Cheyenne Loch: Rücktritt vom Profi-Snowboarden - mit 26

Snowboard-Frührentnerin Cheyenne Loch:
„Das alte Feuer war nicht mehr da“

Cheyenne Loch legt sich beim Parallerlsalom in die Kurve.
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Spät die Kurve gekriegt: Cheyenne Loch hört auf – nach der erfolgreichsten Saison ihrer Karriere.

Der emotionalen Abschiedsvorstellung beim Weltcupfinale dahoam folgte eine erste Woche als Snowboard-Frührentnerin. Wie Freundin Selina Jörg, 33, hat auch die sieben Jahre jüngere Cheyenne Loch, 26, mitten in einem Formhoch die Karriere beendet. Wie es der Fünftplatzierten im Gesamtweltcup mit dieser Entscheidung geht und was sie jetzt vorhat, verrät die Sportlerin vom Schliersee im Interview.

  • Will ich das wirklich? Diese Frage stellte sich Cheyenne Loch unmittelbar nach ihrem letzten Rennen.
  • Zu viele Verletzungen, zu große Schmerzen: Am Ende war das Leid größer als der Spaß am Sport.
  • Cheyenne Loch sieht ihre Zukunft bei der Bundespolizei. Reisen will sie auch, studieren nicht.

Cheyenne Loch, das Weltcupfinale am Götschen war zugleich Ihr persönliches Karrierefinale. Wie viel Wehmut war in Ihren Abschiedstränen dabei?

Loch: Ich kann meine Emotionen an diesem Tag sehr schlecht identifizieren. Ich hab da so viele so verschiedene Sachen empfunden. Es war halt auch ein sehr emotionaler Ort. Am Götschen ist in meinem Leben so viel passiert, so viel hat dort begonnen. Wenn man sich dann vor Augen führt: Das war jetzt das letzte Mal, dass ich da runtergefahren bin, das letzte Mal, wo ich Teil dieses Teils war – das war schon krass. Kurz hab ich mir da schon überlegt, ob ich das wirklich will.

Selina Jörg hat mehrfach betont, wie glücklich sie mit ihrem Entschluss ist, die Karriere zu beenden. Sie sind sieben Jahre jünger – und haben Ihre Entscheidung erst kurz vor dem Weltcupfinale öffentlich gemacht. War der Schritt vielleicht doch nicht so ausgereift?

Loch: Nein, meine Entscheidung stand auch schon ganz, ganz lange fest. Vielleicht sogar länger als bei der Selina. Ich hab mir schon vor meiner letzten OP gedacht, dass das jetzt meine letzte Chance ist, mein letzter Anlauf. Und weil es so eine große Entscheidung für mich war, wollte ich wirklich alle Zweifel ausräumen und auch noch einmal sämtliche Situationen erlebt haben. Zum Beispiel, wie’s eben ist, wenn ich wieder auf dem Podium stehe – ob mich das umstimmen kann. Ich hab dann aber gemerkt, dass mir das nichts mehr gegeben hat. Deswegen habe ich die Entscheidung getroffen – und intern auch schon früher kommuniziert. Mein Umfeld und die Leute im Team, die wussten das alle schon länger, für die war das keine Überraschung mehr.

Selbst auf dem Podium kam das alte Hochgefühl nicht zurück.

Nichts mehr gegeben . . . das klingt hart. Und wirkte auch anders, wenn man Sie strahlend auf dem Podest gesehen hat.

Loch: Natürlich hat mich das gefreut, wenn ich auf dem Podium war. Es hat mich auch stolz gemacht, dass ich das noch geschafft habe in meiner Comeback-Saison. Nach allem was war. Es hat aber einfach nicht mehr das ausgelöst, was es früher ausgelöst hat. Durch die ganzen Verletzungen habe ich einfach ein bisschen den Spaß an dem Ganzen verloren. Dieses Feuer, das ich hatte für das Alpin-Snowboarden. Leider habe ich es nicht zurückbekommen – obwohl ich es lange versucht habe.

Drei zweite Plätze im Weltcup 2020/21 – nie waren Sie besser. Ein versöhnliches Ende?

Loch: Ich freue mich natürlich, mit so einer Saison aufhören zu können. Es ist immer schöner, wenn man selbst entscheiden kann zu gehen, als wenn das für einen entschieden wird, wie das bei vielen Sportlern der Fall ist. Von dem her bin ich auf jeden Fall froh, dass es so gelaufen ist.

Neben Tränen ist beim Weltcupfinale auch reichlich Sekt geflossen. Fast alle Teamkolleginnen hatten noch mal ihren emotionalen Moment. Wie viel Party war möglich trotz der Corona-Einschränkungen?

Loch: Ich denke: Dafür dass Corona ist, haben wir es ganz gut hinbekommen, teamintern (lächelt). Wir haben auf jeden Fall noch das eine oder andere Mal angestoßen. Aus sportlicher Sicht war der Tag nicht befriedigend, weil ich mich geärgert habe, dass ich mit der ganzen Anspannung nicht umgehen konnte. Das war aber sehr, sehr schnell vergessen, als ich unten war. Da gab’s dann noch ganz, ganz viele andere Momente.

Ende eines Erfolgs-Doppelzimmers: Cheyenne Loch (l.) und Selina Jörg haben zusammen den Snowboard-Weltcup gerockt, nun treten sie gemeinsam ab.

Am Montag war Ihr erster offizieller Tag im Snowboard-Ruhestand. Wie haben Sie ihn verbracht? Wie hat es sich angefühlt?

Loch: Eigentlich war das schon am Sonntag, weil ich nicht mehr im Teamwettbewerb starten durfte. Wir durften nur drei Teams melden, und ich war leider die viertbeste Deutsche. Ich war trotzdem vor Ort und hab meine Rente schon mal eingeläutet. In der Früh bin ich mit dem Split-Board hochgelaufen und hab noch ein paar Powder-Abfahrten gemacht, ehe ich dann die Anderen angefeuert habe. Also, das war schon mal ein guter Start. Ebenso der Montag danach, obwohl ich es irgendwie nicht geschafft habe auszuschlafen. Ich glaube, mein Körper ist das noch nicht gewöhnt. Trotzdem war es schön, mal in eine Woche ganz ohne Verpflichtungen zu starten.

2018 waren Sie kreuzunglücklich, Olympia auf den letzten Metern verpasst zu haben. Warum nehmen Sie die Peking-Spiele nächstes Jahr nicht mehr mit? Dieses eine Jahr noch . . .

Loch: Olympia war tatsächlich gar keine Überlegung für mich. Für mich war Olympia noch nie so das große Ding – oder das übergeordnete Ziel, das es für die meisten Sportler ist. Ich kann das schon irgendwo verstehe, aber für mich stehen die Spiele eher für den ganzen Schnickschnack um den Sport herum. Ich hab auch nie in Vierjahres-Zyklen gedacht, deswegen war das für mich auch kein Thema.

Kein Problem damit, dass diese Erfahrung im Rückblick fehlen wird?

Loch: Nein, absolut nicht.

Sie hatten ja immer wieder mit Verletzungen zu tun: zwei Kreuzbandrisse, letztes Jahr noch eine komplizierte Sprunggelenksgeschichte. War schmerzfreies Snowboardfahren gar nicht mehr möglich?

Loch: Leider nicht, nein. Das ist natürlich auch etwas, das an den Nerven zerrt. Wenn man immer nur ein bis zwei Trainingsfahrten machen kann. Wenn die anderen noch am Fahren sind und man selber sitzt schon wieder unten und versucht, den Fuß wieder besser hinzukriegen. Schmerzfreies Fahren war leider nicht mehr möglich.

Schmerzfreies Fahren war leider nicht mehr möglich.

Cheyenne Loch, 26.

Unvermeidliche Frage: Was haben Sie vor, wenn Snowboardfahren nicht mehr Ihr Leben und Ihren Alltag bestimmt? Im August werden Sie 27 . . .

Loch: Das ist ja das Schöne, dass ich nicht so alt bin. Dass ich noch so viele Möglichkeiten habe. Als Erstes jetzt ein paar Gespräche mit der Bundespolizei aus, da werde ich schauen, wie und ob ich da unterkomme. Danach entscheidet sich der Rest. Reisen wäre schön, ein Studium oder so ist eher nicht geplant.

Zum Abschluss noch ein paar kurze Fragen – mit der Bitte um kurze Antworten. Zehn Jahre im Weltcup: Was war das schönste Erlebnis?

Loch: Das war das Rennen in Cortina d’Ampezzo 2015. Da bin ich das erste Mal aufs Podium gefahren, hab das erste Mal eine Weltcup-Quali gewonnen. Das Ganze noch vor dieser Wahnsinnskulisse – das war einfach überwältigend!

Was bleibt in negativer Hinsicht hängen?

Loch: Auf jeden Fall meine ganzen Verletzungen, die auch alle beim Snowboarden entstanden sind.

Welche Freundschaft wird Ihr Karriereende überdauern?

Oh, da gibt es ganz viele. Ich kann mir vorstellen, dass ich mit den meisten den Kontakt halten werde, auf jeden Fall. Wir waren wirklich ein sehr gutes Team. Ich werde die alle vermissen und gehe auf jeden Fall im Guten mit ihnen auseinander.

Sie haben angekündigt, neue Sportarten ausprobieren zu wollen. Welche als Erstes?

Loch: Langlaufen hab ich letzten Winter ausprobiert. Ansonsten bin ich offen für alles. Vielleicht Rollschuhfahren, eine meiner besten Freundinnen hat das vorgeschlagen.

Sie meinen Rollerskates?

Loch: Nein, nein, schon das klassische Rollschuhfahren mit diesen alten Schuhen. Irgendwie ist das wieder ein Trend geworden. Mal schauen, ob wir da aufspringen (lacht).

Interview: Uli Kellner

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