Alter, Romantik am Berg und Todesangst

Reinhold Messner wird 70: Das große tz-Geburtstagsinterview

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Reinhold Messner.

Bozen - Reinhold Messner vorzustellen bedarf es nicht. Er ist der bekannteste Bergsteiger aller Zeiten. Am 17. September wird er 70. Zum runden Geburtstag ist sein neueste Buch erschienen: „Über Leben“. Die tz traf einen gut gelaunten Reinhold Messner zum Interview in Bozen.

Sie sehen blendend aus, Herr Messner. Verraten Sie uns Ihr Vitalitätsgeheimnis?

Messner: Ich gehe nach wie vor Klettern, regelmäßig in die Berge, gelegentlich auf Expedition, trainiere aber nicht mehr wie früher und bewege mich auch nicht mehr in höchsten Höhen. Dafür bin ich zu alt. Mit meiner Frau und den Kindern gehe ich oft auf Reisen. Aber das Wichtigste: Ich tue das, was ich gerne tue.

Gerade entsteht das 6. Messner Mountain Museum auf dem Kronplatz. Ihr Leben muss doch stressig sein?

Messner: Mir machen diese Projekte Spaß, ich empfinde sie nicht als Arbeit.

Ihre Haarpracht beeindruckt mich immer wieder. Wie pflegen Sie diese?

Messner: Mein volles Haar ist genetisch bedingt. Ich pflege es nämlich nicht besonders. (Lacht) Zu viel der Pflege schadet nur.

Was hat es mit der Kette um Ihren Hals eigentlich auf sich?

Messner: Damit habe ich einen Trend ausgelöst. So eine Kette tragen inzwischen Millionen von Menschen in Europa. (Lacht) 99 Prozent davon sind aber Fälschungen. Ich trage die Kette als Zeichen meiner Sympathie für die tibetische Kultur. Ich habe den Stein, es ist ein echter Xi-Stein, 1980 in Tibet von einem alten Mann für 1000 Dollar erworben. Xi-Steine kosten heute ein Vermögen auf diversen Versteigerungen. Man trägt den Stein ein Leben lang. Wenn er bricht, stirbt man. (Lacht) Das ist hoffentlich nicht so bald der Fall.

In Ihrem aktuellen Buch schreiben Sie: „Seit 30 Jahren bin ich ein Absteigender“. Wie geht Reinhold Messner mit dem Nachlassen der Kräfte um?

Messner: Es entwickelt sich über die vielen Jahre ein Einverständnis mit dem Tod. Um in der Bergsteigersprache zu bleiben: Es ist eine Art Akklimatisation darauf. Zu Beginn lässt die Geschicklichkeit, dann die Schnellkraft, schließlich die Ausdauer und irgendwann die Leidensfähigkeit nach. Altern bedeutet ein langsames Zurückstecken. Als ich das letzte Mal in Ladakh bei minus 30 Grad im Zelt lag, fragte ich mich, wie ich das früher tagelang aushalten konnte.

Klinken Sie sich mit 70 – so wie früher auf Expedition – gelegentlich noch aus? 

Messner: Ja, Rückzugsphasen brauche ich. Obwohl ich mit meiner Familie ein privilegiertes Leben führe, lege ich keinen Wert auf Materielles. Die Reisen sind unser Luxus. Was ich in den letzten Jahren immer mehr schätze, ist das gemeinsame Klettern mit meinem Sohn Simon. Wir haben z.B. eine wunderschöne Kletterreise nach Afrika unternommen. Und wenn ich meine Bücher schreibe, ziehe ich mich auch komplett zurück.

Wie ist das, wenn Ihr Sohn eine Klettertour mit seinen Spezln, ohne Sie, unternimmt?

Messner (lacht): Wenn er sagt: „Das ist zu schwer für dich, Papa“, dann akzeptiere ich das.

Auf Ihren extremen Touren war das Folgen von Instinkten überlebensnotwendig. Folgen Sie heute noch Instinkten oder siegt im Alter die Ratio?

Messner: Ich stelle den Instinkt grundsätzlich über den Intellekt, obwohl Religionen oder Gesetzgeber versuchen dies zu unterdrücken. Ohne meinen Instinkt hätte ich nicht überlebt. So wie die Menschheit über Jahrmillionen nur über Instinkte überlebt hat. Die meisten Menschen würden für ihre Familie jederzeit das Leben einsetzen. Das ist Instinkt. Und glauben Sie mir, auch innerhalb der Wirtschaft sind die Instinkt-Entscheidungen die stärksten.

Was ist für Sie als Abenteurer schöner: das Aufbrechen oder Ankommen? 

Messner: Da kommt der Romantiker in mir durch: Bin ich zu Hause, freue ich mich auf das Weggehen. Kaum unterwegs, sehne ich mich nach dem Zuhause. Das ist eine schizophrene Haltung in mir. Wesentliche Erfahrungen für mein Leben konnte ich jedenfalls nur in der archaischen Welt, in einer Welt ohne Gesetze machen, die anders sind als die Erfahrungen in der Zivilisation. Am Berg war ich nackt, die reine Menschennatur, keiner Willkür von außen ausgesetzt.

Wie viel Risiko erlaubt man sich mit 70 Jahren?

Messner: Ich bin immer noch ein risikofreudiger Mensch. Es gibt nach wie vor mutige Entscheidungen in meinem Leben. Bei meinem ersten Museumsprojekt hier in Bozen war ich mutterseelenallein. Sogar meine Frau war ursprünglich dagegen. Die Entscheidung hat zwar nicht mein Leben bedroht, war aber wirtschaftlich durchaus gefährlich. Wir hätten alles verlieren und mittellos dastehen können. Nach wie vor bewege ich mich gerne an der Grenze des Möglichen. Allerdings nicht mehr in einer senkrechten Wand oder an einem Achttausender. Heute lockt mich eher die kulturelle Welt.

Kann man mit den Bergen altern?

Messner: Der klassische Bergsteiger hat bis ins hohe Alter die Möglichkeit, aktiv zu sein. Bei einer mittelschweren Tour komme ich heute an meine Grenze. Ich erlebe somit mit 70 das Gleiche wie im Alter von 30 Jahren, als ich am Zenit meiner Energie war. Wenn ich heute auf einen Sechstausender steige, schnaufe ich mehr als damals am Mount Everest. So gesehen werden im Alter die Berge für mich höher. Mir reicht ein kleinerer Berg für ein intensives Erlebnis.

Schließt sich da ein Kreis?

Messner: Ich habe mit fünf Jahren meinen ersten Dreitausender bestiegen. Wenn ich mit 80 noch einmal auf diesen Berg hinaufsteigen kann, dann wäre das doch eine richtig runde Sache, oder?

Wenn man Ihre Bücher liest, wird man den Eindruck nicht los, dass Sie aus körperlichen Strapazen eine unglaubliche Genugtuung ziehen konnten. Gehen Sie heute noch gelegentlich an Ihr Limit?

Messner: Ab und zu. Es ist immer noch ein gutes Gefühl. Das Spiel der Leiden gehört dazu. Alpinisten von heute behaupten ja gerne, des Spaßes wegen am Berg zu sein. Das ist eine Lüge. Dir tut der Kopf weh, die Kehle ist zu, es ist höllisch kalt, dazu die latente Angst, nicht mehr heil runterzukommen. Wenn mir da einer erzählt, das sei nur Glück, von wegen Abendsonne am Gipfel und so… Mit Euphorie hat das rein gar nichts zu tun. Man will nur runter. Zurück in die Sicherheit.

Sie behaupten, beim Gehen am besten Nachdenken zu können. Wie darf man sich das vorstellen? Herr Messner strömert stundenlang alleine durch die Südtiroler Landschaft und hat gute Ideen?

Messner (lacht): Auch tagelang. Mittlerweile begleitet mich dabei oft meine zwölfjährige Tochter. Wir sind gerne gemeinsam unterwegs. Beim Gehen selbst reden wir kaum miteinander. Ich habe dann Zeit, nachzudenken.

Oh je. Schweigend mit dem Vater wandern.

Messner (lacht): Ganz so schlimm ist es nicht. Wir haben ein Agreement: Wir rasten, wenn sie eine Pause machen will. Was ich mit meinen Eltern erlebt habe, tue ich heute mit meinen Kindern. Wir wandern an Schlüsselpunkte des Landes bzw. unserer Vita. Ich erzähle, wo sich Urgroßvater und Urgroßmutter kennengelernt haben, wo ein Berg steht, an dem ich etwas Besonderes erlebt habe. So entsteht Verwurzelung mit der Heimat. Dabei entdecken wir gelegentlich uralte, verwaiste Wege und fragen uns, wer da wohl seinerzeit von A nach B gelaufen ist. Unser Land erzählt eine Geschichte, die zum Teil verschüttgegangen ist. Beim Gehen wachse ich in dieses Land hinein. Auch noch in meinem Alter.

Gibt es unerfüllte Träume? Hätten Sie z.B. die Erde gerne vom Weltall aus gesehen?

Messner: Nicht einmal, wenn man mir viel Geld dafür gäbe, würde ich mich in einer Kapsel ins All schießen lassen. Ich wäre ja denen, die das von der Erde aus steuern, völlig ausgeliefert. Das schaue ich mir lieber in aller Ruhe vom Computer aus an. Eine Erfahrung kann ich doch nur machen, wenn ich die Geschicke selbst in der Hand habe.

Ist das Sterben in Ihren Augen auch ein Abenteuer? Sind Sie darauf vorbereitet wie auf eine Expedition?

Messner: Für mich ist das Sterben ein Sich-Auflösen in der Unendlichkeit, in der Zeit- und Raumlosigkeit. Das schreckt mich nicht. Ist man allerdings krank, kann das Alter zu einem Massaker werden. Das Schlimmste ist, wenn man im Alter anderen zur Last fällt. Der Tod an sich ist eine Tatsache. Wir wissen alle, dass wir endlich sind. Schon als kleiner Bub war ich, wenn im Ort jemand gestorben ist, beim Begräbnis dabei. So entstand ein Selbstverständnis für den Tod. Ich habe keine Angst davor.

Herr Messner, Sie haben eine Wohnung im Gärtnerplatzviertel. Sind Sie ein Hipster?

Messner (lacht): Ich habe die Wohnung schon viele Jahre, da war das Viertel noch gar nicht hip. Meine Münchner Bleibe ist mein Sprungbrett, wenn ich ab dem Münchner Flughafen auf Reisen gehe. Früher habe ich während der Wintermonate in München gewohnt und den Sommer auf Juval verbracht. Als die Kinder schulpflichtig wurden, haben wir, unter anderem wegen der Zweisprachigkeit, entschieden, ganzjährig in Südtirol zu leben. Aber wenn ich alt bin, möchte ich den Winter über wieder in München leben.

Wann wird das sein?

Messner (lacht): Wenn ich richtig alt bin.

Interview: Johanna Stöckl

Ein Abenteurer ohne Grenzen…

Reinhold Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen, Südtirol geboren. Auslöser seiner Begeisterung für das Bergsteigen ist sein Vater – mit fünf Jahren stand Messner mit ihm auf seinem ersten Dreitausender. Abgesehen von der gemeinsamen Leidenschaft fürs Klettern war das Verhältnis von Messner junior zu seinem Vater aber schwierig. Die Mutter musste bei Schlägen gegen die acht Kinder oft einschreiten. Die Rebellion gegen die Erziehungsmethoden des Vaters ist vielleicht auch ein Grund dafür, warum Reinhold Messner später so hart gegen sich selbst wurde.

Nach dem Abitur studierte er in Padua Vermessungskunde, später unterrichtete er Mathematik an einer Mittelschule. Seine wahre Berufung war aber immer das Bergsteigen. Schon mit 24 Jahren hatte er über 500 Touren in den Dolomiten und vier Erstbesteigungen in den Alpen durchgeführt.

Anfang der 70er zog es Messner und seinen Bruder Günther nach Asien, um als erste Menschen den Nanga Parbat über die Rupalwand zu besteigen. Es kam zur Tragödie, und sein Bruder, zu dem Reinhold ein ganz besonderes Verhältnis pflegte, verunglückte tödlich.

Messner machte im Andenken an seinen Bruder weiter und wurde zur Kletterlegende. 1978 bestieg er mit dem Österreicher Peter Habeler als erster Mensch ohne Sauerstoff den Mount Everest und wurde zum Vorreiter eines Kletterhypes. 1986 schrieb Messner erneut Geschichte, als er sein Werk vollendete und zum ersten Menschen wurde, der alle Achttausender bestieg. Auch Extremleistungen in der Ebene reizten den Sportler. So durchquerte er unter anderem die Antarktis, die Wüste Gobi und Grönland.

Messner wurde Vorbild für Generationen und schrieb eine Vielzahl von Büchern. 2003 eröffnete er das Messner Mountain Museum, weitere Berg-Museen folgten. Er engagierte sich für die Umwelt, wurde Politiker der Grünen in Südtirol und im Europaparlament. Heute lebt Messner bei Meran auf der Burg Juval, züchtet Yaks, betreibt ein Restaurant und hält Motivationsseminare.

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