Keine Großschanze in Betrieb

Ruhpolding geschlossen - „Das Skispringen in Bayern stirbt!“

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Von den fünf ­Schanzen in ­Ruhpolding sind seit diesem Winter nur noch die drei ­kleineren in Betrieb, eine K-90-Schanze oder größer gibt es derzeit in der Region Chiemgau nicht.

Ruhpolding - Die großen Skisprungschanzen der Chiemgau Arena sind in diesem Winter erstmals nicht in Betrieb, weil es sich die Gemeinde Ruhpolding nicht mehr leisten kann.

Andreas Wellinger (21) fliegt von Erfolg zu Erfolg, sein Verein, der SC Ruhpolding, kämpft ums Überleben. Zumindest die Sparte Skisprung. Die großen Schanzen der Chiemgau Arena (Hillsize 100 und 128) sind in diesem Winter erstmals nicht in Betrieb, weil es sich der Träger, die Gemeinde Ruhpolding, nicht mehr leisten kann. Um den Betrieb fortzuführen, wäre eine Summe im sechsstelligen Bereich nötig. „Der Skisprung in Bayern stirbt“, sagt SC-Vizepräsident Herbert Fritzenwenger (54) der tz. „Es ist eine Blamage und eine Schande, die Sportpolitik hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.“

Severin Freund (28), Markus Eisenbichler (25) und Andreas Wellinger, viele DSV-Athleten haben in Ruhpolding ihr Handwerk gelernt. Wie wichtig der Standort für die Nationalmannschaft ist, beweist ein Blick in die Statistik der Vierschanzentournee 2017. Sechs der neun DSV-Springer, die in Oberstdorf und Garmisch im Finaldurchgang waren, kommen aus dem Chiemgau, im deutschen Nachwuchsbereich sind es mit 40 Prozent knapp die Hälfte. Stadionleiter der Chiemgau Arena ist Engelbert Schweiger (49), auch er ist besorgt. „Es ist schizophren, unsere Athleten feiern so große Erfolge, aber wir haben keine Schanzen, auf denen sie trainieren können“, sagt Schweiger, der nur die drei kleinen Anlagen K 20, K 40 und K 65 betreiben kann. Für den Juniorenbereich ist das zu wenig, die Springer können sich nicht mehr weiterentwickeln.

Felix Gottwald (Österreich) auf dem Startbalken mit Blick auf die Chiemgauer Alpen.

„In meiner Jugendzeit waren die Schanzen immer perfekt präpariert. Später, mit dem Lift, waren die Umläufe noch effektiver. Ich war dort sehr gerne zum Trainieren“, sagt Eisenbichler. Auch Wellinger denkt gerne zurück: „Mit den fünf Schanzen hat man optimale Trainingsmöglichkeiten für alle Altersklassen. Speziell die Großschanze ist eine der schönsten, auf der ich bisher gesprungen bin. Leider hält sich der Trainingsbetrieb in Grenzen.“ Da die Kosten in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen sind, die Trainingsstättenförderung von Bund und Land über den Olympiastützpunkt Bayern aber nicht angepasst wurde, sah sich Ruhpolding gezwungen, die großen Schanzen zu schließen. Berchtesgaden und Reit im Winkl kämpfen mit ähnlichen Problemen. In der Region gibt es derzeit keine K-90-Schanze, sogar die Schüler der Eliteschule des Sports in Berchtesgaden müssen nach Österreich ausweichen.

Vergangenen Dienstag trafen sich die Beteiligten mit einer fünfköpfigen Delegation des Sportausschusses des Bundestages. Dr. Andre Hahn (53), sportpolitischer Sprecher der Linken, zeigte sich überrascht und betonte, helfen zu wollen. Wie viel diese Beteuerung wert ist, wird sich im Herbst nach der Bundestagswahl zeigen. Dann wird der Sportausschuss womöglich völlig neu zusammengestellt.

15 DSV-Athleten aus dem Chiemgau

Andreas Wellinger.

„Derzeit ist keine Sprungausbildung in der Region Chiemgau/Inngau möglich.“ Mit diesen Worten warnt der Bayerische Skiverband (BSV) in einer internen Präsentation für den Sportausschuss des deutschen Bundestages. Für den BSV ist das besorgniserregend, für den Deutschen Skiverband sollte es das auch sein. Mit Severin Freund (DJK Rastbüchl), Andreas Wellinger (SC Ruhpolding), Markus Eisenbichler (TSV Siegsdorf), Marinus Krauß (WSV Oberaudorf), Pius Paschke (SC Kiefersfelden), Constantin Schmidt (WSV Oberaudorf), Fabian Seidl (SC Auerbach), Adam Helminger (SC Ruhpolding), Jakob Kosak (DJK Rastbüchl), Benedikt Hahne (SC Ruhpolding), Jakob Lange (WSV Kiefersfelden), Benedikt Schwaiger (SC Ruhpolding), Luis Lehnert (WSV Oberaudorf), Christian Frank (SK Berchtesgaden) und An­dreas Schwarz (Reit im Winkl) stehen derzeit 15 Athleten im Kader, die ihre Sprungausbildung überwiegend im Chiemgau erfahren haben. Aktuell können dies die zehn skisprungtreibenden Vereine nicht mehr leisten.

Mathias Müller

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