Vor Innsbruck und Bischofshofen

Gelingt dem Überflieger aus dem Chiemgau der ganz große Wurf?

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Markus Eisenbichler beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen. 

Das Skisprungfieber ist zurück in Deutschland. Und verantwortlich ist ein Oberbayer: MarkusEisenbichler könnte als erster Deutscher seit 2002 die Vierschanzentournee für sich entscheiden.

München – Wenigstens ein bisschen Feiern muss sein. Und so hat auch Markus Eisenbichler schnell Ahnung gehabt, wohin sein zweiter Platz beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen noch führen dürfte. „Heute gibt es einen Kamillentee“, sagte er augenzwinkernd, „und wahrscheinlich noch etwas anderes.“

Der Mann kann einen kleinen Kraftschub gut brauchen. Er will am Sonntag das schaffen, was seit Sven Hannawald vor 17 Jahren kein deutscher Skispringer mehr geschafft hat: Eisenbichler will die 67. Vierschanzentournee gewinnen. 1,27 Meter Rückstand auf den Japaner Ryoyu Kobayashi muss der Springer aus dem unweit von Traunstein gelegenen 8400-Seelen-Örtchen Siegsdorf an den verbleibenden Stationen am Freitag in Innsbruck und am Sonntag in Bischofshofen aufholen. Das Skisprungfieber im Land hat der 27-Jährige schon wieder erweckt. Bereits beim Neujahrsspringen sahen in der Spitze bis zu 6,65 Millionen Menschen zu.

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Christian Leitner, Eisenbichlers einstiger Stützpunkttrainer an der Berchtesgadener Christophorusschule, glaubt jedenfalls an die Gunst der Stunde: „Wenn sich der Japaner eine kleine Schwäche erlaubt, dann wird der Markus da sein“, sagt er. Leitner hat zur Tournee-Halbzeit auch mit der neuen deutschen Nummer eins gesprochen und bemerkt: „Er ruht in sich.“

Wobei Leitner nur zu gut weiß, dass das bei Eisenbichler nicht immer so war. Im Gegenteil: Dem 27-Jährigen haftete lange der Ruf an, dass er das große Glück erzwingen will, wenn er sich einmal in eine vielversprechende Ausgangsposition gebracht hat. Und erzwingen lässt sich nun einmal nichts in der sensiblen Sportart, in der neben Talent und Arbeitseinsatz vor allem der Kopf über Erfolg und Misserfolg entscheidet. Erst recht bei der Vierschanzentournee, wo in neun Tagen acht Spitzensprünge gefragt sind. Ein Tourneesieg passiert – so lautet der Mythos der 1953 ins Leben gerufenen Traditionsveranstaltung.

Auf dem Sprung: Heute ist Markus Eisenbichler an der dritten Tourneestation in Innsbruck gefragt.

Wer Eisenbichler erlebt, der möchte kaum glauben, dass er an diesen Eigenheiten des Sports zerbrechen kann. Der Chiemgauer, den in der Heimat alle nur „Eisei“ nennen, wirkt wie der gemütliche Bilderbuch-Bayer. Und das ist er ja auch. Der neue Vorflieger mag Schuhplattln, seine Einlagen sind in der Szene fast schon berüchtigt. Eisenbichler spielt gerne Schafkopf. Und im Sommer, während es so manchen Teamkollegen in die Ferne zieht, spannt er am liebsten in der Heimat aus. Bei Freundin Andrea, die er mit Bedacht aus der Öffentlichkeit hält, oder mit Spezln beim Bergwandern in den Chiemgauer Alpen.

Markus Eisenbichler hatte bereits das Karriere-Aus vor Augen

Wie ein Mann eben ist, der in grundsoliden bayerischen Familienverhältnissen aufwuchs. Vater August arbeitete in einem Steinbruch. Mutter Christine – zuletzt auch mit Markus’ Bruder Martin in Garmisch-Partenkirchen an der Schanze – unterstützte die sportlichen Pläne des Juniors. Und da gab es einige. Eisenbichler spielte Fußball, Eishockey und fuhr Ski. Bis zu jenem Tag 1999. Bis im Kindertraining der Skiabteilung des TSV Siegsdorf Skispringen vorgestellt wurde. Ihn hat das vom ersten Moment fasziniert, denn: „Ich wollte schon immer auch beim Skifahren springen – und zwar weit“, wie er sagt.

Dass er das konnte, war schnell absehbar. Markus Eisenbichler hatte vielleicht nicht das feine Fluggefühl eines Andreas Wellinger. „Aber er hatte vom Körper her perfekte Voraussetzungen, klein und leicht“, erklärt Leitner. So ist das geblieben, natürlich. Offiziell verteilt er 59 Kilo auf seine 1,75 Meter Körpergröße. Die Idee, dass aus ihm ein Nordisch Kombinierter werden könnte, wurde in Berchtesgaden schnell verworfen. „Laufen war nicht so seins“, sagt Leitner – der Bursche muss fliegen.

Die Wurzeln des Überfliegers: 8400 Menschen sind in Eisenbichlers Heimatort Siegsdorf zuhause.

Aber letztlich hat es wohl eine Grenzerfahrung gebraucht, um Markus Eisenbichler wirklich auf die Spur in Richtung Weltklasse zu bringen. 2012 krachte er im Training in Oberstdorf mit dem Kopf voraus auf den Aufsprunghügel. Ein Brustwirbel war gebrochen, vier weitere angeknackst. Eisenbichler lag im Auslauf und fühlte nichts. „In diesen Momenten habe ich mir gedacht: Das war es jetzt mit Skispringen!“ Dass ihm der Rollstuhl erspart bleiben würde, war schnell klar, doch die Sache hat ihn dazu gebracht, seine Herangehensweise zu überdenken. „Ich habe mir gesagt: Falls ich wieder fit werde, dann probiere ich es noch einmal“, erinnert er sich, „aber dann nicht mehr mit 80 Prozent, sondern mit ,Alles oder Nichts‘.“

Und Eisenbichler hat Wort gehalten. Akribischer als er kann man kaum an der Karriere feilen. Nach Saisonende im Frühjahr ist er der Erste im deutschen Team, der wieder ins Training einsteigt. Und wenn sich der Siegsdorfer mal nicht mit Skispringen befasst, dann doch wenigstens mit Sport. „Früher ist er viel Rad gefahren“, erinnert sich Christian Leitner. Weil das fürs Skispringen eher kontraproduktiv ist, spielt er heute eher Tennis, Squash oder Golf.

Vor zwei Jahren hat er schon einmal am Rampenlicht der lärmenden Bühne Tournee schnuppern dürfen. Seinerzeit reiste er als Gesamt-Vierter zumindest mit großen Podest-Hoffnungen zur zweiten Tournee-Halbzeit nach Österreich. Um dann schon in Innsbruck mit einem 29. Platz an schwierigen Bedingungen und dem eigenen Nervenkostüm zu zerbrechen. Das wird nicht noch einmal passieren, wenn man Bundestrainer Werner Schuster glaubt: „Weil er von diesen Erfahrungen jetzt profitieren kann.“ Von den Erfahrungen – aber vielleicht auch von den kleinen Belohnungen am Neujahrstag. Kamillentee eben, oder etwas anderes.

Lesen Sie dazu: Markus Eisenbichler hat zum Auftakt der dritten Station der Vierschanzentournee Schwächen gezeigt.

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