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Erik Lesser über Olympia: „Wir Sportler müssen jetzt das ausbaden, was das IOC nicht hinbekommen hat“

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Von: Armin Gibis

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Erik Lesser, 33, will bei seinen letzten Winterspielen unbedingt eine Medaille mit der Staffel – mindestens.
Anspruchsvolle Ziele: Erik Lesser, 33, will bei seinen letzten Winterspielen unbedingt eine Medaille mit der Staffel – mindestens. © GEPA pictures/ Thomas Bachun / imago images

Erik Lesser fährt hoch motiviert zu seinen letzten Olympischen Spielen. Mit der Staffel hat sich der 33-Jährige große Ziele gesteckt. Das Interview.

München - Er ist der Routinier im deutschen Biathlon. 33 Jahre zählt Erik Lesser mittlerweile. Und der Thüringer hat schon so einiges erlebt und gewonnen. Seine größten Erfolge: 2014 in Sotschi olympisches Silber im Einzel, 2015 WM-Gold in der Verfolgung. Insgesamt sammelte er zehn Medaillen bei Großereignissen. Auch im Hinblick auf die Winterspiele in Peking (4. bis 20. Februar) ist Lesser ganz offensichtlich wieder gerüstet. Bei Weltcup in Ruhpolding wurde der Skijäger von Eintracht Frankenhain mit der Staffel Zweiter, zudem wartete er mit zwei 6. Plätzen in den Einzelrennen auf. Im Gespräch mit unserer Zeitung äußerte sich Lesser zu seinen Hoffnungen für den Medaillenkampf, zur wenig kritischen Haltung des IOC und seinen Befürchtungen im Hinblick auf die Pekinger Stimmung.

Erik Lesser, bei den beiden Weltcuprennen zuletzt in Ruhpolding fehlte Ihnen jeweils nur ein Treffer, um aufs Podium zu kommen. Wie fühlt sich das rund zwei Wochen vor den Winterspielen in Peking an?

Lesser: Nun, beim ersten Rennen, da habe ich mich erst einmal über meine läuferische Form gefreut. Das hat über den einen Fehler hinweggetröstet. Im Verfolger hat es schon etwas geschmerzt, dass ich im letzten Schießen einen kleinen Blackout hatte und den Fehler nicht verhindern konnte, obwohl ich einen sehr guten Anschlag hatte. Aber dennoch bin ich sehr zufrieden, zweimal Sechster geworden zu sein.

Zu Saisonbeginn sah das noch anders aus. In den ersten sechs Rennen hatten Sie als bestes Ergebnis einen 26. Platz zu Buche stehen. Wie haben Sie es geschafft, dass Ihre Formkurve nun steil nach oben ging?

Lesser: Mir haben in der ersten Saisonhälfte die schlechten Sprintrennen die guten Ergebnisse im Verfolger verhagelt. Wenn du im Sprint nur 32. wirst, dann brauchst du schon eine Superleistung im Verfolger, um noch 15. zu werden. Und das ist dann ein Ergebnis, das kaum wahrgenommen wird, obwohl die Nettozeit stark ist. In den Dezember-Rennen war es eben so, dass die Sprints absolut nicht zufriedenstellend waren – dafür die Staffel- und Verfolgungsrennen umso mehr. Mein Problem war, dass ich Sprint und Verfolger nicht zusammengebracht habe. Die Zeit zwischen den Jahren konnte ich aber zu guten Trainingseinheiten nutzen, das hat mir die nötige Lockerheit gebracht. Ich konnte mich da mehr und mehr an die Wettkampfgeschwindigkeit herantasten, mich technisch noch etwas verbessern, um ökonomisch vorwärts zu kommen. Das war vielleicht das Quäntchen, das mir zuvor gefehlt hat.

Erik Lesser über das deutsche Biathlon-Team: Wir sind keine Franzosen und keine Norweger

Es ist ja im Laufe der ersten Saisonhälfte ein Ruck durch das gesamte Männerteam gegangen, das bisher weitaus besser abgeschnitten, als zu erwarten war. Hat das zusätzlich geholfen?

Lesser: Für die Stimmung ist das natürlich gut. Die Fünf, die bereits voll qualifiziert sind, wissen, dass sie unter die besten Sechs kommen können. Drei sind Aspiranten fürs Podium. Das gibt uns Selbstvertrauen – vor allem im Hinblick auf die Staffel.

Wie ordnen Sie das bisher überzeugende Auftreten der deutschen Biathlon-Männer ein?

Lesser: Grundsätzlich muss man da schon festhalten: Wir sind natürlich keine Franzosen und keine Norweger. Wir haben nicht die Einzelkönner im Team wie Quentin Fillon Maillet oder Johannes Thingnes Bö. Wir können da in der Spitze nur dagegenhalten, indem wir konstant unsere beste Leistung bringen. Man darf dabei allerdings nicht vergessen: Johannes Kühn hat bereits in den vergangenen Jahren zu den Schnellsten im Feld gehört, Philipp Nawrath hat sich nach einer längeren Verletzungspause schon vor zwei Jahren sehr stark präsentiert, da war es nur noch eine Frage der Zeit, bis bei ihm der Knoten platzt. Das sind zwei, die vor der Saison wohl nicht jeder auf seiner Liste hatte. Dann haben wir mit Benni Doll einen Sprint-Weltmeister, er hat das Potenzial, immer ein Mann für ganz vorne zu sein. Roman Rees ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des Teams geworden. Und wenn ich meine Sachen halbwegs richtig mache, dann kann ich der Biathlon-Mannschaft vor allem in der Staffel helfen und auch mal gute Einzelergebnisse liefern. Wichtig ist, dass wir unsere Leistung abrufen und uns nicht durch Nebensächlichkeiten aus der Ruhe bringen lassen.

Sie lassen die olympische Generalprobe, den Weltcup in Antholz, komplett aus und konzentrieren sich ganz auf die Vorbereitung für Peking. Was kann man in den verbleibenden zwei Wochen noch machen, um olympische Topform zu erreichen?

Lesser: Viel an der Form kann man nicht mehr drehen. Es geht vor allem darum, mir in dieser Zeit Selbstvertrauen am Schießstand zu holen, mir gute Abläufe anzutrainieren, damit ich mit einem guten Schießgefühl und Selbstsicherheit nach Peking reisen kann.

2018 in Südkorea reichte es für Bronze in der Staffel (v.l.): Simon Schempp, Arnd Peiffer, Benedikt Doll und Erik Lesser.
2018 in Südkorea reichte es für Bronze in der Staffel (v.l.): Simon Schempp, Arnd Peiffer, Benedikt Doll und Erik Lesser. © Frank Hoermann/SVEN SIMON/imago images

Erik Lesser über Olympia: Wir müssen das ausbaden, was das IOC nicht geschafft hat

Über Olympia in Peking hat es im Vorfeld kritische Diskussionen gegeben. Wie stehen Sie zu diesen Winterspielen?

Lesser: Ich habe da gemischte Gefühle. Da ist zum einen die politische Situation in China. Wir Sportler werden vor den Spielen immer wieder darauf angesprochen. Und da gebe ich schon zu bedenken, dass wir Stellung nehmen müssen zu Dingen, die das IOC schon vor Jahren hätte klären müssen. Wir Sportler müssen jetzt das ausbaden, was das IOC nicht hinbekommen hat. Wir stehen jetzt da und müssen uns rechtfertigen für Olympische Spiele in einem Land, in dem Menschenrechte verletzt werden. Wir müssen also auch kritischere Töne von uns geben – was Thomas Bach als IOC-Präsident nicht schafft.

Ein weiterer heikler Punkt ist die Corona-Situation...

Lesser: Ja, das macht es auch nicht einfacher, Vorfreude zu entwickeln. Man hat sich zwar qualifiziert und die Olympia-Kleidung abgeholt, aber jetzt kommen die wichtigen Tage, in denen wir uns nicht anstecken dürfen und die zwischenmenschlichen Kontakte noch einmal auf den Prüfstand stellen, damit wir gesund und Corona-negativ bleiben.

Was für eine Olympia-Stimmung erwarten Sie denn in Peking?

Lesser: Ich bin da etwas skeptisch. Man kann ja wohl nicht behaupten, dass Peking vor Wintersport-Tradition sprühen würde. Wir reisen ja in ein Land, in dem Skisport weniger Bedeutung hat. Vielleicht ist in den letzten Jahren ein bisschen gewachsen. Aber das Verständnis und die Emotionen, die unseren Sport ausmachen, werden in Peking nicht vorhanden sein. Das trübt die Stimmung schon etwas. Dennoch: Es sind Olympische Spiele. Und wenn der Startschuss fällt, verspürt jeder Sportler den Drang, um die Medaillen zu kämpfen.

In Peking sollte schon eine Medaille in der Staffel drin sein

Was haben Sie sich in dieser Hinsicht vorgenommen?

Lesser: Unser Ziel ist in jedem Fall eine Staffel-Medaille. Das wird ein hartes Stück Arbeit. Aber wir haben im Weltcup bewiesen, dass wir das Zeug dafür haben. In den Einzelrennen möchte ich zuerst einmal überhaupt dabei sein. Wir haben vier Startplätze und fünf qualifizierte Athleten. Da möchte ich der Vierte sein und nicht der Fünfte. Ohne Einsatz kann ich nicht einmal von Medaillen träumen. Ich hoffe natürlich, dass ich zuletzt genügend Argumente für mich gesammelt habe und meine Möglichkeiten bekomme. Ich kann mir vorstellen, dass für mich im Einzel (das schießlastige Rennen über 20 km/Anm. d. Red.) die Chancen am größten sind. Ich habe ja auch schon gezeigt, dass ich in der Verfolgung gut laufen kann. Und im Massenstart könnte auch was gehen. Vor vier Jahren bei den Winterspielen in Pyeongchang waren für mich in diesem Rennen bis zum letzten Schießen Gold, Silber und Bronze greifbar nahe.

Sie sind jetzt 33. Denken Sie auch daran, dass es für Sie die letzten Spiele sein könnten?

Lesser: Es werden für mich sicher die letzten Spiele sein. Das gibt mir auch die Extraportion an Motivation, mich in Sachen Corona hundertprozentig diszipliniert zu verhalten, in puncto soziale Kontakte zurückzustecken und auch zu Hause noch mal besonders vorsichtig zu sein. Ich sage mir jetzt: Das alles mache ich nur noch ein einziges Mal – und dann habe ich es geschafft.

Das Interview führte Armin Gibis.

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