Biathlon-Trainer Wolfgang Pichler

Russland-Wahnsinn: "Wo ist Pichler? Ich töte ihn!"

+
Voll engagiert: Wolfgang Pichler steht vor Sotschi gewaltig unter Druck

München - Im Interview mit der tz spricht Biathlon-Legende Wolfgang Pichler über seine Arbeit in Russland und den dort herrschenden rauhen Umgangston.

W illkommen zurück, Herr Pichler, Sie waren gerade zwei Wochen im Urlaub in der Türkei. Haben Sie sich halbwegs erholen können?

Wolfgang Pichler (58): Sehr. War ein schöner Urlaub. Hat richtig gut getan nach dem Winter. Aber logisch, ich habe auch viel an meine Arbeit in Russland denken müssen. So wie es dort zugeht, das ist schon der Wahnsinn. Sie glauben ja gar nicht, wie rund es da geht.

Sie meinen vermutlich die Turbulenzen nach der Saison. Sie waren schon in der Türkei, da vermeldete der russische Verband Ihre Absetzung als Cheftrainer der Damen. Dass Sie jetzt künftig das „funktionelle Training“ leiten sollen. Klingt kryptisch, aber nach einer Degradierung.

Pichler: Fakt war, dass wir bei der WM in Nove Mesto keine Medaille geholt haben. Wir waren zwar oft knapp dran, aber es hat halt nicht gereicht. Im Prinzip waren die Frauen sogar besser in Form als die russischen Männer, nur hatten wir einen Haufen Probleme in der Saison, Verletzungen, Operationen, unterm Strich kam darum nichts Zählbares dabei raus. Dazu stehe ich auch. Es wäre verkehrt, wenn ich jetzt sagen würde, das war eine saugute WM für uns.

Mussten Sie danach zum Rapport?

Pichler: Da gab es viele Sitzungen in Moskau, das ist ja auch klar. Nächstes Jahr ist Sotschi, Olympia im eigenen Land, der Druck ist schon brutal. Und dass die Russen nach so einer mittelmäßigen Saison etwas tun müssen, verstehe ich auch. Aber Tatsache ist: Die Gespräche mit dem russischen Verband waren alle offen, fair, ehrlich, die Entscheidung wurde mir noch in Moskau vor meinem Abflug in die Türkei mitgeteilt. Das war alles in Ordnung und keineswegs ein schlechter Stil, ich kann mit dieser neuen Lösung sehr gut leben.

Eine Lösung, die bitte was genau bedeutet?

Pichler: Wir teilen uns das Team auf. Alexander Selifonow ist als neuer Cheftrainer der Frauen installiert, ich bin weiterhin Trainer. Wenn mir Titel und Ämter etwas bedeuten würden, dann würde ich das auch als Degradierung sehen. Aber solche Titel sind mir wurscht.

Denken Sie, Ihre Absetzung als Cheftrainer war auch ein Verdienst von Alexander Tichonow? Der berüchtigte Alt-Funktionär, der auch schon einmal wegen eines versuchten Mordanschlags verurteilt worden war, machte permanent Druck gegen Sie.

Pichler: Zum Glück stand der Verband immer hinter mir, Tichonow hat bei den Russen schon lange nichts mehr zu sagen, er hat keinen Einblick und zum Glück auch keinen Einfluss mehr. Der Tichonow ist ein verurteilter Verbrecher, der jeden Tag irgendwas im Internet von sich gibt. Aber ich habe nicht den Nerv, mich mit dem über Twitter, Facebook oder sonst was umeinander zu streiten. Der haut gegen jeden, hat aber keine Ahnung.

Nach einer harmonischen Arbeit wie einst in Schweden klingt das nicht.

Pichler: Das ist in Russland eine ganz andere Dimension. Das ist wie bei uns Fußball. Wie Nationalmannschaft. Was da abgeht, ist nicht mehr normal. Wie die auf einen einhauen, da erlebst du Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.

Gegen Sie?

Pichler: Ja. In Chanty Mansisk, beim Weltcupfinale in Sibirien. Da stürmte auf einmal einer in die Wachskabine und schrie herum: „Where is Pichler? I kill him.“ Völlig irre. Das kannst du dir bei uns in Deutschland gar nicht vorstellen. Da musst du schon gut beieinander sein, um so etwas auszuhalten.

Hätten Sie gewusst, was auf Sie zukommt, hätten Sie das Angebot aus Russland damals abgelehnt?

Pichler: Nein, niemals. Wenn ich gewusst hätte, wie das alles wird, dann hätte ich erst recht zugesagt.

 

Interview: Florian Kinas

 

Auch interessant

Meistgelesen

Ski alpin: Sensationen durch "Snowboarderin" aus Tschechien und jungen Schweizer
Ski alpin: Sensationen durch "Snowboarderin" aus Tschechien und jungen Schweizer
Ski alpin: Dreßen meistert Schicksalspiste, Schweizer siegt
Ski alpin: Dreßen meistert Schicksalspiste, Schweizer siegt
Biathlon: Weltcup in Östersund im TV, Livestream und Liveticker
Biathlon: Weltcup in Östersund im TV, Livestream und Liveticker
Ski alpin: Alle Infos zur Weltcup-Saison 2019/20
Ski alpin: Alle Infos zur Weltcup-Saison 2019/20

Kommentare