Anni Friesinger: "Es ist wie ein zweites Leben"

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Anni Friesinger mit ihrem Mann Ids Postma

München - Anni Friesinger zeigt in der tz ihr Familienglück mit Tochter Josephine und Ehemann Ids Postma. Sie sagt: "Manchmal ist es schon fast kitschig, wie schön das alles ist."

Die kleine Josephine blieb unbeeindruckt – von den Lichtern an den Christbäumen, vom Duft von Zimt und Mandeln, von der heimeligen Stimmung. Friedlich schlummerte sie vor sich hin mit ihren viereinhalb Monaten, umso mehr leuchteten dafür die Augen der Mama: Anni Friesinger, die im Dezember zum ersten Mal mit ihrem Mann Ids Postma den Kinderwagen über den Christkindlmarkt ihrer Wahlheimat Salzburg schob – und die jetzt mit 34 zum ersten Mal Weihnachten als Mutter feierte. „Ich genieße jeden Tag mit meiner Tochter“, sagte Friesinger beim gemeinsamen Weihnachts-Bummel zur tz, „es ist wie ein zweites Leben.“

Ein zweites Leben, das sie viel glücklicher macht als das erste. Das erste Leben war Training, Wettkampf, die Jagd nach Medaillen. Eine erfolgreiche Jagd, die für Postma, den Olympiasieger von 1998, 2004 vorbei war, während sie, die dreimalige Goldmedaillengewinnerin, nach Vancouver 2010 die Schlittschuhe einpackte. Und so rund es für die beiden auf den Eis-Ovalen dieser Welt lief, so glatt ging auch der Übergang in die gemeinsame Zeit danach. Nie hatte sie daran gedacht, noch während der Karriere eine Babypause einzulegen und danach die Laufbahn fortzusetzen. „Das kam für mich nicht infrage“, sagt Friesinger. „Ich wollte das erst jetzt, wo ich Zeit habe und richtig da sein kann für mein Kind.“ Jetzt hat sie Zeit, viel Zeit, darum wirkt sie noch gereifter, lebenserfahrener, zufriedener als früher.

„Weil ein Kind zu haben“, sagt sie, „das ist so viel schöner als Gold. Die Freude über eine Medaille, die vergeht, du hängst sie in den Schrank und schaust sie manchmal an. Aber über ein Kind freust du dich jeden Tag, ein größeres Glück kannst du nicht haben“. Das Glück, das vor vier Monaten am 12. August in Meppen zur Welt kam, 3160 Gramm schwer war und 49 Zentimeter groß, das Glück, das man nicht in den Schrank hängt.

Unkompliziert sei die Schwangerschaft gewesen, sagt sie, meistens war sie bei sich in Salzburg, dann Ende Juli siedelte sie über zu ihrem Ids, auf den Bauernhof mit den 450 Milchkühen in Holland. Zur Geburt fuhr das werdende Elternpaar eine Stunde weiter östlich ins Ludmillenstift in Meppen. Die Mutter wollte das Kind in Deutschland zur Welt bringen, weil sie der medizinischen Versorgung hier mehr vertraute, sagt sie. Die ersten Tage blieben Mama, Papa und Baby noch in der Klinik, teilten sich ein großes Familienzimmer, danach ging es wieder zurück auf seinen Hof und Papa Postma sagt, dass es oft anstrengend sei: „Wenn ich zum Melken um fünf Uhr morgens aufstehen muss und Josephine zwischen zwei und drei Uhr wach ist. Aber selbst das möchte ich nicht mehr vermissen. Es ist alles wie das perfekte Glück.“ Und Mutter Anni sagt: „Manchmal ist es schon fast kitschig, wie schön das alles ist.“

Vor zehn Jahren ging es bei Anni Friesinger noch um den Zicken-Zoff mit Claudia Pechstein rund um Olympia in Salt Lake, jetzt geht es nur noch um heile Welt. Jetzt redet sie über ihr Baby, nicht mehr über die alte Rivalin, die nach ihrer abgelaufenen Sperre immer noch läuft. Aber zur Pechstein will Anni Friesinger auch ganz bewusst nichts mehr sagen. Würde vielleicht nur die Stimmung trüben.

Schön war die Stimmung auch an Weihnachten, das erste Mal zu dritt, Annis Mama Jana, die inzwischen auch in Salzburg wohnt, auf der anderen Seite der Salzach, war auch dabei und auch Annis jüngere Schwester: die Agnes, die inzwischen mit ihrem Freund Risto Rosendahl in Finnland lebt und als Sekretärin in einem Atomkraftwerk arbeitet. Bruder Jan dagegen blieb bei seiner Familie, ebenfalls in Skandinavien. Bei seiner Frau in Norwegen und bei seinem Sohn, dem zweijährigen Ola. Die Heimat in Inzell haben sie inzwischen alle verlassen.

Verlassen wird Anni Friesinger nun auch ab Januar ihre Tochter. Bis März wird sie bei drei Eisschnelllauf-Großereignissen als Co-Kommentatorin und Expertin für das holländische Fernsehen im Einsatz sein, eine Aufgabe, die ihr fachlich wie sprachlich leicht fallen wird, weil ihr Holländisch inzwischen perfekt sei, wie Ehemann Ids sagt.

Möglich, dass sie dann doch noch was zu Pechstein sagen muss; noch viel schwerer dürfte der Trennungsschmerz von ihrer Josephine sein. „Leicht wird das nicht“, gesteht Friesinger, die seit einigen Wochen allmählich abstillt, „genau deswegen wollte ich aber auch nur diese drei Veranstaltungen machen. Den ganzen Winter unterwegs zu sein, das könnte ich mir nicht mehr vorstellen.“ Es ist ja auch genau das Unterwegssein, was dann doch noch zum perfekten Glück fehlt, das ewige Pendeln zwischen seinem Bauernhof in Holland und ihrer Wohnung in Salzburg, das ist auf Dauer mühsam – auch wenn sie dank ihres Flugscheins mit einer einmotorigen Maschine in nur zweieinhalb Stunden bei ihrem Mann ist.

„Meistens habe ich Heimweh, wenn ich dort bin, dann zieht es mich zurück in die Berge.“ Sie spricht davon, dass Salzburg ihr Lebensmittelpunkt sei und von der Hoffnung, dass eines Tages Ids seine Viehwirtschaft vielleicht irgendwo im Salzburger Land aufziehen kann. Noch ist es aber konkret kein Thema, genauso wenig wie ein zweites Kind. „Jetzt genießen wir erst einmal die Josephine“, sagt die Mutter, „dann schauen wir weiter. Eilt nicht.“ Sie haben noch viel Zeit, in ihrem zweiten Leben.

Florian Kinast

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