Olympiasieger im Interview

Ex-Biathlet Greis: „Laura hat unheimliches Selbstvertrauen“

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„Bei unseren Männern fehl t es nur an Kleinigkeiten“: Michael Greis, dreifacher Olympiasieger in Turin 2006.

München – Olympiasieger Michael Greis spricht im Interview über die Leistungen der Deutschen beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding, über die Ausnahmestellung von Martin Fourcade und die Rolle von Laura Dahlmeier.

Das Ruhpoldinger Biathlon-Stadion ist einst auch die sportliche Heimat für Michael Greis gewesen. Hier hat sich der Allgäuer jahrelang getrimmt und die Basis gelegt für seine glorreiche Karriere. In Turin errang Greis 2006 drei olympische Goldmedaillen, zudem wurde er Weltmeister und Gesamt-Weltcupsieger. Der inzwischen 40-Jährige, der hauptberuflich in vielfältigen Rollen in der Biathlon-Arena Lenzerheide/Schweiz beschäftigt ist, kehrte jüngst während der Weltcup-Woche als Eurosport-Experte in seine frühere Trainings- und Wettkampfstätte zurück.

Michael Greis, die Weltcups in Oberhof und Ruhpolding waren für die deutschen Biathleten eine wichtige Standortbestimmung. Sind sie gerüstet für die WM, die in gut drei Wochen in Hochfilzen ausgetragen wird?

Michael Greis: Ja, auf alle Fälle. Die Deutschen haben super Leistungen gebracht. Vor allem in Oberhof. Man darf dabei nicht vergessen: Die Tage während der Heim-Weltcups sind extrem stressig. Es war dennoch zu sehen, dass die Basis stimmt. Wenn unsere Biathleten auch noch den kommenden Weltcup in Antholz gut über die Bühne kriegen, dann sind die Vorzeichen sicher sehr positiv.

Von den Männern hatte man sich in Ruhpolding etwas mehr erwartet...

Greis: Das würde ich jetzt so nicht sagen. Unsere Leute haben halt knapp das Podium verpasst. Man konnte aber gerade in der Staffel sehen, wie groß das Potenzial ist. Da hat Erik Lesser zwar als Startläufer gepatzt, aber die anderen waren in der Lage, die große Lücke wieder zu schließen und wurden noch Dritter. Grundsätzlich geht es sehr eng zu bei den Männern. Ein Beispiel dafür war der Verfolger. Arnd Peiffer und Simon Schempp hatten Pech, sind gestürzt und haben doch noch gute Plätze gemacht. Von den Laufzeiten her sind unsere Männer sehr gut dabei. In Ruhpolding fehlten fürs Podest nur Kleinigkeiten.

Der absolute Dominator der Szene ist Martin Fourcade. Er hat jetzt zehn von 13 Saisonrennen gewonnen. In Ruhpolding siegte er doppelt. Im Verfolgungsrennen behielt er sogar nach drei Strafrunden das bessere Ende für sich. Was sagen Sie zu seiner Überlegenheit?

Greis: Er leistet wirklich Unglaubliches. Beim Massenstart in Oberhof hat sich Martin noch überrumpelt gefühlt. Da hat er lange Zeit geglaubt, dass er es locker reißen kann. Aber da hat er sich verspekuliert und nicht damit gerechnet, dass ihn mit Schempp und Lesser gleich zwei Deutsche überholten könnten. Aber das hat seine Sinne geschärft. Das hat man im Ruhpoldinger Verfolger gesehen, als er auf der vierten Runde brutal attackierte, um seine Gegner unter Druck zu setzen. Das war ein Machtbeweis.

Erstaunlich in Szene setzt sich auch Ole Einar Björndalen, ihr alter Rivale. Beim Sprint in Ruhpoldinger wurde er trotz eines Schießfehlers Achter – und das mit fast 43 Jahren...

Greis: Ja, er ist in seinem Alter immer noch unheimlich fit. Mein Eindruck ist sogar, dass sich Oles Weitblick schon verstärkt auf Olympia 2018 in Pyeongchang richtet. Dort will er wahrscheinlich seinen großen Abgang haben.

Glauben Sie, dass es für den Oldtimer noch zu einer Medaille reichen könnte?

Greis: Es ist ihm schon noch zuzutrauen. Mit der norwegischen Staffel ist ohnehin immer alles drin. Und Ole ist der Biathlet, der sich in den letzten Jahrzehnten am intensivsten mit seinem Körper beschäftigt hat. Natürlich bewegt er sich auch auf des Messers Schneide. Er muss fokussiert bleiben und darf gleichzeitig nicht zu hungrig werden. Wobei Ole natürlich unheimlich hungrig auf Erfolg ist. Wie gesagt, es ist eine Gratwanderung. Ich drücke ihm auf jeden Fall die Daumen.

Laura Dahlmeier hat bisher eine großartige Saison geliefert. Die hohen Erwartungen der deutschen Fans konzentrieren sich allerdings ganz auf sie. Eine schwere Bürde?

Greis: Man darf da nicht vergessen, dass unser Frauenteam auch insgesamt stark ist. Das hat man auch beim Ruhpoldinger Staffelsieg gesehen. Laura ist in den Einzelrennen zwar bislang die einzige Siegläuferin. Die anderen klopfen aber im Anschlussbereich an. Also auf den Plätzen vier, fünf, sechs. Es stimmt mannschaftlich. Mit ihrer Führungsrolle kommt Laura dabei gut zurecht. Sie hat für ihr Alter unheimliches Selbstvertrauen in ihre Fähigkeiten. Sie hört auch gut in ihren Körper hinein. Und sie hat das Selbstbewusstsein, mal Rennen abzusagen, um gut durch die Saison zu kommen. Das ist schon sehr ungewöhnlich, dass man sich in jungen Jahren von den Zwängen befreit.

Bei der WM 2016 in Oslo hat Dahlmeier fünf Medaillen geholt. Ist das wiederholbar?

Greis: Das hängt natürlich immer von der Tagesverfassung ab. Aber wenn man sieht, was Laura für ein Potenzial hat und wie sie die Saison angeht, dann kann man sich das schon vorstellen.

Ein großes Biathlon-Thema dieser Tage ist die Dopingdiskussion um das russische Team. Am Samstag will sich der Weltverband IBU zu den Ergebnissen des McLaren-Berichts äußern. Ihre Erwartungen?

Greis: Ich kann nur hoffen, dass die IBU konsequent dran bleibt. Das Thema Doping beschäftigt uns ja schon seit Jahren. Es gab immer wieder Fälle, speziell auf russischer Seite. Das muss einfach aufhören. Ansonsten wird unser Sport unglaubwürdig.

Das Interview führte Armin Gibis

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