Skispringerin Svenja Würth

Olympia verloren - das Leben gewonnen

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Svenja Würth, flankiert von drei „Herren“ in weiß (v. li.): Prof. Hans Hertlein, Eisbär Flocke und Dr. Markus Schrödel.

München - Svenja Würth ist eine mutige junge Skispringerin. Beim Kampf um die Olympischen Spiele entging sie nur knapp einer Querschnittslähmung. Ihre Geschichte:

Olympia-Fieber. So kurz vor den Winterspielen geht es nur noch um Zeiten und Weiten – jeder will sich unbedingt für Sotschi empfehlen. Welches Risiko die Athleten dafür in Kauf nehmen, wird oft vergessen. Svenja Würth (20) hat sich – so makaber es klingen mag – eine halsbrecherische Sportart ausgesucht. Die mutige junge Skispringerin entging nur knapp einer Querschnittslähmung. Erst nach einer erfolgreichen OP in München konnten die Ärzte jetzt Entwarnung geben.

Normalerweise verletzen sich Skispringer eher selten. Aber wenn sie in der Luft doch einmal die Kontrolle verlieren, dann geht es oft übel aus. Gerade erst ist Thomas Morgenstern dem Tod von der Schippe gesprungen. Der Österreicher hatte sich beim Skifliegen am Kulm schwere Kopfverletzungen und eine Lungenquetschung zugezogen. Der Sportwelt stockte der Atem.

Aber nicht immer sind die Fans live dabei, wenn das passiert, was eigentlich nicht passieren darf. So wie am 3. Januar in Tschaikowski, einer russischen Provinzstadt an der Grenze zur Teilrepublik Udmurtien. Tschaikowski ist nicht nur nach dem berühmten Komponisten benannt, sondern spielt inzwischen auch im Konzert der internationalen Skiweltcup-Veranstalter mit. Svenja setzt bei ihrem Trainingssprung gerade zur Landung an. „Dann hat mich eine Windböe erwischt. Alles ging blitzschnell, ich habe es kaum realisiert“, erzählt sie der tz. Aus rund zwei Metern Höhe kracht Svenka auf den Aufsprunghügel. Sie überschlägt sich, bleibt im Schnee liegen.

Svenja ist benommen, aber ansprechbar, kann Arme und Beine bewegen. „Eigentlich hat mir nur das Becken wehgetan, am Rücken habe ich kaum etwas gespürt. Ich wollte erst gar nicht ins Krankenhaus.“ Vor allem nicht in der russischen Provinz, wo kaum einer Englisch und gar keiner Deutsch spricht. Aber ihre Betreuer bestehen drauf – zum Glück: Denn bei einer Computertomografie (CT) kristallisiert sich eine schwere Verletzung heraus: Der sechste Halswirbel ist gebrochen und bereits in den ­Rückenmarkskanal eingedrungen.

Per Helikopter wird Svenja zum nächsten Flughafen nach Prem transportiert, von dort in einem Learjet liegend ausgeflogen. In München kommt Svenja unters Messer. „Sie hat extrem großes Glück gehabt“, sagt der erfahrene Wirbelsäulenspezialist Professor Hans Hertlein von der Orthopädischen Chirurgie München (OCM). „Svenjas Rückenmarkskanal war um ein Fünftel eingeengt. Wenn sich der Wirbelkörper nur wenige Millimeter weiter hineingeschoben hätte, dann wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit querschnittsgelähmt gewesen.“

In der Operation konnten Hertlein und sein Kollege Dr. Markus Schrödel die Wirbelsäule stabilisieren (siehe Artikel unten): „Wenn die Heilung weiter gut verläuft, wird Svenja keine Schäden zurückbehalten.“ So endetet der Horrorsturz für Svenja doch noch in einem Happy-End. Die junge Skispringerin hat zwar ihren Traum von Sotschi verloren, aber ihr ganzes (Sportler-)Leben noch vor sich. „Vielleicht klappt es ja 2018 mit Olympia.“

So lief die Operation

Verletzungen an der Halswirbelsäule werden häufig „von vorne“ operiert – das bedeutet: Professor Hertlein und Dr. Schrödel haben sich durch einen Hautschnitt am Hals an die Wirbelsäule herangearbeitet. Mit einer filigranen Fräse entfernten die Spezialisten den defekten Wirbelkörper und legten den Rückenmarkskanal vorsichtig frei. Anschließend setzten sie einen künstlichen Abstandshalter und eine Platte ein und verschraubten diese mit den beiden benachbarten intakten Wirbelkörpern. Der Eingriff dauerte knapp eineinhalb Stunden. Nun müssen die Implantate einheilen. Svenja wird voraussichtlich drei Monate mit dem Leistungssport pausieren müssen. „Die Chancen, dass sie ihre Karriere danach fortsetzen kann, stehen aus heutiger Sicht gut“, sagt Professor Hertlein.

Andreas Beez

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