Ex-Biathlet über Rücktritt & echtes Leben

Michael Greis: "Wie eine Seifenblase"

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Michael Greis (l.) mit tz-Reporter Florian Kinast beim Interview im Erzbischöflichen Palais – nebenan arbeitet er in der Bank.

München - Vor genau einem Jahr ließ Michael Greis die Bombe platzen: Aus, Schluss, vorbei – er beendete nach dem ersten Saisonrennen seine Karriere. Jetzt, zwei Tage vor dem Weltcupstart 2013, traf ihn die tz zum Interview.

Herr Greis, reden wir über Gefühle. Zum ersten Mal seit 13 Jahren startet eine Weltcup-Saison ohne Sie. Leiden Sie an Entzugserscheinungen? Oder sind Sie erleichtert?

Greis: Letzteres. Sehnsucht hatte ich nie. Ich habe in keiner einzigen Sekunde meinen Entschluss bereut mir wurde immer klarer, dass es genau der richtige Moment gewesen war, aufzuhören. Dazu hatte ich alles erreicht, was sollte da noch kommen? Ich hätte natürlich sagen können, ich ziehe die Saison durch und mache meine Abschiedstour. Das wäre marketingtechnisch vielleicht ganz clever gewesen. So war es aber sauberer.

Maria Riesch sagte kürzlich, sie sei die Routine leid, immer das gleiche Prozedere inklusive Schneetraining in Neuseeland, wenn die Menschen hier im Freibad liegen.

Greis: Ich weiß nicht, ob die Maria noch ins Freibad geht, aber im Ernst: Ich fand das nie schlimm, mit Rollskiern auf Asphalt sind wir Biathleten auch nicht so auf den Schnee angewiesen, dass wir um die halbe Welt fliegen müssen. Und dass wir Anfang November in die skandinavische Dunkelheit geflogen sind, damit hatte ich nie ein Problem. Wir hatten jedes Mal eine Super-Hütte mit Sauna, das war immer ein großer Spaß. Ich musste einfach schauen, dass bei mir etwas weitergeht. Jetzt studiere ich BWL, möchte mit dem Studium auch etwas erreichen. Ich habe keine Lust, die nächsten 20 Jahre als Grüßgott-August auf Partys herumzuturnen, wo die Leute am Anfang noch sagen: „Ach, der Greis.“ Und in ein paar Jahren fragen sie: „Ach, wer ist denn das?“

Im Juli sagten Sie, Sie seien noch in einer Findungsphase. Wie ist es jetzt?

Greis: Ich sage eher, ich bin in einer Entwicklungsphase. In einer Zeit, um Körner zu streuen und zu sehen, welche Saat aufgeht. Ich habe als Ehemaliger bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr noch Anspruch auf Berufsförderungszeit, was mir die Möglichkeit gibt, meine akademische Ausbildung fertig zu machen, das hilft sehr.

Sie waren im Sommer auch mit der Bundeswehr in Afghanistan – wie kam das?

Greis: Mich hatte Afghanistan schon immer interessiert. Ich kam über Usbekistan nach Masar-i-Scharif. Eine spannende Erfahrung. Ganz anders, als ich mir dachte.

Inwiefern?

Greis: Ich wollte ja auch herumfahren, mir unbedingt die berühmte Blaue Moschee aus dem 15. Jahrhundert anschauen, die liegt ganz nah bei Masar. Aber das fiel aus, weil du natürlich eben nicht wie ein Tourist lustig durch die Gegend zuckeln kannst. Immerhin konnte ich das Denkmal für alle gefallenen Soldaten in Afghanistan besuchen. Sehr bewegend, sehr emotional. Ich war früher immer eher kritisch, ob der Einsatz was bringt. Jetzt sehe ich, dass zwei Millionen Mädchen in die Schule gehen, dort das Lesen lernen und damit bald autark in der Lage sind, sich selbst ein Bild zu machen und nicht das zu glauben, was ihnen erzählt wird. Das ist ein großer Fortschritt.

Ein krasser Gegensatz zum Leben als Sportler in einer behüteten Glasglocke.

Greis: Na ja, so behütet ist das auch nicht. Wenn du die Leistung nicht bringst, bist du schnell weg, da ist die Glasglocke gleich einmal eine Seifenblase, die schnell zerplatzt. Es ist nur so, dass die Welt des Sports einfacher ist. Du hast ein Ziel, dem du alles unterordnest.

Wie sehen Sie die deutschen Biathlon-Männer heute?

Greis: Wir haben eine sehr gute Mannschaft, Arnd Peiffer war 2011 Weltmeister, danach hat die Entwicklung nicht mehr so gut gepasst. Der Andi Birnbacher hat insgesamt eine gute Entwicklung gemacht. Wir haben noch den Simon Schempp, den Florian Graf, alles super Sportler. Die Einstellung passt, das Training auch, vielleicht fehlt noch die Kaltschnäuzigkeit wie bei einem Svendsen, einem Fourcade.

Kaltschnäuzig, das heißt?

Greis: Sich hinzustellen und Präsenz zu zeigen, schon vor dem Wettkampf. Psychologisch ganz wichtig. Sich als Typ zu präsentieren mit Charisma. Wenn dich dein Gegner sieht, dass er gleich merkt: „Oha, der ist gut drauf heute.“ So eine Ausstrahlung muss man haben. Und das fehlt bei uns noch ein wenig.

Nun steht Olympia an. Steht zu befürchten, dass dem Biathlon-Boom das Ende droht, wenn Sotschi eher mau läuft?

Greis: Das liegt immer am Zuschauer. Es kann schon sein, dass das Interesse sinkt, wenn die Leistung nicht stimmt. Ich hoffe, dass wir nicht in eine Abwärtsspirale hineinkommen.

Interview: Florian Kinast

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