Magdalena Neuner im Interview

"Mein TV-Engagement ist ein Dankeschön an meine Fans"

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Magdalena Neuner über ihre Tochter: "Vreni ist super-unkompliziert."

München – Rund dreieinhalb Jahre liegt der Rücktritt von Biathlon-Star Magdalena Neuner zurück. Zum Saisonstart am Sonntag in Östersund gibt die 28-jährige Rekordweltmeisterin ihr Biathlon-Comeback – als Fernseh-Expertin für die ARD.

Insgesamt dreimal wird die Wallgauerin in diesem Winter in dieser Rolle zu sehen sein: beim Weltcup-Auftakt in Schweden (28. November bis 6. Dezember), beim Biathlon-Event auf Schalke (28. Dezember) und bei den Weltcup-Rennen in Presque Isle/USA (10. bis 14. Februar). Der Münchner Merkur unterhielt sich mit Lena Neuner, die auch nach ihrer Karriere Publikumsliebling geblieben ist, über ihre neue TV-Rolle, über die erstaunliche Entwicklung des deutschen Frauenteams, den schwierigen Weg zurück von Miriam Gössner und über die kleine Vreni Neuner, auf die ihre berühmte Mama einige Tage verzichten muss.

Lena Neuner, nach der WM in Östersund 2008, wo Sie drei Goldmedaillen gewannen, wurde dort ein Elchbaby nach Ihnen benannt. Wird es nun ein Wiedersehen mit dem Elch namens Neuner geben?

Ja. Ursprünglich dachte ich, die Zeit wäre zu knapp. Aber es ist ein Besuch beim Elch Neuner geplant. Die ARD wird auch dabei sein. Der Elch ist ja eine Dame und hat inzwischen Nachwuchs-Neuners bekommen.

Die WM in Östersund haben Sie sicher auch in sportlicher Hinsicht in guter Erinnerung. Sie wurden dreifache Weltmeisterin, besonders spektakulär war das Massenstartrennen, bei dem Sie Tora Berger auf den letzten Metern niederkämpften. Sind Ihnen solche Momente noch präsent?

Klar. Das war ein ganz besonderes, selten spannendes Rennen. An Östersund erinnere ich mich immer wieder gern. Auch weil dort traditionell der Saisonauftakt war; für uns Sportler war es immer schön, in Östersund zu bummeln. In der Vorweihnachtszeit hat diese Stadt ein besonderes Flair.

Magdalena Neuner: "Ich wollte nicht jedes Wochenende weg sein"

Trotzdem war nicht damit zu rechnen, Sie dort nun wiederzusehen. Sie haben ja in den letzten Jahren eher Distanz zur Biathlon-Szene gehalten, und Sie schienen auch ganz glücklich damit zu sein . . .

Ja, es war schon so, dass ich nach dem Karriereende diesen Abstand gebraucht habe. Das war wichtig für mich.

Was gab dann den Ausschlag dafür, dass Sie als Fernseh-Expertin in den Weltcup zurückkehren?

Das ARD hatte ja Jahr für Jahr bei mir angefragt. Ich wollte aber nicht wieder fast jedes Wochenende weg sein. Doch dann hat sich die Möglichkeit ergeben, für Kati Wilhelm (dreifache Biathlon-Olympiasiegerin und nun TV-Co-Kommentatorin) bei drei Biathlon-Stationen einzuspringen. Der zeitliche Aufwand ist somit nicht zu groß. Es war letztlich eine Bauchentscheidung, das zu machen.

Ihre Fans werden sich freuen ...

Ich habe schon in den letzten Jahren gemerkt, dass die Fans fast danach sehnen, dass ich auf Facebook etwas poste oder einen öffentlichen Auftritt habe. Ich habe auch immer wieder das Feedback bekommen: „Lena, es so schön, dich ab zu mal wieder zu sehen.“ Mein TV-Engagement ist so gesehen auch ein Dankeschön dafür, dass ich immer noch so viel Fans habe.

Für Sie ist das jetzt eine ganz neue, ungewohnte Rolle. Als Kommentatorin sollte man die Sportler auch kritisch beurteilen. Liegt Ihnen das?

Da bin ich selbst gespannt. Mir ist schon klar, dass ich neutral bleiben und manchmal auch kritisch denken muss. Aber ich komme aus dem Sport – und da glaube ich, dass es okay ist, wenn ich mich in den Sportler versetze, empathisch bin und sage: Ich kann das nachvollziehen, dass etwas nicht so geklappt hat. Man muss sicher einen Mittelweg finden. Aber im Vorhinein ist das alles schwer zu sagen. Ich springe ja ins kalte Wasser, muss erst noch meine Erfahrungen machen.

Magdalena Neuner: "Dopingsünder machen viel kaputt"

Zu den heiklen Themen des Biathlon zählt Doping. Zuletzt musste der russische Verband nach drei Sündenfällen eine Höchststrafe zahlen. Wie sehr haben Sie diese Skandale erschreckt?

Ich finde das brutal erschreckend. Aber es ist auch nicht so, dass ich jetzt total überrascht gewesen wäre. Da bin ich ganz ehrlich. Es gab in letzter Zeit so viele Enthüllungen, es sind so viele Sachen rausgekommen. Da wundert mich der russische Skandal nicht mehr. Es ist schon traurig: Man kennt die Sportler, kommt mit ihnen auch ganz gut klar und denkt nicht, dass sie zu so was fähig wären. Aber man kann halt in die einzelnen Sportler nicht reinschauen. Fest steht: Für den Sport ist das unheimlich schlecht. Die Dopingsünder machen ganz viel kaputt.

Nachdem Sie 2012 zurückgetreten waren, schien zwischenzeitlich die ganze Herrlichkeit im deutschen Frauen-Biathlon dahin zu sein. Im vergangenen Winter hat sich das geändert. Die deutschen Skijägerinnen kehrten in die Weltelite zurück. Hat Sie das überrascht?

Ja. Ich habe nicht damit gerechnet, weil das Jahr davor mit Olympia in Sotschi enorm schwierig war. Es war spannend, wie diese junge Mannschaft damit umging. Da hätte es schon passieren können, dass die eine oder andere daran zerbricht. Insofern war es erstaunlich, wie geschlossen, stark, selbstbewusst und erfolgreich die Mannschaft aufgetreten ist. Das war bei der WM fast schon ein Medaillenregen. Das hätte alles auch ganz anders ausgehen können.

Ihre Prognose für diese Saison?

Ich glaube, dass die Mädels gut drauf sind, ich bin superoptimistisch, dass wir ein Frauenteam haben, das konstant vorne in der Weltspitze mitlaufen kann.

Bundestrainer Gerald Hönig hat kürzlich gesagt, seine jungen Athletinnen seien durch die letzten beiden Jahre wie in einem Düsenjet gerauscht.

Er wollte damit den raschen Reifeprozess erklären, der vor allem mit den vielen Erfahrungen – darunter auch das Olympia-Desaster in Sotschi – zu tun hat . . .

Im Nachhinein könnte man sogar sagen, dass es ein Glück für die Mädels war, dass sie in Sotschi so eine schwere Zeit durchmachen mussten – und Gott sei Dank es geschafft haben, nicht daran zu zerbrechen. Das zeigt, dass sie starke Persönlichkeiten sind und an sich arbeiten. Ich kann das gut nachvollziehen. Ich habe auch so eine schnelle Entwicklung bewältigen müssen durch die schnellen Erfolge in jungen Jahren. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als dass man extrem an sich arbeitet und ganz, ganz schnell reift. Wenn man reifen muss, dann funktioniert das auch. Es ist sicher auch ein Vorteil, dass in der aktuellen Mannschaft ein großer Zusammenhalt herrscht. Das stärkt und macht es einfacher, wenn man sich aneinander anlehnen kann.

Magdalena Neuner: "Ich wünsche Miri das Beste"

Wie sehen Sie den Anteil der Trainer Gerald Hönig und Tobias Reiter?

Das ist ein super Team. Gerald ist kritisch, analytisch, hält zugleich voll zu seiner Mannschaft. Er ist einer, der sich viele Gedanken macht, er ist dabei auch selbstkritisch. Das zeigt auch Größe, wenn einer sagt: Ich muss auch selbst an mir arbeiten. Vor so einer Einstellung habe ich großen Respekt. Und Tobi, den ich noch aus meiner Zeit im C-Kader kenne, ist genauso gewissenhaft, akribisch. Die beiden passen gut zusammen, ergänzen sich. Das zeigen schließlich auch die tollen Ergebnisse.

Ein Sorgenkind war in den letzten Jahren Ihre Freundin Miriam Gössner. Seit ihrem Radunfall vor zweieinhalb Jahren hatte sie größte Schwierigkeiten wieder in Tritt zu kommen. Nun hat Miri Gössner zumindest den Sprung zurück ins A-Team geschafft. Was trauen Sie ihr zu?

Wichtig ist, dass Miri vom Kopf her die Bestätigung bekommt, dass sie laufen kann, es auf der Strecke wieder funktioniert, dass sie gesund ist, dass die Arbeit nach ihrem Unfall gefruchtet hat und sie auf dem aufsteigenden Ast ist. Das tut ihrem Selbstbewusstsein gut. Einfach aber wird es nicht. Sie muss sich immer wieder intern neu beweisen. Auch weil die Mannschaft sehr stark ist. Aber Miri hat gut gearbeitet. Ich wünsche ihr das Beste.

Sie hatten einst – ähnlich wie Miri – Probleme mit dem Schießen. Allerdings gelang es Ihnen nach vielen Auf und Abs, sich zu einer sicheren Schützin zu entwickeln. Welchen Tipp können Sie Miri Gössner geben?

Jeder Mensch ist anders. Es ist schwer, da gute Ratschläge zu verteilen. Für mich persönlich war es wichtig, dass ich im mentalen Bereich hart gearbeitet habe. Ich wusste aus dem täglichen Schießtraining, dass es am Können nicht liegen konnte. Ich bin einfach mit der Situation am Schießstand nicht zurecht gekommen. Ich war da nervös, habe mich unter Druck setzen lassen, von den Zuschauern, vom Drumherum, von den Gegnerinnen. Das habe ich in den Griff bekommen, weil ich mir einen Mentaltrainer geholt habe, der mir intensiv geholfen hat. Das kann ich jedem empfehlen, aber für dieses mentale Training ist natürlich nicht jeder gemacht. Da muss man sehr offen sein, muss sich darauf einlassen.

Viele hatten darauf gehofft, dass Sie als Nachwuchstrainerin in den Biathlonsport zurückkehren. Gibt es noch solche Pläne?

Nein. Überhaupt nicht. Bei diesem Thema fühle ich mich sogar ein wenig unter Druck gesetzt. Ich werde von so vielen Leuten darauf angesprochen: „Wann wirst du jetzt endlich Trainerin.“ Aber ich sag’s ganz ehrlich: Mein Tag hat halt nur 24 Stunden. Und im Moment habe ich noch viel Arbeit, bin noch recht gefragt. Da bin ich auch froh darüber. Und dann habe ich vor allem ein kleines Kind. Das steht im Vordergrund. Jeder, der Kinder hat, weiß, was das bedeutet. Wenn man nun Nachwuchstrainerin ist, dann muss man in der Woche zwei-, dreimal Training machen. Und im Winter ist man jedes Wochenende bei Wettkämpfen. Das ist für mich derzeit keine Option. Zeitlich geht das einfach nicht.

Magdalena Neuner: "Vreni ist super-unkompliziert"

Was macht denn Ihre eineinhalb Jahre Tochter Verena Anna, wenn Sie für die ARD im Einsatz sind?

Ich werde die Vreni nicht mitnehmen. Das würde für sie auch keinen Sinn machen. Mein Mann ist ja da, die Omas kümmern sich um sie, ich habe viele, die mir den Rücken stärken.

Östersund wird ja das erste Mal sein, dass Sie mehrere Tage getrennt sind . . .

Vreni ist super-unkompliziert, für sie es nicht so schlimm – für mich schon. Ich bin die, die am meisten darunter leidet. Aber ich bin ja nur dreimal in diesem Winter als Fernsehkommentatorin unterwegs. Wenn es öfter gewesen wäre, hätte ich das auch nicht gemacht.

Sie werden vorerst nur in dieser Saison für die ARD arbeiten. Hat das auch damit zu tun, dass Ihre – wie Sie kürzlich in einem Interview erklärten – Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist?

Wir möchten schon irgendwann noch ein zweites Kind. Das ist klar. Einen festen Zeitpunkt dafür haben wir uns dafür zwar nicht gesetzt. Ich plane als TV-Kommentatorin aber erst einmal nur für diesen Winter. Mit einem zweiten Kind würde es sicher nicht einfacher werden. Das merkt derzeit auch die Kati Wilhelm. Die hat zwei Kinder und auch noch ein Cafe, das ist viel Arbeit. Ich schaue jetzt einfach mal, wie es mir taugt.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich bin ja jemand, der neugierig ist und gerne neue Sachen ausprobiert. Jetzt als Fernsehexpertin von der anderen Seite auf das Biathlon zu schauen, finde ich total interessant. Ich probiere immer gern neue Herausforderungen aus. Und nun freue ich mich riesig darauf, auf diese Weise wieder einmal ein bisschen näher am Biathlon dran zu sein.

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