Neureuthers Kampf um die Slalomkugel

Bittner: "Cool bleiben? Leicht gesagt..."

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Armin Bittner, Slalom-Weltcupsieger ’89, ’90.

München - Armin Bittner (50) gewann zweimal den Slalomweltcup (1989 und 1990). Am Sonntag könnte es ihm Felix Neureuther (31) gleichtun. Das tz-Interview.

Herr Bittner, Felix Neureuther könnte 25 Jahre nach Ihnen den Slalom-Weltcup gewinnen. Wäre Zeit, oder?

Armin Bittner: Ja, natürlich. In der Zwischenzeit gab es niemanden, der es hätte schaffen können. Auf den ersten Riesenslalomsieger nach Max Rieger mussten wir fast 41 Jahre warten, manche Dinge brauchen eben Zeit. Bei Superstars wie Marcel Hirscher, Alberto Tomba oder Marc Girardelli sieht es einfach aus, einen Disziplinweltcup zu gewinnen, ist es aber nicht.

Der Slalomweltcup ist seit Jahren Neureuthers Ziel.

Armin Bittner über Felix Neureuther: "Heute möchte ich nicht in seiner Haut stecken."

Armin Bittner: Das kann ich nachvollziehen, als Jugendlicher habe ich auch immer von der Kugel geträumt und nicht von einer Goldmedaille. Vielleicht habe ich deswegen nie eine gewonnen, weil ich nicht fokussiert genug war. In der Öffentlichkeit zählt eine Kugel nicht so viel wie ein WM- oder Olympiatitel, aber ich wollte nach der Karriere nie auf einen Tag angesprochen werden, sondern auf meine Leistung über einen längeren Zeitraum.

Hätten Sie früher mehr von Neureuther erwartet?

Armin Bittner: Erwartung ist ein geflügeltes Wort im Sport. Es läuft immer ein Reifeprozess ab und man muss das Umfeld eines jeden Athleten betrachten. Zu sagen, es war klar, dass Felix erfolgreich wird, ist ein Schmarrn. Die Möglichkeit war da, das ist logisch, aber es müssen sich im Laufe einer Karriere mindestens 98 oder 99 Prozent eines Puzzles zusammenfügen, damit es läuft. Und das dauert manchmal länger, manchmal weniger lang. Aber es ist bei kaum einem ganz sicher, dass es so kommt. Ich drücke ihm die Daumen. 55 Punkte Vorsprung hört sich viel an, ist es aber nicht.

Glaubt man seinen Aussagen bezüglich seines Rückens vor der Saison, waren seine Voraussetzungen nicht gut.

Armin Bittner: Sie sagen es selbst – wenn man den Aussagen immer ganz glauben darf. Aber unabhängig davon gibt es Fahrer, die können an sieben Tagen in der Woche zehn Stunden trainieren und trotzdem wird es nichts, weil die großen Puzzleteile nicht passen. Felix muss nur an kleinen Teilen feilen. Der Trainingsumfang ist bei ihm nicht mehr entscheidend, er muss es im Kopf im Griff haben. Wenn er drei Trainingsläufe macht, schaffen andere diese Qualität nicht in sechs Fahrten. Diese Fähigkeit zeichnet die Besten aus. Viele haben sie nicht, deshalb gewinnen letztendlich ja über einen längeren Zeitraum meist die gleichen.

„Slalomfahren ist einfach, man muss locker bleiben und auf dem kürzesten Weg runterfahren“ – das haben Sie mal gesagt. Aber wie schafft Felix das, locker zu sein?

Armin Bittner: Cool zu bleiben ist schwierig und leicht dahergeredet. Heute möchte ich nicht mehr in seiner Haut stecken. Vor meinem ersten Sieg 1989 hatte ich eine ähnliche Situation, beim letzten Rennen konnten neben mir noch Tomba und Girardelli die Kugel holen. Nach dem ersten Durchgang war Girardelli ausgeschieden, Tomba Dritter und ich hatte Bestzeit. Dann stand ich als Letzter oben, hab’ den Jubel nach Tombas Fahrt mitbekommen, mit dieser Situation muss man klarkommen. Vergangenes Wochenende hat Felix das erlebt, er hatte Hirschers Patzer im Kopf und hat den ersten Lauf deswegen vermutlich verschlafen.

Am Sonntag muss er die richtige Mischung zwischen Angriff und Sicherheit finden, oder?

Armin Bittner: Wenn er daran denkt, auf Platz zu fahren, geht es möglicherweise in die Hosen. Aber in solchen Rennen spielen oft andere das Zünglein an der Waage, die befreit fahren und womöglich zwischen den beiden landen könnten. Die Situation ist höchst spannend. Ich kann Felix nur wünschen, dass er den Mut zu einer notwendigen Portion Risiko findet.

Sie waren seit 2010 Alpincheftrainer bei Neureuthers Verein, dem SC Partenkirchen. Warum haben Sie aufgehört?

Ski, Helm, Outfit – das Material hat sich für Felix Neureuther seit Armin Bittners Zeit ­(Foto) verändert.

Armin Bittner: Ich habe den Job vier Jahre gemacht. Bei mir muss es nach vorne gehen, wenn es zu viele Baustellen gibt, muss man loslassen können. Ich denke, wir konnten etwas Struktur reinbringen, aber im Skisport geht’s um einen extrem langfristigen Prozess. Im Fußball kann man Spieler austauschen, wenn es nicht läuft, wir brauchen viele Jahre Vereinsarbeit, um einen Individualsportler dort hinzuführen, bis es mit 16 oder 17 Jahren langsam in die Professionalität geht.

Ihre Söhne Daniel (20) und Dominik (18) fahren nicht mehr, wieso?

Armin Bittner: Dominik hat Pro­bleme mit der Wirbelsäule und Daniel hat sich nach langem Hin und Her für ein TUM-BWL-Studium an der TU München entschieden. Viele denken, die Eltern sind Ski gefahren, also müssen es die Kinder auch. Wir haben sie aber nie so erzogen, sie wollten es von sich aus. Ich bin mit seiner Entscheidung absolut glücklich. Sich im Herrenskisport durchzusetzen, ist hart. Typen wie der 20-jährige Norweger Henrik Kristoffersen sind die Ausnahme.

Der Presse entgehen schöne Papa-Sohn-Vergleiche à la Neureuther…

Armin Bittner (lacht): Den Medien schon, mir fehlt da nichts.

Bittner beim DSV: Können Sie sich das in fünf Jahren noch einmal vorstellen?

Armin Bittner: In fünf Jahren bin ich 55, dann halte ich das nicht mehr für realistisch. Ich habe meine Meinung lange genug gesagt, irgendwann muss man Abstand gewinnen und die Verantwortlichen machen lassen.

Interview: M. Müller

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