Doping? "Nein, der ist Ostdeutscher"

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Trainer Wolfgang Pichler (57) arbeitet für den russischen Verband

Ruhpolding - Dieser Mann ist Biathlon durch und durch. „Sauberes Biathlon“, wie er betont. Jetzt arbeitet Trainer Wolfgang Pichler (57) für den russischen Verband. Die tz sprach mit dem Ruhpoldinger.

Herr Pichler, wie läuft’s?

Pichler: In der Mixed Staffel hätte ich mehr erhofft. Mit der Bronzenen von Wiluchina bin ich sehr zufrieden. Sie hat bisher noch keinen Podestplatz gehabt, ich hab’ also gar nicht an sie gedacht. Aber man kann nie mit Medaillen rechnen, die müssen kommen.

Wie kommen Ihre Athletinnen mit dem WM-Druck klar?

Pichler (schüttelt den Kopf): Überhaupt kein Problem. Du musst sie richtig einstellen. Ich hab von Haus aus gesagt: Geht’s rein und habt’s Spaß! Wenn du da als Trainer rumspinnst, dann überträgt sich das. Meine erste Aufgabe war, die russischen Medien zu attackieren. Ich habe auf der ersten Pressekonferenz gleich richtig Gas gegeben – meine Mädels haben dadurch gemerkt, dass ich voll hinter ihnen stehe. Aber die Medien sind brutal. Eine Medaille passt, als Vierter bist du der erste Verlierer.

Wie groß ist der Stellenwert von Biathlon in Russland?

Pichler: Groß. Als ich in Moskau als Trainer vorgestellt worden bin, waren 17 TV-Stationen da. Ich bin aber auch eine gewisse Reizfigur für die Russen.

Wären Sie auch nach Russland, wenn Alexander Tichonow noch im Verband wäre? Sie haben ihn – damals als Trainer der Schweden – mit Auftragsmorden in Verbindung gebracht und wegen der russischen Dopingpraxis angegriffen.

Pichler: Dann hätte ich wahrscheinlich kein Angebot bekommen…

Woher haben Sie denn die Garantie, dass die alten Bande alle zerschnitten sind?

Pichler (lacht): Die habe ich nicht. Aber mein Ziel ist, meine Damen sauber nach Sotschi zu bringen.

Dafür trainieren Sie auffällig oft in Deutschland.

Pichler: Das hat praktische Gründe. Ruhpolding ist viel näher an Moskau als jeder Ort in Sibirien. Chanty-Mansijsk zum Beispiel ist viel weiter weg, und der Zeitunterschied ist größer. Außerdem sind die Trainingslager in Ruhpolding billiger. Und auch für meine dopingfreie Philosophie ist es nicht schlecht, in Mitteleuropa zu sein.

Was wäre gewesen, wenn der DSV bei Ihnen angerufen hätte?

Pichler: Gute Frage, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Ausgeschlossen ist nichts. Ich hätte auch im Leben nicht gedacht, dass ich mal nach Russland gehe. Meine Lebenserfahrung sagt mir, dass alles möglich ist. Wenn mir vor einem Jahr jemand gesagt hätte, du gehst nach Russland, dann hätte ich gelacht.

Haben Sie den Schritt nach Russland schon mal bereut?

Pichler: Bis jetzt nicht. Ich stehe jeden Tag mit einem Lächeln auf und denke mir: Was kommt heute? Langweilig wird’s nie. Russland hat mir in meinem Leben zu einer total neuen Sichtweise verholfen, das kann man sich nicht vorstellen. Ich habe mal das Buch Reise nach Sowjetrussland von Oskar Maria Graf gelesen. Das hat mich fasziniert, jetzt erlebe ich das alles selber.

Unter anderem auch die Wiederwahl von Wladimir Putin. Haben Ihre Damen auch gewählt?

Pichler: Ja, das war lustig. Das Konsulat ist extra gekommen, und ich war der Wahlbeobachter. Bei mir gibt’s übrigens keine Demokratie, ein Trainer muss immer Diktator sein.

Welche Ziele hat der Diktator Pichler?

Pichler: Ich will die Deutschen attackieren.

Bei den Damen attackiert derzeit vor allem Darya Domratschewa. Wie schätzen Sie ihre bisherige Leistungen ein?

Pichler (lässt sich Zeit): Die Frage beantworte ich nicht, sonst müsste ich lügen.

Ihre Ergebnisse in der Loipe sind beeindruckend...

Pichler (grinst): Genau das ist der Punkt.

Sie kennen Ihren Trainer Klaus Siebert schon knapp 30 Jahre. Haben Sie ihn mal darauf angesprochen?

Pichler: Nein, der ist Ostdeutscher, der ist verbohrt in der Hinsicht. Du kannst mit einem Ostdeutschen nicht über Doping ­reden, die fühlen sich immer gleich angegriffen.

Interview: Mathias Müller

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