tz-Interview mit DSV-Arzt

Doktor Brucker, macht Felix seinen Rücken kaputt?

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Felix Neureuther kämpft bereits seit Jahren mit Rückenbeschwerden.

München - Am Freitag stürzen sich in Beaver Creak die Abfahrer um Josef Ferst & Co. den Hang hinunter, am Sonntag würde Felix Neureuther gerne im Riesenslalom starten – wenn da nicht sein Rücken wäre.

„Leider macht mir mein Rücken das ein oder andere Mal Schwierigkeiten, deshalb werde ich kurzfristig entscheiden, ob ein Start Sinn macht“, so Neureuther. Im tz-Interview erklärt DSV-Arzt Peter Brucker die Verletzungsanfälligkeit von Skifahrern und ob Felix Neureuther mit Airbag fahren sollte.

Herr Brucker, hat sich die Anzahl der Verletzungen verändert?

Peter Brucker: Das Ergebnis schwankt seit den ersten Untersuchungen 2006 um einen konstanten Wert.

Einen akzeptablen Wert?

Peter Brucker: Nein, wir wollen die Verletzungsgefahr reduzieren. Jeder dritte Athlet verletzt sich mindestens einmal pro Saison. Das ist ein beeindruckender Wert. Es ist schwer, Verbesserungsvorschläge zu machen, weil sofort an anderen Schrauben gedreht wird. Wenn man den Skiradius verändert, um nicht so extreme Schwünge zu fahren, hat die Industrie einen Plan B, wie sie den Ski trotzdem schnell machen kann. Es ist ein ständiges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Sicherheitsvorgaben und maximaler Leistung.

Den Rückenprotektor gibt es schon lange, einige Athleten fahren mit Präventhesen am Knie. Ab 1. Januar gibt es einen Airbag, der von der FIS zugelassen wird. Sehen Skifahrer bald aus wie Maschinen?

Peter Brucker: Passive Schutz-System verringern das Risiko. Ich sehe darin die Zukunft. In anderen Sportarten, wie zum Beispiel im Eishockey, ist diese Entwicklung bereits akzeptiert. Skifahrer haben lange nur einen dünnen Rennanzug getragen, das war fast fahrlässig. Ich weiß, dass einige DSV-Athleten den Airbag getestet haben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich durchsetzt.

DSV-Vorzeigefahrer Felix Neureuther kämpft immer wieder mit Rückenproblemen. Warum ist ein Skifahrer dafür so anfällig?

Peter Brucker: Beim Skifahren treten Kräfte auf, die mehr als das Zehnfache des eigenen Körpergewichts betragen. In der gebückten Fahrposition ist es nicht möglich, diese Kräfte über die Beine abzufangen, die Folgen sind speziell im Lendenwirbelbereich zu spüren.

Macht Felix durch den Skisport seinen Rücken kaputt?

Peter Brucker: Sein Rücken ist ein spezielles Beschwerdebild. Allgemein muss man sagen, dass der Gesundheitsaspekt bei Leistungssport auf diesem Level nicht immer als höchstes Gut angesehen werden kann. Wir Ärzte wollen die Athleten verletzungsarm durch die Karriere begleiten, aber es wäre vermessen zu sagen, dass der Leistungssport so gesundheitsfördernd ist, dass der Athlet ohne Restbeschwerden aus einer Karriere herausgeht. Das gilt aber nicht nur fürs Skifahren. Absolute Gesundheit als Spitzensportler, davon müssen wir uns verabschieden.

Felix will am Ende seiner Karriere die Streif in Kitzbühel bezwingen. Kann man nur hoffen, dass sich der Airbag bis dahin durchgesetzt hat.

Peter Brucker(schmunzelt): Das würde ihm sicher helfen.

Zudem hat er die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang im Visier. Kann er aus medizinischer Sicht noch so lange fahren?

Peter Brucker:  Ich denke schon. Ob er die vier Jahre noch übersteht oder nicht, liegt letztendlich daran, ob zu den langjährigen Degenerationen noch frische Verletzungen dazu kommen.

Interview: Mathias Müller

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