfach besser. Hat mehr Pep – und holt alle besser ab, auch die sogenannten wilden, freiheitsliebenden Sportler. Wir wollen ja ein Snowboard-Haus für alle sein. Es wirkt auch, das merken wir. Viele, die auf regionaler Ebene im Verein organisiert sind – die sind schon stolz, wenn sie ein Cap mit dem Logo Snowboard Germany tragen. Dass wir da unser eigenes Ding machen, findet man übrigens auch im benachbarten Ausland ganz cool.

Früher waren Sie bis zu 180 Tage im Jahr am Berg, seit 2018 haben Sie eher einen Schreibtischjob. Was macht mehr Spaß: Trainer oder Sportdirektor?

Scheid: Alles hat seine Zeit. Ich möchte die Zeit am Berg nicht missen, hab es sehr gerne gemacht. Aber auch jetzt macht mir die Arbeit viel Spaß. Man lernt ständig dazu, arbeitet auf eine Vision hin, auch im Team. Es ist ein großer Anreiz, unser Kind auf immer stabilere Beine zu stellen. Ich könnte nicht sagen, was ich lieber mache.

Wenn man mit so jungen Menschen zusammenarbeitet, bleibt man selber auch jung. Sind Sie bereit für die 20 nächsten Jahre in prägender Rolle?

Scheid: Wenn ich meinen eigenen Zielen und denen des Verbandes gerecht werde, dann mache ich das gerne. Aber man muss auch irgendwann Platz machen für jüngere Menschen mit neuen Ideen. Manchmal würde ich es mir ruhiger wünschen, manchmal aber auch nicht.

Und was sehen Sie als größte Herausforderungen für die Zukunft?

Scheid: Die Energiekrise und den Klimawandel. Wir wollen unseren Sport auch noch in zehn Jahren ausüben – und dazu sind gewaltige Anstrengungen nötig. Wir müssen Bewusstsein schaffen, alternative Trainingsmethoden entwickeln, wo man sich ein Stückweit schneeunabhängig macht. Unser Nachhaltigkeitsboard, an dem sich die Sportler aktiv beteiligen, kann da erst der Anfang sein.

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