Mittenwalder liebt die Geschwindigkeit

Dreßen im Interview: Mit diesem anderen Sportstar fiebert der Streif-Sieger mit

+
Der Knaller des Skiwinters: Thomas Dreßen gewann sensationell in Kitzbühel - sein Durchbruch in die Weltspitze.

Thomas Dreßen war der deutsche Shootingstar dieser alpinen Weltcup-Saison. Im großen Interview spricht der Streif-Sieger über besondere Leidenschaften und seine Pläne für die Zukunft.

Kitzbühel - Von null auf hundert, vom Ski-Nobody zum Super ... - stopp, als Star will Thomas Dreßen auf keinen Fall bezeichnet werden. Nach seinem rasanten Aufstieg im vergangenen Winter, nicht nur durch den Kitzbühel-Sieg, genießt Dreßen erst mal wieder das normale Leben als Tom. Mit Birgit und Hund und Harley.

Warum er aber vom Skifahren auch nach der Weltcupsaison noch nicht genug hat, warum er ein typischer Skorpion ist, bei dem ein Sieg auf der Streif praktisch programmiert war, was Formel-1-Piloten mit Abfahrern gemeinsam haben, warum ihn brutale Stürze nie aufhalten konnten - darüber spricht der 24-Jährige Mittenwalder, den die Liebe nach Scharnstein in Oberösterreich verschlagen hat, im Interview mit unserer Zeitung. Eine Saisonbilanz, für die sich Dreßen viel Zeit nahm.

Thomas Dreßen, ein Skifahrer, der den ganzen Winter oft schon vor Sonnenaufgang am Berg ist, wird es nach Saisonschluss genießen: Endlich ausschlafen!

Thomas Dreßen: Ganz ehrlich, recht viel ausschlafen konnte ich bisher nicht. Letzte Woche war die Deutsche Meisterschaft in Garmisch-Partenkirchen, ab Freitag ging schon Formel 1 in Melbourne los, und das relativ früh. Weil ich extremer Fanat bin, was Formel 1 angeht, bin ich natürlich immer aufgestanden. Heute musste die Freundin (Birgit/ d. Red.) früh in die Arbeit, da ist nix mit ausschlafen. Das wird frühestens so weit sein, wenn wir mal im Urlaub sind.

Formel-1-fanatisch heißt?

Dreßen: Da verpasse ich gar nichts. Ich schaue mir das Qualifying, das Rennen alles komplett an, und wenn sich’s ausgeht, auch Training und alle Zusammenfassungen. Das ist voll mein’s.

Lesen Sie auch: 

Wintersport-Saison vorbei: Die Noten für die Seriensieger und Sorgenkinder

„Formel 1 - das ist wie beim Skirennen“

Was fasziniert Sie daran, der Geschwindigkeitsrausch wie bei der Ski-Abfahrt?

Dreßen: 

Die Geschwindigkeit, die Autos, mit welchem Gefühl die Fahrer ihre Autos in die Kurven reinschmeißen - das finde ich brutal. Das kann man schon vergleichen mit der Abfahrt, weil du in jede Kurve einen gewissen Speed mit reinnimmst, den du durch die Kurve halten musst, um möglichst viel Speed aus der Kurve mitzunehmen. Das ist wie beim Skirennen.

Das Aufstehen hat sich gelohnt am Sonntag wegen des Sieges Ihres Formel-1-Lieblings?

Dreßen: 

Ja, Wahnsinn! Ich bin immer schon Fan von Sebastian Vettel gewesen, nicht erst, seit er bei Ferrari ist. Nach dem missglückten Start in Melbourne habe ich noch gedacht, da hätte ich mir das Aufstehen auch sparen können. Aber ich habe es durchgezogen. Es hat mich brutal gefreut für ihn.

Wie kann Thomas Dreßen nach so einem ereignisreichen Winter abschalten und entspannen, außer mit Motorsport?

Dreßen: 

Ich freue mich auf die ganz normalen Dinge: Mit dem Hund spielen und spazieren gehen, mit der Freundin etwas unternehmen, meine Freunde wieder mal treffen. Ich freue mich, wenn ich meinen Freunden nicht am Freitag oder Samstag um 22 Uhr sagen muss: ,Leute, ich muss los, ich habe morgen schon wieder Anreise zu einem Skirennen.’ Jetzt sage ich: ,Komm, pfeif ma drauf, ich bleib’, solange es lustig ist.‘ Gestern war ich mit einem Spezl beim Skifahren. In Grünau am Kasberg, in der Nähe meines Wohnortes (

in Oberösterreich/ d. Red.

).

Lesen Sie auch: 

Neureuther, Ehrhoff, Dahlmeier, Wellinger: So viel verdienen unsere Wintersport-Stars

„Die Abfahrt ist mein Leben“

So richtig genug haben Sie nicht vom Skifahren?

Dreßen: 

Rennen fahren ist cool, die Abfahrt ist mein Leben. Aber wenn man auch privat mal Ski fahren kann, ohne Druck, einfach entspannt oben am Berg zu stehen, wenn man Ski fahren kann, wo und wie man will - das taugt mir voll. Und zwischendurch auch mal in einer Hütte hocken, das ist schon cool.

Da gönnen Sie sich ein Schnapserl auf ihren Traumwinter?

Dreßen: 

Nein, nein, beim Skifahren trinke ich gar nichts. Da ist schon oft genug etwas passiert wegen so einem Schmarrn, das muss nicht sein. Après-Ski gibt’s höchstens mal, wenn überhaupt, im Tal.

Wenn Sie nun den Wirbel der vergangenen Saison in Ruhe reflektieren, als ein Highlight das nächste jagte, als aus dem Skifahrer Dreßen der Kitzbühel-Held wurde - haben Sie inzwischen alles realisiert, oder fühlt es sich immer noch wie ein Traum an?

Dreßen: Wenn ich in der Früh aufstehe, ins Wohnzimmer gehe und sehe die Kitzbüheler Gams da stehen, dann denkt man immer wieder: Das war schon verdammt cool, wie das heuer alles abgelaufen ist.

Man hatte den Eindruck, Sie waren in einem richtigen „Flow”.

Dreßen: 

Von Anfang bis Ende der Saison haben wir den Plan der Trainer exakt durchgezogen. Von der Startvorbereitung, Strecken-Besichtigung bis zum Training, wir haben versucht, nichts zu ändern, immer bei der Sache zu bleiben. Das ist mir ganz gut gelungen, deshalb bin ich in so einen Flow gekommen. Aber zum Schluss war ich schon ganz schön müde und fertig. Die Deutsche Meisterschaft vergangene Woche war eher eine zache Geschichte mit zunächst viel Sauwetter. Aber bei der Abfahrt war Traumwetter. Und ich habe es genossen, mit einem geilen Abfahrtstag aufzuhören (

und dem deutschen Meistertitel/ d. Red.

). Aber ich hatte nichts dagegen, dass es vorbei war. Jetzt genieße ich es, keinen exakt vorgeplanten Tagesablauf zu haben. Sondern einfach aufzustehen und in den Tag hineinzuleben.

Lesen Sie auch:

Wellinger im Interview: „...sonst geht die Welt auch nicht unter“

Lässige Ausritte mit der Harley

An dem sich dann zum Beispiel was ereignen könnte?

Dreßen: 

Einfach spontan zu tun, worauf man Lust hat. Ob das eine Skitour ist - oder Motorrad fahren. Ich habe zwei Harleys und freue mich drauf, wenn ich die abstauben und aus der Garage holen kann. Aber da muss ich noch warten, bis das Salz von den Straßen weg ist.

Wo carven Sie denn auf der Harley hin?

Dreßen: 

Da hocke ich mich drauf und fahre einfach los, wohin ich grad will. Wenn ich nach links abbiegen will, biege ich nach links ab - oder eben nach rechts. Ich bin nicht der Typ, der sich vorher irgendwelche Routen aussucht, ich fahre einfach, wo mich die Nase grad hinzieht.

Klingt wie im Kultfilm „Born to be wild“. Sie haben am 22. November Geburtstag, Sternzeichen Skorpion. Als Charaktereigenschaften des Skorpions haben wir gefunden: „Arbeitet bevorzugt in Berufen, in denen Mut, Härte und Durchhaltevermögen gebraucht wird. In Berufen, in denen es um Leben und Tod geht.“ Besser könnte man einen Abfahrtssieger auf der Kitzbüheler Streif gar nicht beschreiben …

Dreßen: 

... da war ja eigentlich schon alles vorprogrammiert (

lacht

). Das sind alles Eigenschaften, die man als Skifahrer braucht. Das trifft es echt sehr gut.

Aber der Skorpion-Mensch scheut angeblich die Öffentlichkeit, neigt zur Unauffälligkeit. Da hat man einen anderen Eindruck von Ihnen.

Dreßen: 

Eigentlich trifft das schon zu. Ich bin nicht scharf darauf, jeden Tag in den Medien zu stehen. Was ich gar nicht mag: Wenn jemand sagt, ich wäre jetzt ein Star oder Promi. Das bin ich nicht! Ich bin immer noch ich selber, einfach nur ein Mann, der Ski fahren will, der seinen Sport liebt und seine Familie. Nur weil ich jetzt auf Ski schnell den Berg runterfahre, bin ich nichts Besonderes. Meine Freunde haben gesagt: ,Wehe, du hebst jetzt ab!‘ Dann sage ich: ,Wenn sie den Eindruck haben, dass das passiert, sollen sie mir sagen: ,Hey, Tom, jetzt bist du aber ein Trottel geworden.‘

Der Kitzbühel-Sieger ist wieder zurück im normalen Leben?

Dreßen: Genau. Zum Glück. Endlich! (lacht). Was sich am meisten geändert hat, ist der Medienrummel. Natürlich ist es gut, dass der Sport Skifahren wieder mehr in den Medien ist. Aber es muss von der Zeit her passen. Wenn das Aktuelle Sportstudio anfragt, wie jetzt vor dem Weltcup-Finale, wenn mir das nicht in den Plan passt, logistisch einen Kopfstand bedeuten würde und wenn es nicht vom Skiverband die Order gibt, ich muss da hin, dann gehe ich auch nicht hin. Generell finde ich es besser, man macht weniger Termine, dann aber gescheit. So wie jetzt gerade bei diesem Gespräch. Dann nehme ich mir auch die Zeit.

Sie waren vergangene Saison die größte Sensation im Ski-Weltcup. Mit dem Kitzbühel-Sieg und am Schluss noch einem Ritterschlag: Das Duell „Dreßen - Österreich” endete nach Abfahrtssiegen 2:2. Und das auch nur, weil zwei Österreicher (Vinzent Kriechmayr und Matthias Mayer) das letzte Rennen in Are zeitgleich gewannen. Am liebsten würden unsere Nachbarn diesen Dreßen einbürgern, weil Sie auch noch in Oberösterreich leben. Felix Neureuther hat einen Nachfolger als Lieblingsdeutscher der Österreicher …

Dreßen: Wer sich in Österreich sich für mich freut, weiß ich nicht. Wenn das so ist, dann finde ich das sehr cool. Aber wie oft sieht man das schon, dass sich Österreicher für einen Deutschen freuen, wenn er vor ihnen ist? Das ist eher eine seltene G’schicht. Wenn sich andere Nationen, andere Athleten mitfreuen, kann man den Erfolg noch viel mehr genießen. Ob Aksel Lund Svindal, Hannes Reichelt, Beat Feuz, da sind viele gekommen, in Kitzbühel haben mir alle von Herzen gratuliert. Die haben sich alle mitgefreut. Das ist bei uns Abfahrern besonders: Freilich ist es wichtig, vorne zu sein. Aber vor allem ist wichtig, dass man gesund im Ziel ankommt.

Sie sprechen aus Erfahrung. Zu Europacup-Zeiten hatten Sie einige schwere Stürze. Auch das hat Sie nie abgeschreckt?

Dreßen: 

Speziell ein Sturz in Wengen war schon brutal, da hat es mich über den „canadian corner“ ausgehoben, da bin ich ein paar Meter in der Luft gestanden und auf die Piste gekracht. Prellungen, Stauchungen, das hat eineinhalb Jahre gedauert, bis alles ausgeheilt war. Stürze gehören leider dazu in der Abfahrt, irgendwann stürzt jeder. Wenn es mich aufgestellt hat, wollte ich immer sofort sehen und wissen, warum das passiert ist. Weil es immer ein Fehler von mir ist, wenn ich stürze. Wenn man sich den Fehler eingesteht, hat man die größte Chance, daraus zu lernen.

Lesen Sie auch: 

Dreßen vollendet beste Weltcup-Saison eines deutschen Abfahrers

„Risiko gibt’s auch beim Treppe-Runtergehen“

Was war eigentlich der auslösende Moment, warum Sie Abfahrer werden wollten?

Dreßen: 

Dieses Ziel hatte ich schon immer. Als ich Skirennen zum ersten Mal im Fernsehen angeschaut habe, war Hermann Maier die Nummer eins. Der war mein Vorbild. Dann kam ein Daron Rahlves (

USA/ d. Red.

), später Aksel Lund Svindal (

Norwegen/ d. Red.

). Seither war die Abfahrt mein großes Ziel. Irgendwann hatte ich auch das Gefühl, ich komme beim Riesenslalom nicht mehr weiter. Als Mathias Berthold als Cheftrainer und Christian Schwaiger als Abfahrtschef gekommen sind, habe ich gesagt: So, jetzt will ich auf die Abfahrt!

Kam dem „Skorpion” Dreßen nach den vielen Stürzen nie der Gedanke: Abfahrt ist zu gefährlich?

Dreßen: 

Dass der Skisport gefährlich ist, ist ja klar. Man muss sich daher entsprechend darauf einstellen und vor allem vorbereiten. Dann kann man auch sagen: Risiko ist überall dabei, ob man eine Treppe runtergeht oder Ski fährt oder Motorradl fährt - man muss lernen, damit umzugehen. Vor drei Jahren bin ich zu oft gestürzt, im Schnitt fast in jedem zweiten Rennen. Dann habe ich nach der Saison gesagt: So kann es nicht weitergehen, wer weiß, wie oft das noch gut ausgeht. Dann wurde mit den Trainern besprochen, was wir anderes machen können.

Mit durchschlagendem Erfolg. Aus dem Sturzpiloten wurde ein Siegertyp. Der erste deutsche Kitzbühel-Sieger seit 39 Jahren; zwei Abfahrtssiege in einem Winter - das schaffte zuvor noch gar kein Deutscher. Und am Ende Platz 3 im Abfahrtsweltcup, das war bisher nur Franz Vogler im Weltcup-Gründungsjahr 1967 gelungen. Bedeuten Ihnen solche historischen Vergleiche etwas?

Dreßen: Ich fahre ja nicht für die Historie, sondern für mich selber. Jeder will für sich selbst was erreichen. Ich glaube, es ist verkehrt, wenn man das Geschichtsbuch aufschlägt und sich denkt: Wer ist der letzte Deutsche, der das und das und das geschafft hat? Man fährt ja nicht nur für Deutschland, man fährt gegen alle Nationen. Und irgendwann will jeder mal der Beste sein. Auf dieses Ziel arbeiten wir alle hin, irgendwann ganz oben zu stehen.

Lesen Sie auch: "Verrückte Saison": Ausnahmetalent Dreßen rast zum zweiten Weltcupsieg

Massenhaft Fanpost: „Ich lese jeden Brief“

Lesen Sie eigentlich die Berge an Fanpost, auch in den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram?

Dreßen: 

Da kommen eigentlich jeden Tag Anfragen, manche wollen meine Adresse und so weiter. Ich lese jeden einzelnen Brief, hebe alles auf. Was mich zum Beispiel brutal gefreut hat: Nach dem Kitzbühel-Sieg habe ich von einer kompletten Grundschulklasse aus der Nähe von Garmisch-Partenkirchen ein Packerl mit Briefen bekommen. Jeder Schüler hat einen kleinen Aufsatz geschrieben und ein Bild dazu gemalt und alles Gute gewünscht. Das war richtig nett und hat mich beeindruckt.

Und was ist mit richtig Urlaub, sogar mit ausschlafen?

Dreßen: 

Jetzt freue ich mich erst mal, so kurios das klingen mag, wenn ich Ende April nach Are zum Trainieren und Testen fahre. Da ist dann die Zeit auf der Piste komplett wurscht. Danach fliege mit meiner Freundin in den Süden ans Meer. Da werde ich die Ruhe genießen, die Füße schön baumeln lassen, einfach so dahin leben. Heuer bin ich mal der ruhige Urlauber-Typ, aber das kann nächstes Jahr ganz anders sein.

Und wohin soll die Reise im Skisport, die im vergangenen Winter so rasant nach oben ging, noch hinführen?

Dreßen: 

Ich muss mit den Trainern besprechen, was ich noch besser machen kann. Zwei Siege habe ich schon, aber wenn es nach mir ginge, dürften schon noch in paar dazukommen. Darauf werde ich hinarbeiten.

Es ist Osterwochenende. Sind Sie Katholik?

Dreßen: 

Ich bin ein gläubiger Mensch und werde an Ostern wahrscheinlich auch in die Kirche gehen - auch wenn ein Formel-1-Rennen wäre.

Das Gespräch führte Jörg Köhle

Auch interessant

Meistgelesen

Schock in der NHL: Eishockey-Star kollabiert plötzlich - dramatische Szenen
Schock in der NHL: Eishockey-Star kollabiert plötzlich - dramatische Szenen
Dreßen erneut famos: Podiums-Erfolg bei umstrittenem Super-G
Dreßen erneut famos: Podiums-Erfolg bei umstrittenem Super-G
Skispringen: Geiger fällt im Windchaos zurück, Kraft siegt
Skispringen: Geiger fällt im Windchaos zurück, Kraft siegt
Biathlon-Paukenschlag: Russland droht Olympia-Disqualifikation - Deutschland könnte profitieren
Biathlon-Paukenschlag: Russland droht Olympia-Disqualifikation - Deutschland könnte profitieren

Kommentare