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„Ein Doppel-Axel ist schwerer als ein Backside 1080“

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Von: Uli Kellner

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Annika Morgan aus Mittenwald hält ihr Snowboard im Arm.
Überfliegerin: Annika Morgan (19) aus Mittenwald sprang als erste deutsche Snowboarderin im Big Air aufs Podium. © Imago

Erstmals in der jungen Geschichte von Snowboard Germany wird eine Big-Air-Athletin mit Medaillenchancen bei Olympia starten. Unser Interview mit Annika Morgan.

Es war der Satz ihres Lebens: Mit einem dritten Platz beim Big-Air-Weltcup in Steamboat Springs schrieb Annika Morgan Snowboard-Geschichte. Sie ist die erste deutsche Freestylerin, die in der spektakulären Sprung-Disziplin aufs Podium hüpfte. Unser Interview mit der 19-jährigen Mittenwalderin, die für den SC Miesbach startet.

Annika Morgan, haben Sie inzwischen realisiert, was Sie da Anfang Dezember geschafft haben?

Morgan: So langsam. Meistens denke ich gar nicht daran, aber dann schaue ich aufs Handy und merke: Wow!

Wegen der vielen Nachrichten?

Morgan: Meine Fotos auf Instagram, die unzähligen Nachrichten. Unglaublich, wer sich alles gemeldet und an mich gedacht hat, sogar mein Eislaufverein aus Mittenwald. Das hat mich besonders gefreut.

Ihr Eislaufverein?

Morgan: Ja, da war ich drin, bis ich 15 war. Und bis ich 13 war, bin ich auch noch Wettkämpfe gelaufen. Insgesamt habe ich das zwölf Jahre lang gemacht.

Kommt Ihnen diese Vergangenheit jetzt entgegen, da Sie mit dem Snowboard über riesige Kicker springen und sich dabei mehrfach um die eigene Achse drehen?

Morgan: Kommt es mir tatsächlich, denn beim Eislaufen drehe ich nach links – und das ist auch auf dem Snowboard meine stärkere Richtung.

Snowboarderin Annika Morgan beim Eiskunstlauf.
Den Dreh raus hatte Annika Morgan auch schon als Eiskunstläuferin. © Imago

Hatten Sie beim Eislaufen auch internationales Leistungsniveau?

Morgan: Meistens waren es regionale Wettbewerbe, bayerische Meisterschaften oder so. International waren es nur ein paar Friendship Cups, zum Beispiel in Italien.

Machen Ihnen beide Sportarten gleich viel Spaß?

Morgan: Ich würde schon sagen, dass mir Snowboarden mehr Spaß macht, aber wenn ich auf dem Eis stehe, habe ich sooo viel Spaß. Was mich gestört hat, war halt der Druck – und dass ich eine ganze Kür auswendig können musste. Das hat mich mega gestresst. Einmal stand ich auf dem Eis und hab geheult, weil ich einen Blackout hatte und nicht mehr weiterwusste. Das war traumatisierend für mich.

Also stimmt das Klischee vom knallharten Leistungssport auf dem Eis?

Morgan: Auf jeden Fall. (lacht)

Fühlen Sie sich auf dem Board freier? Nicht zuletzt das verbinden ja Laien mit dieser Sportart.

Morgan: Ja, genau. Aber auch die ganze Chemie in der Snowboard-Community. Jeder ist mit jedem befreundet. Man fährt auch mit jedem. Konkurrenten in dem Sinne gibt es gar nicht, denn für mich sind es alle Freunde. Das gibt es bei keinem anderen Sport.

Deshalb der Wechsel?

Morgan: Eislaufen war ein Riesenteil von mir, aber ich musste mich entscheiden, auch wegen der Schule, auf die ich dann gehen konnte (das Elite-Sportinternat CJD in Berchtesgaden/Red.). Ein Glücksfall, denn dort hatte ich die beste Zeit meines Lebens. Die Leute, die ganzen Erlebnisse – das hast du in einer normalen Schule nie.

Wie lange haben Sie denn beide Sportarten nebeneinander betrieben?

Morgan: Zum Eislaufen bin ich mit drei gekommen, aufs Snowboard mit sieben. Während der Woche war ich meistens auf dem Eis und am Wochenende auf dem Berg.

Und wo waren Sie besser?

Morgan: Anfangs auf dem Eis, aber ab zwölf kamen dann die Siege auf dem Snowboard dazu. Im Eislaufen war es viel schwerer, aufs Podest zu kommen.

Wo Sie ja jetzt wieder gelandet sind – im anspruchsvollen Big-Air-Weltcup. Bemerkenswert im Finale war vor allem Ihre Nervenstärke, denn nach dem ersten Fehlversuch mussten die Sprünge zwei und drei sitzen . . .

Morgan: Da hab ich selber gestaunt, aber anscheinend hab ich diese Nervenstärke, denn in Chur (beim Weltcup-Auftakt) lief es genauso. Wenn ich so drüber nachdenke: Eigentlich bin ich wirklich nie nervös am Start.

Den zweiten Sprung, einen Backside 1080, wollten sie gar nicht unbedingt auspacken, oder?

Morgan: Eigentlich nicht, aber den hatte ich so oft auf dem Luftkissen in Scharnitz trainiert, dass mein Trainer meinte: Da kann nicht viel schiefgehen. In der Quali war er noch ein bisschen wacklig, aber im Finale hat’s dann gepasst.

Was war Ihr anspruchsvollster Sprung beim Eiskunstlauf?

Morgan: Ich konnte eine Zeit lang einen Doppel-Axel. Und einmal hab einen Dreifach-Salto gestanden, aber der war ein bisschen unterdreht.

Was ist schwieriger: der Backside 1080 oder der Doppel-Axel?

Morgan: Eindeutig der Doppel-Axel.

Im Big Air gehören Sie jetzt zu den weiblichen Stars, dabei fühlen Sie sich ja angeblich im Slopestyle mehr zu Hause.

Morgan: Das stimmt. Für mich ist es immer noch unvorstellbar, dass ich im Big Air mein erstes Podium geschafft habe. Ich weiß nicht wieso, aber ich hab im Big Air meistens die besseren Ergebnisse.

Mal für den Laien erklärt: Worin liegt für Sie der Reiz der beiden verwandten Disziplinen?

Morgan: Im Big Air ist es pro Run nur ein Sprung, im Slopestyle hast du so viel mehr: Kicker, Rails, Sidehits. Da kannst du viel kreativer sein. Wenn du das alles draufhast, kannst du richtig gut snowboarden.

Wie eine Kür beim Eiskunstlauf?

Morgan: Genau. Nur dass man zum Glück nicht alles auswendig lernen muss (lacht).

Im Weltcup geht es erst zum Jahreswechsel weiter. Danach stehen die Olympischen Spiele in Peking an. Schon aufgeregt?

Morgan: Ja, schon. Aber die Vorfreude überwiegt. Es sind ja meine ersten Spiele. In Pyeongchang 2018 hab ich den Mädels noch zugeschaut – jetzt bin ich selber dabei!

In Sotschi 2014 dürften Sie noch eher beim Eislaufen mitgefiebert haben.

Morgan: Ja, genau.

Ihr Ziel ist jetzt vermutlich eine Olympia-Medaille.

Morgan: Eigentlich versuche ich, ohne Erwartungen hinzufahren, denn wenn ich welche hab, bin ich am Ende wahrscheinlich enttäuscht . . . Natürlich wäre es mega, wenn’s klappen würde.

Interview: Uli Kellner

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