Skispringen: Norwegens Coach Stöckl im Interview

„Granerud ist in allem ein bisschen besser“

Stöckl winkt einen Athleten ab
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Mit Herzen Norweger: Der Tiroler Alex Stöckl trainiert die Skandinavier seit zehn Jahren.

Er hat Norwegen wieder zur Sksiprungmacht gemacht. In diesem Jahr reist Trainer Alex Stöckl mit dem Topfavoriten zur Vierschanzentournee: Mit Halvor Egner Granerud. Dabei hätte der durchaus aus dem Team, fliegen können, wie der Coach erklärte.

Dem Highlight Skiflug-WM folgt das Highlight Tournee. Wie fühlt sie sich an in diesem Jahr?

Zumindest war die Fahrt einfacher, viel weniger Verkehr. An der Grenze hat man mich aufgehalten und gefragt, wo ich hin will. Als ich gesagt habe, ich muss zur Vierschanzentournee, hieß es: „Oh, dann ist es in Ordnung, gute Fahrt.“ Alles andere wird man in den nächsten Tagen sehen. Ich denke schon, dass vieles anders wird.

Wie haben die letzten Tage ausgesehen?

Ich war bei meiner Mutter in Tirol. Die Jungs sind nach Engelberg nach Hause geflogen. Das war jetzt mal wichtig. Wir waren jetzt doch fünf Wochen am Stück unterwegs. Die haben sich in Quarantäne begeben und im kleinsten Kreis Weihnachten gefeiert. In Norwegen sind zehn Tage vorgeschrieben, wenn du aus einem problematischen Gebiet kommst. Immerhin darfst du in der Quarantäne wieder ausreisen.

Und das taten Sie mit dem Topfavoriten. Halvor Egner Granerud hat die letzten fünf Springen allesamt gewonnen...

... und das ist auch so ein Unterschied in diesem Jahr. Wir waren vor der Tournee oft ganz gut. Aber den Topfavoriten hatte ich noch nie.

Noch dazu einen weitgehend unbekannten. Was ist er für ein Typ?

Er ist ein lustiger Bursche, der sich mit allem Möglichen beschäftigt. Sehr eloquent. Er liebt es, zu diskutieren. Und er argumentiert sehr gut.

Das klingt anstrengend.

Das ist immer die Frage, wie man es sehen will. Man kann es auch sehr bereichernd finden.

Bei den dominierenden Springern der letzten Jahre wusste man meistens ganz gut, was sie besser machen. Bei Granerud sagen Experten: von allem ein bisschen. Trifft es das?

Ja, das haut eigentlich ganz gut hin. In allem ein bisschen besser. Vor allem gibt es im Moment keinen Athleten, der so stabil ist, der sich so flexibel auf die unterschiedlichen Anlagen einstellen kann. Zu allem hat er jetzt natürlich auch ein gutes Selbstbewusstsein.

Was ein weiteres Beispiel für den manchmal nur schwer erklärbaren Sport Skispringen ist. Den letzten Winter verbrachte Granerud wegen Formschwäche noch größtenteils im zweitklassigen Continental Cup...

Der Halvor Egner ist ein Athlet mit großer Liebe fürs Detail. Darin kann er sich manchmal aber verlieren. Und genau das ist im letzten Jahr passiert. Er hat sich blockiert. Aber über den Sommer hat er da einen ganz guten Weg gefunden. Er ist mit einer gewissen Ruhe an die Dinge herangegangen und hat an den Punkten gearbeitet, an denen es notwendig war. Das ist aufgegangen. Er war nicht der Beste im Sommer. Aber er hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Deswegen habe ich ihn auch ins Team genommen, obwohl er es von den Ergebnissen nicht verdient gehabt hätte.

Nicht die schlechteste Eingebung. Aber man weiß, dass sich die norwegischen Springer fast ausschließlich durch Erfolge finanzieren. Hätte Ihnen der heutige Seriensieger durch das schwache letzte Jahr verloren gehen können?

Er selbst hat sich ein Stück weit durch das Jahr davor finanziert. Insofern glaube ich jetzt nicht, dass die Gefahr bei ihm bestanden hat. Aber es stimmt schon: Die Jungs verdienen ihr Geld vor allem durch Prämien. Auf Werbeflächen auf der Kleidung zum Beispiel hat nur der Verband Zugriff. Das schränkt die Möglichkeiten schon stark ein. Manche Athleten müssen im Sommer arbeiten.

Auch im aktuellen Team?

Der Halvor Egner zum Beispiel hat in diesem Jahr in einem Kindergarten gearbeitet. Das war allerdings mehr die Initiative eines Arbeitsvermittlers, der unser Sponsor ist. Die Leute sollten die Möglichkeiten haben, andere Berufe kennenzulernen. Daniel Andre Tande hat das auch gemacht, er hat bei einem Autohändler gearbeitet.

Das klingt nach einem harten Brot.

Auf jedem Fall kann man es nicht mit Springern in Deutschland, in Österreich oder in Italien vergleichen, die zum Beispiel vom Militär oder der Polizei abgesichert sind. Klar ist das hart, aber es hat zwei Seiten. Die Sportler wissen auch in jedem Training, worum es geht.

Trainieren Norweger härter?

Das weiß ich nicht. Ich bin jetzt ja auch schon zehn Jahre in Norwegen und weiß nicht, wie woanders trainiert wird. Aber ich denke schon, dass das sehr motivierend ist.

Der Erfolg spricht für sich. Wobei es in diesem Jahr auch um andere Dinge geht. Steht am Ende der Beste oder der gesündeste Athlet ganz oben?

Der Topfavorit: Halvor Egner Granerud ist der Überflieger des bisherigen Winters.

Bei der Tournee wird auch unter den aktuellen Sonderbedingungen der gewinnen, der die acht besten Sprünge macht. Für den Gesamtweltcup ist es etwas anderes. Da musst du auch der Gesündeste sein, das ist für mich völlig klar.

Macht es die Saison anstrengender, wenn man die Pandemie immer auf der Rechnung haben muss?

Ja und nein. Natürlich ist es mühsam und ein bisschen komisch, wenn man immer auf Distanz bleiben muss. Auf der anderen Seite ist es gut, dass wir das überhaupt machen können. Wir können springen, und alles andere wäre für unsere Sportler einem Berufsverbot gleich gekommen. Dafür müssen wir jetzt eben gewisse Regeln einhalten. Das machst du nicht nur für dich, das machst du auch für die anderen. Ich sehe uns da in einer besonderen Situation. Wir sollten Vorbilder sein.

Und bis jetzt funktioniert es ja gut. Ihr Team hatte noch keinen Corona-Fall.

Das stimmt und da klopfe ich mal auf Holz. Aber die Konzepte haben generell gut funktioniert. Die Fälle, die es gab, sind ja allesamt von außen eingeschleppt worden. Die Österreicher haben sich leider gegenseitig angesteckt. Ansonsten gab es Fälle, wo es nur eine Person betroffen hat. So wie bei Karl Geiger. Das zeigt, dass all diese Maßnahmen richtig sind.

Wagen Sie zum Abschluss einen Tipp? Mit wem muss sich Granerud auseinandersetzen? Die üblichen Verdächtigen, oder könnte eine Materialrevolution einen neuen Kandidaten ins Rampenlicht spülen?

Ach, ich glaube im Materialbereich gibt es nicht viel Spielraum, seit die Keile und die Anzüge reglementiert worden sind. Und man sieht ja auch, es sind im Wesentlichen die Leute jetzt vorne, die auch im Sommer gut waren. Nein, ich rechne mit Markus Eisenbichler und Karl Geiger. Auch die Polen muss man auf der Rechnung haben. Kobayashi ist in Engelberg wieder sehr gut gesprungen. Das einzige Fragezeichen ist Stefan Kraft. Bei ihm geht es aufwärts, aber man muss abwarten, wie weit er schon ist.

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