Deutschlands letzter Slalom-Weltmeister

Wörndl im Interview: „Medaillen öffnen dir viele Türen“

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Hat viel zu erzählen: Frank Wörndl ist Deutschland bis dato letzter Slalom-Weltmeister.

München - Die WM 1987 veränderte Frank Wörndls Leben. In Crans Montana gewann er den WM-Titel. Im Interview spricht Deutschlands letzter Slalom-Weltmeister über seinen großen Tag.

Frank Wörndl (57) wurde 1987 in Crans Montana letzter deutscher Slalom-Weltmeister. Wieso, wie er das gefeiert hat und ob er in St. Moritz endlich einen Nachfolger bekommt, erzählt er im tz-Interview.

Herr Wörndl, erzählen Sie uns ein bisschen von 1987.

Wörndl (lacht): Das war in einem anderen Leben. Mir geht’s wie Keith Richards, ich habe da keine Erinnerung mehr.

Vermutlich wird es auch 30 Jahren nach Ihnen keinen deutschen Slalom-Weltmeister geben.

Wörndl: Man braucht etwas Glück. Henrik Kristoffersen und Marcel Hirscher stehen theoretisch vor allen, aber sie sind nicht unschlagbar. Bei einem Traumlauf und 140 perfekten Schwüngen ist alles möglich.

Auch für Felix Neureuther? In diesem Jahr traut man es ihm eher nicht zu?

Wörndl: Warum nicht? Großveranstaltungen haben eigene Gesetze, das ist kein normales Weltcuprennen. Man braucht den Lucky Punch und Felix hat die schnellen Schwünge dafür. Allerdings ist die Konkurrenz groß. 2013 hätte er nur Hirscher aus dem Weg räumen müssen, heute kommt Kristoffersen dazu und viele anderen Hasardeure wie Dave Ryding, Stefano Gross oder Alexander Choroschilow.

Sind Ihnen 1987 die 140 perfekten Schwünge gelungen?

Wörndl: Im ersten Durchgang hatte ich einen Traumlauf erwischt, im zweiten sind mir die Wetterverhältnisse entgegen gekommen, weil es sehr weich geworden ist und ich am besten damit umgehen konnte, weil ich die Hälfte der Saison mit Startnummer 55 angetreten bin.

Wieso das denn?

Wörndl: In der Saison 1986/86 war ich beständig unbeständig, ich bin in neun Slaloms kein einziges Mal ins Ziel gekommen. Bis zur WM hatte ich mich auf Startnummer 18 vorgearbeitet. Mein Lauf war, wie gesagt traumhaft, nur der Start war unterirdisch, da hatte ich 53 Hunderstel Rückstand auf Armin Bittner, im Ziel war es nur noch ein Wimpernschlag. Das hat mich aufgebaut, ich wusste, mit einem guten Start bin ich eine halbe Sekunde vorne.

Girardelli wurde Vierter, Stenmark Fünfter, Krizaj Sechster, Tomba schied aus. Sie haben eine Menge Slalom-Legenden hinter sich gelassen.

Wörndl: Klar, was meinen Sie denn? (lacht) Der Fokus lag auf Armin Bittner, weil er in diesem Winter auf dem Papier die besseren Ergebnisse hatte, aber ich musste mich, wie gesagt, erst nach vorne fahren. Ich stand immer ein bisschen im Schatten von Armin, so wie Fritz Dopfer hinter Felix Neureuther steht, aber für die Insider war mein Erfolg keine Überraschung, für die Öffentlichkeit natürlich schon.

Wörndls wilder Ritt zum WM-Gold in Crans Montana.

Pardon, aber wie konnten Sie in der Vorsaison immer ausscheiden?

Wörndl: Ich war schnell, nur ohne Ergebnis. Vielleicht habe ich zu viel gewollt oder bin zu viel Risiko gegangen, so wie Stefan Luitz. Nach drei, vier Ausfällen war das Selbstvertrauen weg. Im Sommer habe ich daraufhin mein Training umgestellt und nicht mehr nach den Plänen der TU München und Günter Hujara trainiert. Ich habe mich an den Leichtathleten orientiert und lieber dreimal statt zweimal am Tag trainiert, dafür kürzer und intensiver. Zudem war ich dank der Hilfe unseres Mentaltrainers bestens auf die WM vorbereitet.

Sie haben damals schon mit Psychologen gearbeitet?

Wörndl: Ja, der hat uns nicht eingeredet, dass wir die Besten sind, sondern wir haben ihm erzählt, was uns nervös macht. Nach dem Rennen in Kitzbühel bin ich mit Hans Eberspächer nach Sonthofen gefahren und habe ihn gefragt: „Hans, was passiert, wenn ich nach dem ersten Lauf unter den ersten drei bin?“ Die Situation hatte ich in der Saison, aufgrund der hohen Startnummer, nie. Seine Antwort war: „Du musst den zweiten Durchgang fahren als wäre es der erste.“ An das Rezept habe ich mich gehalten. Ein Jahr später wurde mir eine ähnliche Situation zum Verhängnis.

Sie führten im olympischen Slalom und wurde am Ende „nur“ Zweiter.

Wörndl: Weil wir nicht durchgesprochen hatten, was wäre, wenn ich mit großem Vorsprung Erster bin. Tomba war an diesem Tag nicht der Schnellere, ich habe es bloß nicht runtergebracht, weil ich zu viel nachgedacht und zwischendrin Geschwindigkeit herausgenommen habe. Wäre ich Vollgas gefahren, hätte ich das Ding mit einer halben Sekunde Vorsprung gewonnen.

Zurück zu 1987, wo und wie lange haben Sie gefeiert?

Wörndl: Es gab keine Feier, das Remmi-Demmi nach dem Rennen war gegen vier oder fünf Uhr vorbei. Als ich zurück ins Hotel kam, hatte ein Teamkollege meine Taschen bereits gepackt. Ich bin noch kurz ins Sportstudio zu Harry Valerien und auf der Rückfahrt in Zürich ausgestiegen. Dort hatte ich damals eine Freundin, ich bin ihr zum Essen und habe einen netten Abend verbracht.

Immerhin durften Sie zum Fernsehen.

Wörndl: Die Geschichte dazu ist amüsant. Es gibt keine TV-Aufnahmen des ersten Durchgangs, weil das ZDF gar nicht übertragen hat. Wasi (Markus Wasmeier, d. Red.) war damals nach seinem WM-Gold zwei Jahre zuvor der große König und der ist ja nicht mehr gefahren. Valerien war bereits auf der Autobahn, er musste umdrehen, der zweite Lauf wurde schnell ins Programm genommen.

Profitieren Sie noch heute vom Titel?

Wörndl: Wäre ich nicht Weltmeister geworden und nur Olympia-Vierter, wäre ich wahrscheinlich Zöllner am Flughafen oder Skilehrer. Den Job als Experte und Kommentator bei Eurosport hätte ich sicher auch nicht bekommen, auch wenn die Qualität meines Kommentars natürlich dieselbe wäre. Medaillen öffnen Türen.

Interview: Mathias Müller

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