Deutschlandpremiere am Freitag

Kitzbühel-Film "Streif": tz besucht den Ideengeber

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Axel ­Naglich ist Vize-­Renndirektor, ­gebürtiger Kitzbüheler und Streif-Bezwinger.

München - Ein Tag im Dezember. Axel Naglich - Architekt, Extremsportler und gebürtiger Kitzbüheler - bittet zum Gespräch über die Streif und ihren Mythos. „Der Hang ist Dramaturgie pur“, sagt er.

Die Sonne scheint in Kitzbühel. Wenn man in die richtige Richtung schaut, kann man den Zielhang der Hahnenkammabfahrt sehen. Naglich ist Architekt, Extremsportler und gebürtiger Kitzbüheler, er ist direkt neben der Strecke aufgewachsen. An dem großen Holztisch auf der Terrasse vor seinem Büro wollen wir von ihm mehr erfahren über die Streif und ihren Mythos. Zusammen mit Regisseur Gerald Salmina entwickelte Naglich die Idee zum Film Streif – One Hell of a Ride – der am Freitag in München Deutschlandpremiere feiert und am 15. Januar in die Kinos kommt.

Die beiden Spezln arbeiteten schon beim Streifen Mount St. Elias zusammen, Naglich überwand damals die längste Skiabfahrt der Welt. „Danach haben wir gegrübelt und gekopft, über welches Thema wir unseren nächsten Film machen könnten und sind irgendwann auf die Streif gekommen“, erzählt Naglich und nimmt einen Schluck aus der Dose seines Brausesponsors. Im Hintergrund zirpen die Wellensittiche.

Verrückt: Khristian Ghedina grätschte 2004 den Zielsprung.

Wohlgemut wie seine Vögel startete der 46-Jährige in sein neues Projekt, „nicht ahnend, was alles auf uns zukommt“. Wer einen Film über die mutmaßlich spektakulärste Abfahrt des Skizirkus drehen will, muss viel kommunizieren. Der Internationale Skiverband FIS, der Österreichische Skiverband, der Kitzbüheler Skiklub, alle wollten ein Wörtchen mitreden. „Nach gefühlten 18.000 Meetings haben wir alles Geld und alle Ideen auf einen Haufen geworfen und haben begonnen zu drehen“, erzählt Naglich der tz. Neben der Historie sollten die Rennen 2013 und 2014 das Gerüst des Filmes bilden. Wäre es in einem Jahr ausgefallen, wäre der Film bis zum diesjährigen 75. Jubiläum nicht fertig geworden, gesteht Naglich.

Didier Cuche.

Ist zum Glück nicht passiert, deshalb können und dürfen Franz Klammer, Didier Cuche, Aksel Lund Svindal, Hannes Reichelt & Co. ihre Geschichten in der 115-minütigen Actiondokumentation erzählen. Neben den Helden zeigt der Film aber auch die Geschichte der unzähligen Helferinnen und Helfer im Hintergrund, die dieses Spektakel Jahr für Jahr überhaupt erst ermöglichen. Und er erzählt von dem unbekannten, weißrussischen Abfahrer Yuri Danilochkin, der zusammen mit seiner Frau in einem vollbepackten Kombi von Weltcup zu Weltcup reist. Naglich: „Der Typ ist ein Viech, er fährt nicht schlecht, aber er hat halt nur vier paar Ski. Und seine Frau ist zugleich seine Trainerin, seine Physio und sein Köchin. Während die Favoriten detailliert an ihrem Set-up basteln, fährt Danilochkin mit vier Paar Ski, das ist schon arg.“ Letztendlich geht es im Film um Menschen und ihre Emotionen. „Man hat ein Drehbuch“, sagt Naglich, „aber dann gibt’s Geschichten, die kannst du vorher nicht wissen“. So wie beispielsweise den Bandscheibenvorfall-Sieg von Hannes Reichelt im vergangenen Jahr.

Hans Grugger stürzte 2011 dramatisch in der Mausefalle.

Neben den vielen positiven Momenten blenden die Produzenten auch die negativen Schicksale, wie von Daniel Albrecht und dem Österreicher Hans Grugger, die nach schweren Stürzen den Weg zurück in ein verändertes Leben suchen und finden müssen, nicht aus. Ob der Veranstalter zu viel Risiko eingeht? Bei diesem Thema spricht Naglich als Vize-Renndirektor des Rennens und nicht mehr als Filmer. „Wir haben kein Interesse irgendwen umzubringen, daran hat keiner von uns Freude. Aber man muss sich bewusst sein, dass das, was die Abfahrer hier in Kitzbühel machen, nach wie vor etwas Besonderes ist.“

Das Material war früher dürftiger, die Schutzzäune aber auch.

Die Sonne hat sich auf Naglichs Terrasse mittlerweile verzogen, es weht ein eisiger Wind. Ein ähnlich kühles Szenario dürfte sich den wagemutigen Heroen, unabhängig vom Wetter und 800 Höhenmeter weiter oben, am Start der Streif, bieten. „Der Hang ist Dramaturgie pur“, grinst Naglich, „da geht­’s nicht 50 Sekunden dahin, sondern – Wumm – gleich voll los.“ Genau das haben sie versucht im Film rüberzubringen.

Franz Klammer: "Die tragen dich auf Händen"

Natürlich ist auch der viermalige Sieger Franz Klammer Teil des Films. Das tz-Interview.

Herr Klammer, ist die Streif die Abfahrt schlechthin?

Klammer: Die Streif ist neben Olympia die wichtigste Abfahrt. Für einen Rennfahrer ist es befriedigend, wenn man sie meistert.

Wie war Ihre erste Fahrt?

Klammer triumphierte 1975, 76, 77 und 84 auf der Streif.

Klammer: Ich hatte Riesenrespekt. Als ich früher zu Jugendrennen am Hahnenkamm vorbeigefahren bin, habe ich immer hochgeschaut und mir vorgestellt, wie schön es wäre, dort runterzufahren. Als ich im Januar 1973 das erste Mal oben gestanden bin, dachte ich: „Da kann man auf keinen Fall runterfahren, das ist verrückt.“

Warum?

Klammer: Es war so brutal und eng. Ich hatte eine Nummer in der zweiten Startgruppe. Die Jungs vor mir in der ersten Gruppe haben sich im Training weggeschupft, als wäre es das Rennen. Später habe ich herausgefunden, dass das wichtig ist, auf der Streif muss du aktiv unterwegs sein. Je aggressiver, desto sicherer

Sie haben’s überlebt.

Klammer: Vor mir sind Leute gefahren, die schlechter waren. Dann dachte ich mir: Wenn die das können, kann ich es auch. Ich bin in die Mausefalle, rein in den Steilhang, und dann war eh alles okay. Der Ziehweg war halb so breit wie heute. Und die alte Schneise war vielleicht 15 Meter breit, meine erste Fahrt war ziemlich abenteuerlich.

Wenn Sie heute in Kitzbühel sind…

Klammer: Dann fahre ich die Streif. Nur suche ich nicht mehr die Herausforderung, mich interessiert der Zustand der Piste. Es ist einfach ein spezielles Gefühl dort oben. Am Start geht es seriöser zu als bei allen anderen Rennen, weil sich jeder der Gefahr bewusst ist.

Wie ist es, als Kitzbühel-Sieger durch den Ort zu gehen?

„Als Sieger stehen dir alle Türen offen“, sagt Franz Klammer.

Klammer: Als Aktiver war das ganz extrem. Rennen zu gewinnen ist wichtig, aber wenn man Kitzbühel gewinnt, das ist… da wirst du auf Händen getragen. Die Leute sind mit Sonderzügen angereist, das waren echte Rennfans, heute ist das mehr eine Mischung. Die Party in der Stadt ist für viele genauso wichtig wie das Rennen (lacht).

Als Sieger stehen Ihnen wahrscheinlich alle Türen offen, oder?

Klammer: Eigentlich schon, aber man muss ja nicht in jede Tür reingehen.

Mathias Müller

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