Die Siegerschmiede

Rodel-WM: Zu Besuch in der Eliteschule Nummer eins

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Direktor Stefan Kantsperger (sitzend) und Leistungssportkoordinator Christian Scholz haben Generationen späterer Stars betreut.

Berchtesgaden - Heute beginnt die Rodel-WM am Königssee. Wieder einmal werden die Deutschen wohl die Schnellsten sein. Die Basis für die Dominanz im Wintersport wird auf einer Schule in den Bergen gelegt.

Das hier ist der Königssee, die Heimat des weltberühmten Echos. Darum hallt es ganz gewaltig herüber von der nahen Bob- und Rodelbahn alias „Deutsche Post Eisarena“.

Der Sprecher im Ziel gibt aber auch wirklich alles. International, zweisprachig, in Deutsch und Englisch. Nur sein „Ja bist du narrat, bist du Moped?“, als einer mit Tageshöchstgeschwindigkeit von 119 km/h die Bahn herunterrast, übersetzt er nicht. Dann ist Siegerehrung, mit Applaus, mit Hymnen. Und mit 21 Teilnehmerlandesflaggen, die im Wind flattern.

Das muss eine große Veranstaltung gewesen sein neulich an einem Freitag im Januar.

Es war eine ganz kleine: der Intercontinentalcup der Skeletonis, der Bauch-Rodler. Kategorie „ohne TV-Beteiligung“, wie Markus Aschauer, der Betriebsleiter der Königsseer Bahn, sagt. Sein Walkie-Talkie meldet sich nur gelegentlich. „Hier können wir auch mal fünf oder zehn Minuten Verzögerung haben.“ Das nehmen die Zuschauer hin. Sind ja kaum welche da. Fünfzig vielleicht. Es ist ein Rennen, von dem die Öffentlichkeit nichts erfährt.

Auch das ist Wintersport-Szenerie am Königssee, doch dieses Wochenende wird alles anders sein: Dann kommen jeden Tag 5000 Zuschauer zu Rodel-WM, drängen sich heran an die Eisrinne für das Sekundenbruchteilerlebnis, dass ein Rodler – nun auf dem Rücken – an ihnen vorbeifliegt.

Wahrscheinlich werden die Deutschen die Schnellsten sein. Die Frauen haben mal diese unvergleichliche Siegesserie aufgestellt: 13 Jahre lang, 105 Weltcup-Rennen in Folge, gewann immer eine deutsche Schlittenfahrerin. Rodeln ist ein Vier-Deutsche-unter-den-ersten-Drei-Sport. Der beste der Deutschen im Winter.

Aber da sind sie überhaupt gut, wie man jeden Samstag/Sonntag bei den bis zu zehn Stunden langen TV-Übertragungen miterleben kann. Bestzeit im Eiskanal, Stehend-Treffer im Biathlon, Landungsfaust des Skispringers, Mannschaftsjubel der Nordischen Kombinierer und Achtungserfolgsmeldungen von Lang- und Eisschnellläufern, Skicrossern, Snowboardern. Winterwochenenden sind Leistungsshows des Sportlands Deutschlands.

Wenn man ergründen will, wie es zu dieser Bilanz kommt, muss man hinauf vom Königssee auf den Obersalzberg, eine Serpentinen-Straße mit 24 Prozent Steigung, vorbei am ehemaligen Hitler-Berghof, wo heute ein NS-Dokumentationszentrum steht. Es geht noch ein Stück höher, bis auf 1200 Meter. Dort liegt: die Christophorusschule. Ein Mythos. Und eine Welt für sich.

Kulisse: das Jenner-Bergmassiv. Alles ist weiß, und die Schule hat einen eigenen Skilift. Es gibt nicht das eine markante Schulgebäude mit dem einen mächtigen Portal und mahnender Inschrift, dass hier der Ernst des Lebens stattfinde. Die Christophorusschule besteht aus mehreren Häusern mit Unterrichtsräumen, Kantine und Internat, auf den Gängen stehen Ski und Snowboards. „Und wir haben immer einen Schüler, der gerade an Krücken geht“, sagt Stefan Kantsperger, der Direktor. Es geht halt nicht ohne Verletzungen im Leistungssport.

41 „Eliteschulen des Sports“ gibt es in Deutschland, davon ist die Christophorusschule eine. Und doch eine besondere. Sie ist eine von zweien (die andere in Oberstdorf), die ausschließlich für den Wintersport da sind. Und ja: Sie steht eben für herausragenden Erfolg. „Es gibt da diese schöne Statistik“, hebt Christian Scholz an. Er ist der Koordinator für den Sportbereich, bringt die Interessen von Schule und den Spitzensportverbänden zusammen. „18 Medaillen“, führt Scholz aus, „hat Deutschland 2014 bei den Olympischen Spielen in Sotschi gewonnen. 10 haben ehemalige und aktuelle Christophorus-Schüler geholt.“

Da darf ein bisschen Name-Dropping schon mal sein, wer so alles hier war. Vom legendären Hackl Schorsch über die Alpin-Koryphäen Armin Bittner, Christa Kinshofer, Hilde Gerg, Maria Riesch, Viktoria Rebensburg, Nordische Stars wie Evi Sachenbacher oder Tobias Angerer bis zu Skisprung-Helden wie Severin Freund und Heroes aus den neueren Sportarten, angeführt von Snowboarderin Amelie Kober. Und natürlich die aktuelle Generation der Rodler mit Felix Loch, Natalie Geisenberger oder „den Tobis“ Wendl und Arlt auf ihrem Doppelsitzer. Alle haben hier gelernt. Kein Wunder, dass der Deutsche Olympische Sport-Bund (DOSB) die Schule als „herausragende Eliteschule“ zertifiziert hat – als die Nummer eins unter allen 41.

Man muss „Christophorusschulen“ sagen, so ist es offiziell. Der Volksmund bevorzugt den Begriff „Skigymnasium“, was aber ungenau ist, da auch Grund-, Mittel-, Realschule und FOS im Angebot sind. Es ist auch nicht jeder Christophorus-Schüler Sportler, für 140 Euro Schulgeld im Monat – Internat extra – ist man als Externer dabei. Und kann später vielleicht mal erzählen, neben einem Olympiasieger gesessen zu haben.

Wenn der (kommende) Olympiasieger denn da ist.

„Unsere Snowboard-Freestyler“, erzählt Direktor Stefan Kantsperger, „habe ich seit Weihnachten nicht mehr gesehen.“ Klar, jetzt ist Hochsaison, die Jungstars von der neunten bis zwölften Klasse haben Wettkämpfe überall auf der Welt. Damit sie auch ihre schulischen Ziele erreichen, gibt es am Christophorus-Gymnasium ein Sondermodell. Wer Leistungssportler ist – Kriterium dafür: Man gehört mindestens einem Landeskader an –, kann 11. und 12. Klasse auf drei Jahre strecken, gewinnt somit Zeit, den Stoff in Englisch, Französisch, Latein, Spanisch oder den Naturwissenschaften nachzuholen, den er versäumt, wenn er als Skifahrer schon am Donnerstagnachmittag weg muss zum nächsten Rennwochenende.

„Die Vorgabe lautet, dass die Schule Vorrang hat“, sagt Koordinator Christian Scholz. Es hat Fälle gegeben, „dass wir den hochpubertierenden Schüler aus dem Sport herausgenommen haben“. Es geht im Alltag nicht ohne Konflikte und ohne Stagnation. „Die großen Sportler waren in ihrer Jugend oft nicht so auffällig“, weiß Christian Scholz, „die Viktoria Rebensburg, die ich selbst noch trainiert habe, war mit 15, 16 ganz weit weg – erst mit dem Abitur ist sie in den Weltcup gekommen.“ Inzwischen ist sie Olympiasiegerin. Oder Tobias Angerer, der Skilangläufer. Dass er mal der Weltbeste sein würde, war zu Schulzeiten noch nicht abzusehen. „Doch er hat bei uns die Basis gelegt“, so Scholz.

Manchen kann auch die Internatssituation zusetzen. „Das Zentralisieren ist nicht immer gut für die Kinderseele“, sagt Christian Scholz, „es ist auch vorgekommen, dass wir Kinder nach sechs Wochen wieder nach Hause geschickt haben, weil sie Heimweh hatten.“ Manche Eltern belassen ihre Söhne und Töchter lieber im Heimatverein, in der vertrauten Umgebung, „diese Modelle gibt es“. Doch da im Spitzensport die Mittel knapper würden und Verbände nicht überall hauptamtliche Trainer platzieren können, „ist es der Weg der Zukunft, dass sich die Sportler an die Stützpunkte begeben müssen, sonst bekommen sie ein Entwicklungsproblem“.

An den Christophorusschulen sind 105 junge Leistungssportler. Die Alpinen – größte Fraktion mit an die 40 – sind mit dem Bus in fünf Minuten im Leistungszentrum am Jenner, es hat Loipen gleich an der Schule für die Nordischen; für die Eisschnellläufer und Shorttracker, die Skispringer, Kombinierer und Ski- und Snowboard-Freestyler gibt es Fahrdienste zu den Trainingsmöglichkeiten.

Am stärksten ist die Schule im Rodeln. Berchtesgaden hat die älteste Kunsteisbahn der Welt, 2018 wird sie ihr 50-Jähriges haben. Von 30 hochtalentierten Christophorus-Nachwuchsrodlern gehen nur drei aufs Internat, fast alle sind im Landkreis aufgewachsen und hier daheim. Mehr Standortvorteil geht nicht.

Weltweit gibt es nur 17 international zugelassene Bahnen, vier davon stehen in Deutschland. Es beherrscht die Welt des Rodelns, das kein Weltsport ist. Deutschland ist auch gesegnet mit Skisprungschanzen, und es hat in Thüringen einen zwei Kilometer langen Skitunnel, in dem ganzjährig Skilanglauf trainiert werden kann.

Die Bob- und Rodelbahn am Königssee kommt auch auf eine ausgedehnte Saison. „Erster Betriebstag war der 11. Oktober, letzter Betriebstag wird der 11. März sein, zu haben wir nur an Heiligabend und Erstem Feiertag, macht 153 Betriebstage“, sagt Bahnchef Markus Aschauer nach kurzem Blick in seinen Computer. Die Bahn läuft prächtig.

Betrieb hat sie täglich von 9 bis 21 Uhr, „wir kommen auf 36 000 Abfahrten pro Saison, das sind im Schnitt 240 am Tag“. Theoretisch kann sich jeder einmieten. 25 Euro kostet eine Rodelfahrt, 65 Euro eine mit dem Viererbob, der mehr Schäden verursacht und einen aufwändigeren Transport hinauf zum Start erfordert.

Die Bahn ist ein Ungetüm. Fast 1600 Meter lang, mit 16 Kurven, verbaut wurden Beton, Holz, Blech, überall sind Neonröhren, Lichtschranken, Kameras. Es gibt eine eigene Stromversorgung, „denn es darf nicht sein, dass das Licht ausfällt, wenn einer mit 130 km/h unterwegs ist“, sagt Aschauer. Möge keiner verloren gehen in „Teufelsmühle“, „Schlangengrube“ oder „Turbodrom“, so heißen die Streckenabschnitte.

Die Lokalmatadoren sind die tausende Male gefahren. Die WM ist ihr Heimspiel, und sie wollen hören, wie am Ende des Wettkampfs ihre Namen durchs Tal hallen. Wo sie schon dieses sagenhafte Echo haben.

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