Geburstagsbesuch bei der "Gold-Rosi"

Rosi Mittermaier wird 65: Bayerns liebenswerteste Chaotin

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Rois Mittermaier (mit Ehemann Christian Neureuther) feiert am heutigen Mittwoch ihren 65. Geburtstag.

Garmisch-Partenkirchen - Ski-Legende Rosi Mittermaier wird heute 65: Ein Geburstagsbesuch bei der "Gold-Rosi" daheim in Garmisch-Partenkirchen.

Wo ist dieses Weiberts? Das darf nicht wahr sein. Zornig stapft Skitrainer Heinz Mohr über den Schnee. Auf der Suche nach der eigenwilligen Athletin. In 30 Minuten ist Start – und von dem Mädel keine Spur. Das sitzt gut gelaunt im Auto. Strumpfsockert, den Radiosender Ö3 aufgedreht. Saukalt ist’s, also wärmt sich die Sportlerin auf. Bis der Trainer die Autotür aufreißt. „Sag amal, spinnst Du“, faucht Mohr. „Wir suchen Dich überall und Du sitzt hier, wie wenn nichts wäre.“ Der Anschiss sitzt. Die Rennläuferin schafft es gerade noch zum Start. Und wird Zweite. Im deutschen Skiteam der 1970er-Jahre gibt es nur eine, die so einen Auftritt hinlegen konnte: Rosi Mittermaier. Diese liebenswerte Chaotin. Die sie geblieben ist.

„Einen Plan?“, fragt Rosi Mittermaier ungläubig, während sie auf ihrer Terrasse in Garmisch-Partenkirchen sitzt. Richtig mit: Was mach’ ich morgen? Was ist in einem Jahr? Wo stehe ich in zehn Jahren? Gott bewahre, nein. So was hatte sie nie. „Ich bin planlos“, sagt Mittermaier und lacht herzerfrischend. Sie steht dazu: Organisationstalent („puh, Katastrophe“) und Zeitgefühl („ich komm’ allerweil zu spät“) sind nicht vorhanden. Und ein Lebenskonzept hat sie auch nie erstellt. „Ich schau einfach von Tag zu Tag. Schau, was der so bringt.“ Vielleicht ist gerade das das Lebenskonzept – und zwar das beste von allen. Heute wird Rosi Mittermaier 65 Jahre alt. „Mei“, sagt sie und winkt ab. „Geburtstage…“ Ihre eigenen sind ihr herzlich wurscht. Auch der 65.

Rosi Mittermaier wird 65: Aufgewachsen auf der Winklmoos-Alm oberhalb von Reit im Winkl

Rosi Mittermaier kokettiert nicht. In ihrer Bescheidenheit kann sie das Interesse wirklich nicht nachvollziehen. Weil sie doch einfach nur Rosi – exakt Rosa Katharina – Rosi Mittermaier ist, geboren und aufgewachsen auf der Winklmoos-Alm oberhalb von Reit im Winkl, heute Ehefrau des früheren Weltklasse-Skifahrers Christian Neureuther (66), Mutter von Modedesignerin Ameli (34) und Skifahrer Felix (31) und seit fünf Monaten Oma von Oskar, dem ersten Kind von Ameli – und „dem Star der Familie“.

Andere schreiben ihr diese Rolle zu. Die Frau mit dem herzlichen Lachen, den leuchtend blauen Augen und den Grübchen hat Sportgeschichte geschrieben: 1976 holte die Skifahrerin zwei Olympiasiege und einen Weltmeistertitel. Erfolge, von denen sie mehr hätte haben können, sagten ihre Trainer. Doch als Athletin zeichnete sie sich nicht durch übergroßen Ehrgeiz aus. „Was für ein schöner Tag. Mei, da fahr’ ich jetzt runter – ach Mist, da drüben is a Tor gestanden, des hab ich gar nicht besichtigt, ach, jetzt bin ich eh schon vorbei. Ja mei, net so schlimm, dann halt beim nächsten Mal. Aber schau nur die Leute da unten, wie die sich freu’n!“ So hat Felix Neureuther in unserer Zeitung das Renn-Motto seiner Mutter beschrieben. Nervenflattern kannte sie nicht. Gewinnen um jeden Preis gab’s nicht. Der Spaß trieb sie an. Und froh war sie, wenn sie ohne Verletzung im Ziel abgeschwungen hat.

Mit dieser Haltung schaut sie auch die Rennen ihres Sohnes an. Gelassen und mit dem Credo: „Hauptsache, ihm passiert nix. So eine Hundertstel hin oder her, das ist mir wurscht.“

Ähnlich entspannt ging sie in das unvergessene Abfahrtsrennen am 8. Februar 1976 in Innsbruck. Und in den Slalom sowie den Riesenslalom. Das Ergebnis: zweimal Gold, einmal Silber. Gold-Rosi war geboren. Die Rosi-Mittermaier-Hysterie brach aus. Tausende kamen zu Autogrammstunden. Die Winklmoos-Alm wurde zur Pilgerstätte für Fans: Die rannten Zäune ein, pappten mit den Nasen an Fensterscheiben. Vorne drückten die Autogramm-Jäger rein, der Skistar flüchtete durch die Hintertür. Die zwei Schwestern spielten Bodyguards – wobei Evi Mittermaier selbst zum Skistar hätte aufsteigen können. Hätte sie nicht so fürchterlich geweint.

Rosi Mittermaier startete als Außenseiterin bei ihrem ersten olympischen Rennen

Mit Nummer neun startete Rosi Mittermaier bei ihrem ersten olympischen Rennen. Als Außenseiterin. Favoritin auf Abfahrts-Gold war ihre drei Jahre jüngere Schwester Evi, Startnummer elf. Als sie aber im Starthäuschen erfahren hat, dass Rosi führt, flossen Freudentränen. So viele, dass sie durch ihre Brille kaum mehr was sehen konnte. „Weder davor noch danach habe ich jemals so eine schlechte Fahrt hingelegt“, sagte Evi Mittermaier einmal. Gehadert habe sie damit nie. „Das war Schicksal.“ Man gönnte sich jeden Erfolg, zelebriert in einem Ritual: Wer nach Rennen früher auf dem Zimmer war, also die schlechter Platzierte, bereitete die Siegerzeremonie vor: Die Kassette mit dem Lieblingslied wurde eingelegt, es wurde gesungen und getanzt. „Einen Konkurrenzkampf gab es nicht“, sagt Rosi Mittermaier, als wäre das völlig abwegig.

Streitereien sind ihr sowieso zu anstrengend. Genauso ist ihr ihre Zeit zu schade, um sie mit Grantlern zu verbringen. „Ich umgebe mich gerne mit fröhlichen Menschen“, sagt sie. Zwiederne, unfreundliche Leut’ regen sie auf. Am Berg ruft sie ihnen schon mal nach: „,Grüß Gott’ sagt man bei uns in Bayern.“ Eine Rosi Mittermaier bleibt stets freundlich. Doch sie sagt ihre Meinung. Und setzt sich ein für die Dinge, die ihr wichtig sind.

Rosi Mittermaier engagiert sich für Kinder-Rheuma-Stiftung

Zum Beispiel für die Kinder-Rheuma-Stiftung, als deren Schirmherrin sie auftritt. Sie braucht nur dieses Stichwort – und schon sprudelt es aus ihr heraus. Was für eine „Sch… Krankheit, Tschuldigung, Rheuma ist“. Welche Therapiemöglichkeiten es gibt, wie man den Kindern helfen kann, welch tolle Arbeit die Stiftung und die Klinik in Garmisch-Partenkirchen leisten. Keine Frage: Dieses Engagement ist für sie eine Herzensangelegenheit. Rosi Mittermaier hat die Schirmherrschaft nicht übernommen, weil sich das gut vermarkten lässt.

Dabei hat sie längst ihr Vermarktungs-Geschick bewiesen. 1976, als sie mit gerade mal 25 Jahren, unmittelbar nach ihren Erfolgen und für alle überraschend ihre Karriere beendete. Völlig Rosi-untypisch dachte die junge Frau an das Morgen. Weiter Ski zu fahren, hätte finanzielles Risiko bedeutet. Denn als Amateur-Sportlerin durfte Rosi Mittermaier keine Werbeverträge abschließen. Als Gold-Rosi aber war sie gefragte Werbepartnerin.

Nach ihrem Rücktritt arbeitete sie für eine amerikanische PR-Firma, trat als Ski-Kommentatorin und in der „Tele-Ski-Gymnastik“ auf, eröffnete mit ihrem Mann in Garmisch-Partenkirchen ein Sportgeschäft, das mittlerweile verpachtet ist. Zahlreiche Bücher haben die Zwei veröffentlicht, sie treten in TV-Shows auf und veranstalten Nordic-Walking-Treffen. Die Termine regelt – natürlich – ihr Mann. Rosi Mittermaiers einzige Vorgabe: „Sagst fei nicht jedem zu.“ Die Zeit mit Freunden – zu den engsten gehört auch der ehemalige Trainer Mohr – und der Familie ist ihr heilig.

Rosi Mittermaier: Seit fünf Monaten ist sie Oma

Jetzt besonders, da Oskar dazugehört. „Was soll ich sagen? Das ist wunderschön.“ Solche Plattitüden aber gefallen ihr nicht. Über Gefühle reden liegt ihr ohnehin nicht. Rosi Mittermaier spricht lieber in Beispielen: Wie sie und ihr Mann neulich auf den Buben aufgepasst haben. Ganz kurz hat er geweint. „Da haben wir ihn zu uns ins Betterl geholt. Da hat er gleich friedlich geschlafen.“ Sie lächelt liebevoll – und grinst wie ein Lausmadl, als sie den Zeigefinger auf den Mund legt. „Psst. Der Mama haben wir das nicht verraten.“ An ihrem Ehrentag wird Ameli ihrer Mama das wohl verzeihen.

Was wünscht sie sich eigentlich? Rosi Mittermaier winkt ab. Bloß nix schenken. Sie habe alles – und freue sich „sogar über Wäscheklupperl“. Oder ein Set Salzstreuer. Das haben ihr ihre Kinder mal überreicht. Es war ein Gag, eine Anspielung. Für ihre Mama, diese liebenswert zerstreute bayerische Ski-Ikone.

Von Katharina Bromberger

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