Groß: "Frauenversteher? Glaub' ich nicht!"

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Ricco Groß ist Biathlon-Trainer der Damen

Ruhpolding - Das Highlight im Biathlonkalender ist die Weltmeisterschaft im März in Ruhpolding. Frauentrainer Ricco Groß (41) spricht in der tz über die Vorbereitung im finnischen Muonio und seine Qualitäten als Frauenversteher.

Herr Groß, wie war das Trainingslager in Muonio?

Groß: Sehr schön, alle sind gesund geblieben und haben gut trainiert, ein toller Lehrgang.

Miriam Gössner hat erzählt, Sie wohnen dort in netten, kleinen finnischen Holzhütten und essen Plätzchen. Klingt schon fast romantisch…

Groß: Stimmt, die Hütten gibt’s, aber wir fahren nicht primär zum Plätzchenessen hin. Muonio ist ein sehr wichtiger Lehrgang, um unsere Fähigkeiten in der Grundlagenausdauer zu trainieren. Die Hütten kommen dann erst zum Tragen, wenn die Regenration auf dem Programm steht. Das geht in gemütlicher, heimischer Atmosphäre schneller.

Haben Sie Muonio als Aktiver auch so genossen?

Groß: Ich war bestimmt vier- oder fünfmal. da. Wenn gute Bedingungen herrschen, ist es eine Sensation. In der Mitte des Trainingsgeländes steht ein großer Berg, auf den man laufen kann. Um ihn herum schlängelt sich eine 12-Kilometer-Strecke, dazu gibt es einige Zubringer. Im Normalfall kann man hier also laufen, bis zum Umfallen. Echt ein Paradies.

Und dieses Jahr?

Groß: Hatten wir immerhin eine 2,5-Kilometer-Strecke. In Europa ist Schnee gerade eher Mangelware, von daher waren die Bedingungen sehr gut.

Und Sie wissen nach zweieinhalb Wochen hoffentlich auch noch, wie Tageslicht aussieht?

Groß: Das Zeitfenster war dort schon sehr eng begrenzt. Es war immer nur vier oder fünf Stunden hell, aber das erwartet uns beim Weltcupauftakt in Östersund auch.

Wie sehen dort die Ziele aus?

Groß: Die Weltcups im Dezember sollen aus dem Training heraus kommen. Östersund ist eine Standortbestimmung, es wird noch nicht alles rundlaufen. Unser Höhepunkt ist die Weltmeisterschaft in Ruhpolding, da müssen wir topfit sein.

Dafür sind Sie genau der richtige Mann. Sie haben es in Ihrer Karriere immer geschafft, bei Großveranstaltungen auf den Punkt fit zu sein.

Groß (lacht): Ich kenne mich vor allem auch gut mit schlechten Dezemberstarts aus. Die Zeit von September bis November habe ich immer für das extrem harte Training genutzt. Und dann musste ich nur noch auf meine Form warten. Ich war immer fleißig, ich wusste, dass sie kommt.

Wenn in Östersund vier Ihrer Mädels unter die ersten zehn laufen, machen Sie sich dann Sorgen?

Groß: Nein, das ist auch in Ordnung. Nur Frühform kann es in diesem Fall keine sein. Dann sind wir vielleicht einfach so stark, und es geht danach noch weiter nach vorne.

Vielleicht auch, weil Ricco Groß ein Frauenversteher ist?

Groß (lacht): Mit dem Wort kann ich eigentlich gar nichts anfangen. Wenn Sie meine Frau fragen, wird sie wahrscheinlich auch definitiv Nein sagen. In der Trainer-Athleten-Beziehung helfen mir mit Sicherheit meine eigenen Erfahrungen. Ich weiß, was den Sportlern durch den Kopf geht und welche Antworten sie erwarten. Teilweise geht es oft nur darum, einen Sportler auf der psychologischen Seite zu stärken, dass seine Herangehensweise richtig ist. Ich versuche immer, auf die Stärken eines jeden einzugehen.

Ihre eigene Stärke war unter anderem das Schießen. Trainieren Sie dort speziell?

Groß: Ich versuche, meine Handschrift weiterzugeben. Das, was man sich erschießt, muss man nicht laufen.

Trainieren Sie auch auf Geschwindigkeit, wie zum Beispiel die Norweger?

Groß: Da muss man jeweils den individuellen Leistungsstand betrachten. Man sollte nicht den zweiten vor dem ersten Schritt machen. Zuerst zählt das Nullergebnis, danach die Geschwindigkeit.

Wie läuft das Schießen bei Miriam Gössner?

Groß: Sie hat Ergebnisse gebracht, die hoffen lassen. Zumal: Wenn’s ihr am Schießstand zu 80 Prozent aufgeht, kann sie aufgrund ihrer konditionellen Stärke immer aufs Podium laufen.

Von wem erwarten Sie in dieser Saison am meisten?

Groß: Unsere vier gesetzten Mädels (Neuner, Henkel, Gössner, Bachmann) haben die meiste Vorleistung gebracht. Da hoffen wir, dass sie nahtlos daran anknüpfen können. Zudem wird in Östersund mit Franzi Hildebrand ein neues Gesicht dabei sein. Sie hat sich mit guten Trainingsleistungen und mit einer sehr soliden Deutschen Meisterschaft dafür qualifiziert.

Und wer ist die größte Konkurrenz? Was erwarten Sie von den Russinnen um ihren neuen Trainer Wolfgang Pichler?

Groß: Ich schätze den Wolfi sehr. Er hat mir als jungen Trainer Einblicke gewährt, wie es in anderen Nationen läuft, da ist er sehr offen. Als ich noch Aktiver war, war das häufig schwieriger. Er hat mit den Russinnen viele Trainingseinheiten in Ruhpolding absolviert, da läuft man sich öfters über den Weg und tauscht sich aus.

Und, was erzählt er über Russland?

Groß: Er findet es spannend und freut sich über die neue Aufgabe. Ich wünsche ihm dabei auch viel Erfolg. Nur die Weltcupsiege sollten wir uns schon ein bisschen aufteilen.

Interview: Mathias Müller

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