Tauscher über sein Gold, Wasi & Felix

"Deutscher Weltmeister? Nie wieder!"

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Hansjörg Tauscher bei den Olympischen Spielen 1994 in Lillehammer.

München - Gerade sei es schlecht, sagt Hansjörg Tauscher, als ihn die tz am Telefon erreicht. Der Abfahrtsweltmeister von 1989 und heutige Polizeihauptmeister in Oberstdorf war zuletzt ein gefragter Mann, viele wollten wissen, wie das war in der Rattle Snake Alley. Später hat es mit einem Telefonat geklappt.

Herr Tauscher, fangen wir vorne an. Ihre Anreise war nicht weltmeisterlich.

Hansjörg Tauscher: Nein, wir haben über 30 Stunden gebraucht, inklusive Zwischenlandung und Notübernachtung.

Nervös hat Sie das wohl nicht gemacht?

Hansjörg Tauscher: Das passiert halt mal bei Überseeflügen. Die Abfahrt wurde sowieso zwei Tage nach hinten verschoben, wir durften am Rosenmontag zur berüchtigten TV-Primetime fahren. Zu wissen, wie viel freudetrunkene Menschen am Bildschirm sitzen, das war schon eher aufregend.

Der 6. Februar 1989, was war das für ein Tag?

Hansjörg Tauscher: Morgens hatte es 33 Grad minus, dem Regelwerk nach waren Rennen nur bis minus 25 Grad zugelassen, aber es war eine Weltmeisterschaft. Es war mein Tag, in dem Rennen ist es mir aufgegangen. Ich hatte Glück, weil es den Favoriten Pirmin Zurbriggen im Training dermaßen aufgestellt hatte, dass er, so vermute ich, Probleme mit der Rippe hatte. Aber, ich habe den Titel nicht gestohlen, verdient war’s. Ich hatte immer gute Ergebnisse, ich war bloß kein Siegfahrer. Die vier Schweizer hinter mir sehen das wohl anders, die Schweiz weint heute noch deswegen.

Lüften Sie doch bitte das Geheimnis um Ihre Durchfahrt durch die Rattle Snake Alley. Wie kann man auf etwa 200 Metern 0,75 Sekunden aufholen?

Hansjörg Tauscher: Das Ding war sauschwer zu fahren, ich habe mir meine Linie im Training von Peter Wirnsberger abgeschaut, er hat sie im Rennen nur nicht so gut getroffen. Die Wissenschaft dahinter ist eigentlich einfach. Die Wände waren extrem vereist, fast wie eine Bobbahn.

Wegen der 33 Grad minus.

Hansjörg Tauscher: Nein, nicht primär. Es waren auch nur die Wände, unten hatte sich griesliger Sumpf gebildet. Das Geheimnis lag also darin, auf der linken Wand in die Rattle Snake Alley hineinzufahren und sich dann am Scheitelpunkt in Richtung rechte Wand treiben zu lassen. So war der Berührungszeitraum mit dem bremsenden Sumpf möglichst kurz.

Wäre so ein Streckenteil heute noch denkbar?

Hansjörg Tauscher: Schon, aber nur modelliert, die Jungs dürften nicht mit 120 km/h reinfahren, sonst schmeißt’s dich raus. Da könnte höchstens noch der Hackl Schorsch helfen.

Ihnen hat vor der WM Doktor Otto Münch sehr geholfen.

Hansjörg Tauscher: Ein paar Wochen vor der WM war ich in Gröden so schnell unterwegs, dass ich im Looping, ein rund 60 Meter weiter Kompressionssprung, bei der Landung fast auf dem Rücken gelandet wäre. Das konnte ich verhindern, aber dabei sind mir 50 Prozent des Kreuzbandes gerissen. Doktor Münch hat mich nicht operiert, sondern konservativ behandelt, 50 Prozent, das reicht, hat er gesagt. In Gröden bin ich übrigens trotz des Faststurzes Sechster geworden.

Sie hätten beinahe auch mal eine Abfahrt mit nur einem Stock gewonnen.

Hansjörg Tauscher: Das war 1985 in Jasna (Slowakei, Anm. d. Red.) bei der Junioren-WM. Beim Start ist mir die Schlaufe gebrochen, im Ziel war ich Zweiter. In Relation war die Leistung fast so gut wie der WM-Titel.

Dieses Jahr müssen Sie nicht fürchten, dass es einen deutschen Nachfolger gibt.

Hansjörg Tauscher: Ich hätte nichts dagegen, aber ich fürchte, das wird nie mehr einer schaffen, zumindest werden wir das nicht mehr erleben. Ein deutscher Abfahrtsweltmeister, das ist wie wenn Österreich Fußballweltmeister werden würde.

Bei den Technikern um Felix Neureuther ist das realistischer.

Hansjörg Tauscher: Ich hätte nie gedacht, dass sich Felix mal zu einem Seriensieger ent­wickelt. Im Slalom kann viel passieren, aber möglich ist es.

Ihr Allgäuer „Kollege“ Stefan Luitz startet nach seiner Verletzung mit schwierigen Voraussetzungen. Aber abgesehen vom letzten Tor hat er in Schladming und Sotschi bewiesen, dass er Medaillenpotenzial hat.

Hansjörg Tauscher: Markus Wasmeier ist 1988 am ersten Tor ausgeschieden, der musste sich den ein oder anderen Spruch anhören. Stefan hat schon einiges weggesteckt, wie gut es in Vail geht, muss man abwarten. Aber er hat einen geraden, schnellen und dennoch unglaublich runden Schwung, das haben nicht viele.

Interview: Mathias Müller

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