Muss der Sport jetzt bluten?

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Pechsteins Verhängnis sind Vorstufen der roten Blut­körperchen.

München - Ein Leben wie Lakritze. Ein bisschen süß und gleichzeitig sehr bitter. So ähnlich wird das jetzt bei Claudia Pechstein, der Eisschnellläuferin.

Oder besser gesagt: der Ex-Eisschnellläuferin. Nach dem Doping­urteil des obersten Sportgerichts CAS ist ihre Karriere höchstwahrscheinlich vorbei. Pechsteins (angekündigte) Berufung vor dem Schweizer Bundesgericht gilt unter Experten als wenig erfolgversprechend. Pechsteins wichtigster Sponsor, die Deutsche Kreditbank, hat die Zusammenarbeit mit der Sportlerin „vertragsgemäß sofort“ beendet. Was bleibt, sind Geldgeber wie die Grabower Süßwaren GmbH. Deren Sprecher Matthias Dickmann sagt: „Wir werden ihr weiter die Stange halten. Sie ist für uns nach wie vor eine große Sportpersönlichkeit, deren Schuld nicht bewiesen ist. Ich hoffe, sie hat jetzt mehr Zeit für uns.“ Zumindest die Sache mit der Zeit könnte zutreffen. Training, Reisen, Wettkämpfe? Alles hinfällig wegen der Sperre. Noch deutlich schwerwiegender als Pechsteins privates Schicksal sind allerdings die Auswirkungen, die das CAS-Urteil auf die komplette Sport-Welt haben wird:

Gibt es jetzt auch in anderen Sportarten neue Dopingsperren?

Ja, sieht ganz danach aus. Manche Sportverbände haben schon Listen in der Schublade. Darauf verzeichnet sind die Namen von Sportlern, die zwar auffällige Blutwerte haben, aber nie direkt mit einem Dopingmittel im Körper erwischt wurden. Skiverbands-Boss Gian Franco Kasper sprach schon von einer „schwarzen Liste“ mit Sportlern, die sich jetzt auf Dopingstrafen einstellen müssen. Außerdem bekommen die Dopingjäger in Zukunft schärfere Waffen. Der Nürnberger Professor Fritz Sörgel sagt der tz: „Das CAS-Urteil ermutigt die Wissenschaft, an indirekten Nachweisen zu arbeiten. Zukünftige Dopingmittel werden viel komplexer und viel schwieriger nachzuweisen sein.“ Leichter tut man sich, wenn man nicht das Mittel selber nachweisen muss, sondern seine Auswirkungen im Körper. Bei manchen Substanzen war das bisher auch eine Frage des Timings: Erwischt wurde nur, wer direkt nach dem Dopen getestet wurde. Der bekannte Sportrechtler Dr. Rainer Cherkeh sagt der tz: „Man wird jetzt mehr Dopingsünder und vermeintliche Dopingsünder erwischen – ganz einfach, weil das Zeitfenster für die Dopingjäger deutlich größer ist, wenn auch der indirekte Nachweis möglich ist.“

Drohen jetzt viele Prozesse?

Ja, auch das ist jetzt wahrscheinlich. Vor dem Urteil war das noch anders. Da hatte die Internationale Eislaufunion Pechstein offenbar einen Kuhhandel angeboten: Der Fall wird unter den Teppich gekehrt, wenn sie ihre Karriere beendet. Jetzt dagegen haben die Verbände Sicherheit beim Vorgehen gegen die Athleten. Sport­rechtler Cherkeh: „Ich erwarte mehr Dopingverfahren und somit auch eine Zunahme juristischer Auseinandersetzungen.“ Die Schwierigkeit: Jeder Fall wird anders sein, man wird jeden Fall einzeln verhandeln müssen. Ähnlich wie bei Pechstein könnte es zum Beispiel sein, dass ein Sportler behauptet, die auffälligen Werte hätten ihren Grund in einer bisher unentdeckten Krankheit. Dazu müssen dann Gutachter Stellung nehmen. So gesehen ist die Kuh auch jetzt noch nicht komplett vom Eis.

Wird der Sport jetzt sauberer?

Das ist zu hoffen. In Kreisen hochrangiger Funktionäre gibt es jedenfalls die Erwartung, dass gleich eine ganze Reihe von Sportlern in Zukunft nicht mehr so gut sein werden wie bisher. Denn: Die Sportler werden jetzt mehr Angst haben, ertappt zu werden, und sich deshalb zweimal überlegen, ob sie dopen wollen. Noch wichtiger: Jetzt geht’s endlich auch an die Hintermänner. Denn die Art von Doping, von der wir hier sprechen, ist hochkompliziert. Wer so dopt, dass er nur indirekt erwischt werden kann, hat Ärzte und Wissenschaftler hinter sich. Wenn ihm jetzt eine lange Sperre droht, dann kann es gut sein, dass die Kronzeugenregelung für ihn interessant wird. Das heißt: Wenn er seine Hintermänner verrät, wird die Sperre kürzer.

Uli Heichele

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