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Francesco Friedrich bleibt auf Rekord-Jagd: „Wir müssen das Doppel-Gold verteidigen“

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Von: Hanna Raif

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Für Francesco Friedrich läuft die Saison bisher nach Maß.
Für Francesco Friedrich läuft die Saison bisher nach Maß. In Innsbruck holte er vor einer Woche im Weltcup gleich drei Pokale. © Expa/Johann Groder/dpa

Noch vor der Heim-WM in Altenberg sinniert Bob-Ass Francesco Friedrich über seine Zukunft und über die kommenden Olympischen Spiele. Er hat noch lange nicht genug.

München - Francesco Friedrich hat eine entspannte Woche hinter sich. Zum einen, weil den Bob-Olympiasieger sowieso selten etwas aus der Ruhe bringt. Zum anderen aber auch, weil die WM ab heute auf seiner Heimbahn in Altenberg stattfindet – und niemand an seinem nächsten Doppel-Triumph zweifelt. Im Interview blickt der 32-Jährige auf den Saisonhöhepunkt.

Herr Friedrich, wenn man Ihren Namen im Zusammenhang mit dem Bobsport erwähnt, heißt es überall: „Welchen Rekord hat der eigentlich noch nicht gebrochen?“

Friedrich: (lacht) Oh, da gibt es noch ein paar.

Welche?

Friedrich: Also erst mal müssen wir noch einen Weltmeistertitel gewinnen, um alleiniger Rekordhalter zu sein. Dann hat Andre Lange fünf WM-Titel im Vierer, dazu drei davon am Stück gewonnen. Auch das haben wir erst eingestellt. Also konkret: Wir müssen noch zweimal Vierer-Weltmeister werden, eigentlich sogar dreimal. Und wir müssten das doppelte Gold verteidigen. Das hat auch noch keiner geschafft. Es gibt noch genug Anreize.

Francesco Friedrich im Interview: Hätte mich gern in Lake Placid gemessen

Da passt es, dass wieder eine Heim-WM ansteht – oder hätten Sie sich lieber im Jahr vor den Olympischen Spielen auf einer Bahn gemessen, die Sie nicht bestens kennen?

Friedrich: Lake Placid, also der ursprüngliche WM-Ort, wäre uns schon lieber gewesen, das gebe ich offen zu. Vor allem im Vierer hätte ich gerne gesehen, wie wir dort stehen. Zumal die Heim-WM heuer ja nicht sein wird wie die im Vorjahr. Das wird man nicht vergleichen können. Rein aus sportlicher Sicht wäre irgendeine andere Bahn für uns sicher besser gewesen. Jetzt kann es schon sein, dass es am Ende heißt: „Die haben wieder Heimvorteil.“ Allerdings ist das Jammern auf hohem Niveau, das muss man auch klar sagen. Wir sind froh, dass wir eine WM fahren dürfen, dass wir die TV-Zeiten bekommen. Das ist ja letztlich das, was zählt.

Und es ist doch deutlich entspannter für Sie.

Friedrich: In der Tat. Ich werde sogar zu Hause schlafen, soweit es geht. Also wenn die Kinder durchschlafen (lacht).

Die ganze Saison steht unter dem Motto „Materialtest“. Wie unterscheidet sich das von einem normalen Winter?

Friedrich: Wir sind tatsächlich fast jede Woche einen neuen Schlitten gefahren, haben hin und her gebaut, die Lenkung neu eingestellt, mussten uns jede Woche neu einfuchsen. Erst in den letzten Wochen vor der WM haben wir uns auf Schlitten festgelegt, mit denen werden wir dann bis zum Ende der Saison fahren. Zumindest in der Hinsicht wird es also ein bisschen entspannter.

War die Aufgabe anstrengend für Kopf und Körper?

Friedrich: Auf jeden Fall, sehr sogar. Dazu die vielen Corona-Tests*. Ich gebe zu: Wir hatten echt wenig Luft in diesem Winter.

Was sind Ihre Erkenntnisse auf dem Weg nach Peking?

Friedrich: Unser aktueller Stand ist ziemlich gut. Aber man darf sich nicht blenden lassen: Wir sind im vorolympischen Jahr, das hat also alles noch nichts zu bedeuten. Wir denken schon, dass auch bei der Konkurrenz noch Entwicklungen kommen werden. Und wenn dann jemand einen echten Sprung nach vorne macht, ist unser Vorteil auch schnell wieder dahin. Deswegen müssen wir hart weiterarbeiten, uns im Sommer Gedanken machen, die Sachen voranbringen. Das Grundkonzept ist gut – jetzt heißt es, die Feinheiten für Olympia herauszukitzeln.

Francesco Friedrich im Interview: „Im Vierer wird das eine heiße Geschichte“

Johannes Lochner hat parallel getestet. Bisher aber kommt er nicht an Ihre Leistungen heran. Trotzdem sagt er: „Wenn ihn einer schlägt, dann ich.“ Ist das mit Blick auf die WM realistisch?

Friedrich: Im Zweier schon. Im Vierer gibt es aber ein, zwei, drei weitere Konkurrenten. Justin Kripps muss man auf der Rechnung haben, dazu die Letten, der Österreicher Benjamin Maier, der in Altenberg super zurechtkommt. Im Vierer wird das eine heiße Geschichte, da bin ich sicher.

Wie ist denn Ihr Umgang mit Lochner? Ist er nicht zunehmend genervt, dass Sie immer vorne sind?

Friedrich: Unser Umgang ist sehr gut, wie immer. Aber wir haben durch die Hygienevorschriften ehrlich gesagt kaum Kontakt. Wir sehen uns eigentlich nur an der Bahn, sonst nicht. Essen, Athletiktraining, Material – das findet ja alles versetzt statt.

Gar keine Gelegenheit für blöde Sprüche?

Friedrich: (lacht) Ab und zu geht das schon. Aber dann von beiden Seiten.

In München gibt es selbst beim FC Bayern das Gefühl der Übersättigung, bei Ihnen scheint das ein Fremdwort zu sein. Wie schaffen Sie es, immer noch besser, noch schneller, noch erfolgreicher zu werden?

Friedrich: Wir machen uns halt einfach Gedanken, prüfen das System jedes Jahr aufs Neue. Athletiktraining, Kufen, Schlitten – wir haben uns da akribisch weiterentwickelt. Unser Team ist außerdem nahezu auf Bestleistungsniveau, wir machen uns alle gegenseitig noch besser.

Haben Sie im Kopf nie das Gefühl: ich habe doch schon alles?

Friedrich: Das ist mein Job, den ich hier mache. Und ich habe das Glück, dass ich einen Job mache, bei dem ich nicht jeden Tag gelangweilt ins Büro gehen muss. Mir macht das einfach Spaß: Ich bin draußen, ich kann meinen Spaß haben, die Eiskanäle runterfahren. Ich bin mir außerdem sehr bewusst, dass die Zeit im Sport begrenzt ist. Ich will sie nutzen, jeden Tag. Denn ich will nicht nach meinem Karriereende sagen: Hätte ich das und das nur anders gemacht.

Francesco Friedrich im Interview: Bin von Beginn an einen anderen Weg gegangen

Bundestrainer René Spies sagt, Sie bringe nichts aus der Ruhe. Stimmt das?

Friedrich: Das ist korrekt.

War das schon so, als Sie 2013 zum jüngsten Weltmeister der Geschichte wurden? Also: Ist diese Ruhe ein Charakterzug – oder mussten Sie sie lernen?

Friedrich: Ein bisschen was von beidem. Ich war immer ruhig und entspannt, aber man lernt natürlich dazu. Und es gibt auch Fehler, die man am Anfang macht, die man dann nicht mehr macht. Man lernt ja besonders viel aus den Sachen, die schiefgelaufen sind. Und ich habe von Beginn an einen anderen Weg genommen als die heutigen Piloten.

Welchen?

Friedrich: Ich habe ganz unten angefangen. Mit schlechten Geräten, langsamen Anschiebern, ohne Sponsoren. Dadurch habe ich einen anderen Hintergrund: Ich weiß, wie es ist, wenn man kämpfen muss, um Anschluss zu bekommen. Das hat mich geprägt und dafür gesorgt, dass ich auch heute nichts dem Zufall überlassen will und muss. So ist nicht meine Art. Die Neuen, die jetzt reinkommen, sitzen gleich auf FES-Schlitten mit guten Anschiebern hinter sich. Das ist schon was anderes.

Ihr Pendant im Rodeln ist Felix Loch. Er allerdings war nun zwei Winter gar nicht gut, ehe er sich wieder zurückkämpfte. Schließen Sie ein Leistungsloch für sich aus?

Friedrich: Das kann ich nicht, denn so etwas kann immer passieren. Genau wie es immer passieren kann, dass man sich verletzt. Aber auch da versuchen wir, uns regenerationstechnisch gut aufzustellen. Wir ernähren uns gut, haben gute Physiotherapeuten, die uns helfen. Da bin ich genauso akribisch wie überall.

Francesco Friedrich im Interview: „Ich weiß gut, wo meine Grenzen liegen“

Was sagt denn Ihr Körper mit 30 – was anderes als mit Anfang 20?

Friedrich: Auf jeden Fall. Manche Sachen muss ich mir heute schon mehr überlegen als früher, dosierter mit meinen Kräften umgehen. Ich weiß aber gut, wo meine Grenzen liegen, wann ich aufpassen muss, wann ich fit genug bin, um auch mal spielen zu können.

Können Sie noch besser werden?

Friedrich: Das wird man sehen, ausschließen werde ich es nicht. Es hängt aber von verschiedenen Faktoren ab. Athletisch sind wir schon auf einem sehr, sehr guten Niveau, da ist vielleicht noch minimal etwas möglich. Aber im Materialsektor entwickelt man sich ja ständig weiter. Auch wir haben immer neue Ideen, manche davon funktionieren, manche aber auch nicht. Das Hauptproblem ist immer die Zeit. Die Läufe pro Jahr sind begrenzt, wir haben aber so viele Ideen, dass wir uns auf eine Richtung konzentrieren müssen. Das ist deshalb der schwierigste Teil.

Bis 2026 ist aber viel Zeit.

Friedrich: Immer der Reihe nach (lacht). Mein Primärziel ist Peking, dann die WM in St. Moritz. Und dann gucken wir mal von Jahr zu Jahr, wie es weitergeht. Wenn ich kämpfen muss, überhaupt noch aufs Podium zu fahren, werde ich mich mit einem Karriereende beschäftigen. Denn das ist nicht mein Ziel.

Sie schließen weitere vier Jahre nach Peking aber nicht aus?

Friedrich: Aktuell nicht. Auf keinen Fall.

Es gibt ja noch ein paar Rekorde zu brechen.

Friedrich: So ist es (lacht).

Das Interview führte Hanna Raif. *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

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