Biathlon-WM, Betrug und mehr

„Was geht in diesen Köpfen vor?“ Ex-Biathlon-Star Neuner im Interview

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Magdalena Neuner spricht unter anderem über die Anfälligkeit für Krankheiten, nachdem der Körper beim Leistungssport extrem gefordert wurde.

Am Donnerstag startet in Östersund die Biathlon-WM 2019 mit der Mixed-Staffel. Ohne die deutsche Ikone Magdalena Neuner, die im heimischen Wallgau am Fernseher mitfiebert. Wir haben mit ihr gesprochen.

Magdalena Neuner, werden wir Sie bei der heute beginnenden Biathlon-WM in Östersund als ARD-Kommentatorin sehen?

Nein, ich bin nicht in Schweden dabei. Ich habe schon meine drei TV-Einsätze hinter mir. Jetzt ist die Kati Wilhelm dran. Ich muss aber zugeben: Ich wäre echt gern nach Östersund gefahren. Jetzt werde ich mir das Ganze gemütlich daheim anschauen. Grüße an die Elche habe ich schon ausrichten lassen.

Sie haben in Östersund ja einen eigenen Elch namens Neuner. Der wurde bei der WM 2008 in einem Elch-Park nach Ihnen benannt, nachdem Sie dreimal Gold geholt hatten. Haben Sie mal wieder etwas von dem Tier gehört?

Der Besitzer des Elch-Parks schickt mir öfter Fotos. Dem Elch Neuner geht es gut. Und inzwischen gibt es auch schon einigen Nachwuchs. Das erste Elchkalb wurde Lena genannt.

Sie verbinden überhaupt schöne Erinnerungen an die WM 2008 in Östersund.

Definitiv. Das werde ich nie vergessen. Ganz besonders war das Massenstartrennen gegen Thora Berger, in dem wir Seite an Seite gekämpft haben bis zur Ziellinie. Gott sei Dank ist es für mich gut ausgegangen. Die Erwartungen waren damals extrem hoch, weil ich im Jahr zuvor in Antholz dreifache Weltmeisterin geworden bin. Und mit diesem Druck konnte ich nicht so gut umgehen wie später. Ich war halt noch sehr jung. Umso befreiender war es, dass ich noch mal drei Titel gewonnen habe.

Die inzwischen 32-jährige Magdalena Neuner war einst die weltbeste Biathletin, gewann zwei olympische Goldmedaillen und zwölf WM-Titel.

Ihre Nachfolgerin ist Laura Dahlmeier. Auch in puncto Erwartungsdruck. Sie hat zuletzt viele gesundheitliche Rückschläge verkraften müssen. Glauben Sie, dass Laura die hohen Erwartungen trotzdem erfüllen kann?

Ich glaube, dass Laura eine Super-WM machen kann. Ob sie die fünf Goldmedaillen von Hochfilzen 2017 wiederholen kann, weiß ich nicht. Da müsste schon ganz viel zusammenpassen. Aber sie kann in jedem Fall in einem Einzelrennen Weltmeisterin werden. Es ist allerdings schwierig, ihre derzeitige Form genau einzuschätzen. Ich habe sie zuletzt beim Weltcup in Kanada gesehen, da hat sie einen guten Eindruck auf mich gemacht.

Magdalena Neuner im Interview: „Ich war selbst viel krank. Auch nach der Karriere“

Sie haben dennoch leise Zweifel?

Was mich in diesem Winter etwas besorgt hat, waren die Wettkämpfe, in denen sie absolut ausgepowert ins Ziel gekommen ist. So wie in Antholz. Da hat sie zwar ein super Rennen gemacht, aber sie war komplett fertig, sodass sie rausgeführt werden musste. Ich hoffe einfach, dass ihre Kraft ausreicht, dass sie Östersund gut übersteht. Auch vom Kopf her, das ist sicher nicht einfach in diesem Jahr.

Bei der WM 2017 in Hochfilzen hatte Laura Dahlmeier trotz überragender Form zwei Schwächeanfälle ...

Ja, da sieht man, dass das Ganze sie schon ganz schön fordert. Sie kann sich extrem anstrengen, aber der Körper hat halt auch nur gewisse Ressourcen.

Gibt es denn eine Erklärung für die vielen Infekte, die Laura Dahlmeier immer wieder heimsuchen? Auch Franziska Preuß hat ähnliche Probleme.

Ich war ja selbst viel krank. Auch nach der Karriere. Weswegen ich den Arzt Günter Beck (Ehemann der früheren Biathletin Martina Beck/Anm. d. Red.) einmal gefragt habe: Woran liegt das nur? Wir machen Sport, ernähren uns gut, wir sind doch eigentlich gesunde Menschen... Er hat mir daraufhin gesagt: „Der Leistungssport ist nicht gesund.“ Man fordert ja als Spitzensportler dem Körper extrem ab. Gerade die Laura überschreitet da Grenzen. Und irgendwann zahlt einem der Körper das zurück. Bei der Franzi Preuß ist es ähnlich. Und da spielt vielleicht der Kopf auch eine große Rolle. Es gibt da immer wieder so Spannungsabfälle, die man erst einmal verkraften muss. Franzi hat zum Beispiel in dieser Saison in Ruhpolding ihr erstes Weltcup-Rennen gewonnen und ist gleich danach krank geworden... Das kenne ich von mir selbst, wenn etwas Extremes passiert. Man powert sich so aus und ist am Limit, und wenn dann das falsche Virus vorbeikommt, hat man eigentlich schon verloren.

Magdalena Neuner spricht unter anderem über die Anfälligkeit für Krankheiten, nachdem der Körper beim Leistungssport extrem gefordert wurde.

Das Frauen-Team hatte in diesem Winter ja einen schweren Start, es gab anfangs einige Kritik, zuletzt lief es fast schon wie in besten Tagen. Was ist drin bei der WM?

Ich sehe die Entwicklung wirklich sehr positiv. Zu Saisonbeginn in Pokljuka war es tatsächlich nicht so prickelnd. Und in Oberhof war ein Sprint dabei, der war katastrophal. Danach ist es Stück für Stück besser geworden. Inzwischen sind insgesamt fünf Athletinnen aufs Podest gelaufen. Die Trainer Kristian Mehringer und Florian Steyrer sind ja erst kurz dabei, aber man merkt, dass sich das ganze Team nach einer Kennenlernphase gut eingespielt hat. Die Trainer arbeiten akribisch und planvoll. Im Moment hat man den Eindruck, dass bisher alles richtig gemacht wurde.

Wie lautet Ihre WM-Prognose für die deutschen Männer?

Leider fällt mit Simon Schempp eine wichtige Kraft aus. Aber Arnd Peiffer und Benedikt Doll können immer in die Medaillenränge laufen. Und auch die neu dazugekommenen Athleten, also Johannes Kühn, Philipp Nawrath und Roman Rees, haben immer wieder gezeigt, dass sie für Überraschungen gut sind. Und natürlich darf man den Erik Lesser nicht vergessen. Der hat in seinen starken Übersee-Rennen endlich gezeigt, was er eigentlich kann. Man kann bei den Männern schon zuversichtlich sein.

Doping im Skisport: „Ich war in einer richtigen Schockstarre“

Das brisanteste Thema der letzten Tage war Doping. Nach dem Skandal bei der nordischen WM in Seefeld stellt sich natürlich auch die Frage: Wie sauber ist der Biathlon-Sport? Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie von der Blutpanscherei im Skilanglauf erfuhren?

Ich war in einer richtigen Schockstarre. Mich hat das tagelang beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Was geht in diesen Köpfen vor? Warum machen die den Sport kaputt? Ich habe ja nach wie vor den Glauben, dass die meisten Sportler sauber sind. Aber ich bin mir fast schon sicher, dass in Östersund auch was kommen wird.

Viele denken ja, Spitzenleistungen sind ohne Doping nicht möglich...

Das macht mich persönlich sehr traurig, weil ich von mir selber weiß, dass man Medaillen gewinnen kann, auch wenn man sauberen Sport betreibt. Die jüngsten Vorfälle rufen natürlich alle auf den Plan, die sagen: „Die Sportler nehmen eh alle was.“ Das ist schon sehr frustrierend. Ich weiß auch nicht, wer das den Sportlern erzählt, dass man nur mit verbotenen Mitteln an die Weltspitze kommen kann. Ich habe in meinem eigenen Sportlerleben gelernt, an mich selber zu glauben, und dass man auch seine eigenen Grenzen verschieben und über sich hinauswachsen kann. Man muss halt auch an sich arbeiten. Ich habe momentan wirklich einen richtigen Groll.

Biathlon hat ohnehin ein großes Glaubwürdigkeitsproblem, nachdem im vergangenen Jahr unter anderem herauskam, dass der inzwischen zurückgetretene Weltverbands-Präsident Anders Besseberg positive Dopingproben vertuscht hat ...

Wenn die Spitze korrupt ist und nicht für einen sauberen Sport steht, ist das natürlich schockierend. Wir haben so eine tolle Sportart, die viele Menschen begeistert. Ich weiß nicht, ob den Dopern und ihren Helfern bewusst ist, was sie zerstören. Ich bin da richtig sprachlos. Auch wenn man an die Dopingmachenschaften in Sotschi 2014 denkt – da verliert man doch wirklich allen Glauben an die Sauberkeit im Sport.

Haben Sie noch Hoffnung, dass man das Dopingproblem überhaupt noch in den Griff bekommen kann?

Ich hoffe darauf, dass die Wissenschaft Mittel und Wege für wirkungsvollere Kontrollen findet. Man muss vielleicht auch das System überdenken. Die Frage ist doch, ob das reicht, wenn man nur Urin- und Blutproben macht. Ich plädiere auch dafür, dass die Sportler einfach an sich selber glauben und einsehen, dass man nicht nur mit Doping an die Weltspitze kommen kann.

Wie ist Ihr Vorgefühl auf die WM in Östersund?

Ich glaube zwar, dass das Thema Doping uns die ganze Zeit begleiten wird. Und ich habe auch schon von meinen Kollegen von der ARD gehört, dass da viel entsprechendes Sendematerial mitgenommen wurde nach Schweden. Dennoch hoffe ich, dass unsere Athleten durch gute Leistungen und Teamgeist Freude und Positives ausstrahlen. Trotz allem: Ich persönlich freue mich auf Östersund.

Das Interview führte Armin Gibis

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