Ski-Legende im Interview

Neureuther über Olympia: „Das wollen die Leute nicht mehr“

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Christian Neureuther.

Wie steht’s um das Olympia-Image? Die tz hat am Rande des „Dein Winter, Dein Sport-Summit“ mit Christian Neureuther (68) gesprochen.

Herr Neureuther, wäre die Münchner Bewerbung erfolgreich gewesen, hätten wir hier in 88 Tagen Olympische Winterspiele. Macht Sie der Gedanke traurig?

Christian Neureuther: Nach der Olympia-Absage wollten Rosi und ich Garmisch-Partenkirchen den Rücken kehren. Wir hatten in Südtirol sogar schon Häuser angeschaut, aber nach dem sich die Emotionen gelegt hatten, war das wieder aus der Welt. Heute kann ich verstehen, dass die Leute dagegen waren, vor lauter Begeisterung sieht man einige Dinge oft anders. Wenn ich mir heute die Frage stelle, welcher der Vorteile, die wir propagiert haben, eingetreten wären, muss ich zugeben: sicher nicht alle. Das größte Problem ist, dass die gigantischen Auflagen des IOC einen Haufen Geld kosten und das Geld nicht nachhaltig in der Region bleibt, sondern irgendwo in den Etagen des IOC verschwindet.

Was muss sich ändern?

Neureuther: Weg vom Gigantismus und Hinwendung zu nachhaltigen Themen. Das Bidbook, das die Auflagen eines Veranstalters festlegt, gehört überarbeitet. Mehr Mitspracherecht für die Veranstalter, Rücksichtnahme auf regionale Herausforderungen und Reduktion der Wettbewerbe. Unrentable Baumaßnahmen gehören gestrichen, Nachhaltigkeit und Umweltthemen in den Vordergrund gerückt.

Und die Bürger?

Neureuther: Wichtig ist, dass sie früh in ein Konzept eingebunden werden, mitgestalten können und eine totale Transparenz gewährleistet wird. Der Bürger will nicht für Milliarden bürgen, von denen er im Endeffekt nichts hat. Das IOC bräuchte einen offen und ehrlichen Diskurs, wo die Fehler der Vergangenheit und die Veränderungen der Gesellschaft öffentlich ausdiskutiert und umgesetzt werden.

Olympia 2018: Hier finden Sie den Zeitplan zu den Winterspielen in Pyeonchang

Kann IOC-Präsident Thomas Bach das?

Neureuther: Er könnte sich mit so radikalen Umbruch im IOC auch für die Nachwelt zu einem der ganz großen Sportführer machen. Ich bin nicht naiv und weiß, mit welchen Strukturen und Blöcken er im IOC zu kämpfen hat. Unsere westliche Denkweise ist sicher nicht die der Mehrheit. Er würde seine Position gefährden, aber die Rückführung der Olympischen Spiele auf deren ursprüngliche Werte, wären das Risiko wert. Wir stehen an einem riskanten Wendepunkt in der Wahrnehmung, ich würde so gerne wieder etwas über die Vorfreude der Sportler und der Fans auf Olympia lesen.

Selbst Innsbruck ist mit ihrer abgespeckten Bewerbung bei der Bevölkerung gescheitert. Warum?

Neureuther: Unsere Nachbarn sind mit ihren guten und vernünftigen Themen nicht zu den Menschen durchgedrungen. Und das in einem so wintersportbegeisterten Land wie Tirol. Uns allen geht es Gott sei Dank sehr gut und da fragen sich die Menschen: Zu was brauchen wir noch Olympische Spiele? Man denkt an Rio und Sotschi und sagt: „Nein“. Ein jährliches Hahnenkammrennen oder die Nordischen Skiweltmeisterschaften in Seefeld reichen uns.

Der Alpensia Jumping Park in Pyeongchang, hier werden die Skisprung-Wettbewerbe bei Olympia 2018 ausgetragen.

Was halten Sie von Südkorea als Austragungsort?

Neureuther: Dem IOC war immer wichtig, mit Olympischen Spielen etwas für die sportliche Entwicklung eines Landes zu bewirken. Das ist ein guter und richtiger Ansatz, aber ich muss mir jedes Land genau ansehen. Macht es Sinn, in Korea Bobbahnen zu bauen oder Berge zu roden, um eine normgerechte Abfahrtsstrecke zu bauen oder hätte man diese Themen nachhaltiger lösen können? Mir blutet das Herz, wenn ich an das mediale Resümee von Sotschi, Pyeongchang und später Peking denke. Das haben die Urväter der Olympischen Idee nicht gewollt.

Wird es auch gefährlich?

Neureuther: Olympia hat immer noch eine grandiose Strahlkraft, deshalb glaube ich nicht, dass die Spiele politisch gefährdet sind oder Sportler nicht nach Korea geschickt werden können. Damit das so bleibt, braucht es aber gravierende Veränderungen.

Für 2026 gibt es noch keinen Bewerber. Was tun?

Neureuther: Eigentlich müsste das IOC einen umgekehrten Weg gehen und von sich aus an optimale Veranstaltungsorte, z.B. in den Alpen oder auch in Norwegen, herantreten und diese fragen, ob man nicht zusammen und in Gemeinsamkeit Winterspiele organisiert, bei denen der Sport, der Athlet und die Nachhaltigkeit für die Menschen im Vordergrund stehen und wo vor allen Dingen bestehende Ressourcen genutzt werden können. Ich habe dabei auch kein Problem mit länderübergreifenden Orten. Und es heißt auch nicht, dass das IOC deswegen nicht viel Geld verdienen darf. Wichtig ist nur, dass alle davon profitieren, Werte eingehalten werden und das Produkt „Olympia“ neuen Glanz bekommt.

Deutschland, Österreich, Schweiz – warum haben sich die Menschen in den vergangenen Jahren immer gegen ein Bewerbung entschieden?

Neureuther: Es geht uns allen in diesen Regionen sehr, sehr gut und es wird uns auch ohne Olympia sehr gut gehen. Die Zeiten haben sich geändert, mit München 1972 konnte eine gesamte Stadt und auch eine gesamte Region Strukturveränderungen bekommen, die ohne Olympia nicht möglich gewesen wären. Diesen Effekt gibt es heute nicht mehr, man sieht eher Nachteile wie Naturverbrauch und Verteuerung. Heutzutage brauchen wir nichts Neues mehr.

Interview: Mathias Müller

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