Doppelinterview mit dem weltbesten Snowboard-Duo

„Ich dachte, sie macht einen Scherz...“

Ramona Hofmeister und Selina Jörg posieren auf der Bank vor der Götschen Alm.
+
Das Erfolgsdoppel von Snowboard Germany: Ramona Hofmeister und Selina Jörg (r.), die nach dem Weltcup-Finale „dahoam“ ihre Karriere beendet.

Die eine tritt als zweifache Weltmeisterin ab, die andere steht kurz vor ihrer Titelverteidigung im Gesamtweltcup. Wir haben Selina Jörg, 33, und Ramona Hofmeister, 24, zum Doppelinterview getroffen. Wo? Stilecht am tief verschneiten Götschen, wo der Stern der beiden Snowboard-Stars aufging – und wo es beim Weltcup-Finale in acht Tagen sehr emotional zugehen könnte.

  • Sie sind Topstars ihrer Disziplin, Rivalinnen um die besten Plätze, vor allem aber Freundinnen.
  • Selina Jörg tritt am 20. März als Doppelweltmeisterin ab, Ramona Hofmeister steht vor ihrer Titelverteidigung im Gesamtweltcup.
  • Hauptgegnerin in der Zukunft: Sofia Nadirschina, die 17 Jahre alte Russin, aktuell Zweite im Gesamtweltcup.

Womit sollen wir anfangen, beim traurigen oder beim freudigen Anlass?

Jörg: Gibt’s einen traurigen?

Hofmeister: Wenn Selinas Karrierende gemeint ist – das ist wirklich traurig.

Vor allem ist es etwas anderes, einen Entschluss zu fassen – und ihn auszusprechen. Oder, Selina?

Jörg: Oh ja. Zuerst hatte ich ja das Gespräch mit Paul Marks gesucht, unserem Trainer. Da war ich schon sehr aufgeregt, weil ich wusste: Ich spreche es jetzt zum ersten Mal aus. Das ist dann schon noch mal was anderes, als wenn man das nur im privaten Kreis mitteilt. Am Abend hab ich’s dann auch noch dem Team gesagt und es nach der WM komplett öffentlich gemacht – es fühlt sich immer noch gut an. Ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung.

Entscheidung beinhaltet das Wort Scheidung, und scheiden tut ja eigentlich weh . . .

Jörg: Es ist schon ein lachendes und ein weinendes Auge dabei. Wehmut kommt natürlich dazu, aber für mich bleibt es der perfekte Zeitpunkt. Die Entscheidung ist über Monate gereift, es ist jetzt keine Kurzschlussaktion oder so. Es gab auch nichts, das mich hätte zum Umkehren bewegen können, – nicht mal, wenn’s bei der WM schlecht gelaufen wäre.

Interview im Schnee: Selina Jörg und Ramona Hofmeister im Gespräch mit Sportredakteur Uli Kellner.

Wie haben Sie es aufgenommen, Ramona?

Hofmeister: Ich dachte erst, sie macht einen Scherz. Das war in der Vorbereitung auf die WM – ein Schock, den man erst mal verarbeiten muss. Selina ist wie eine große Schwester für mich. Wir sind über die Jahre total zusammengewachsen. Bei unseren größten Erfolgen standen wir gemeinsam auf dem Podium. Das ging ja schon bei Olympia 2018 los: Man müsste echt mal zählen, wie oft wir uns überglücklich in die Arme gefallen sind.

Jörg: Das müsste man echt mal zählen (lächelt). Wenn man zusammen feiert, ist es einfach noch viel schöner.

Hofmeister: Das verbindet uns für immer. Diese Momente kann uns keiner mehr nehmen. Wir haben sogar einen Brauch eingeführt: Seit 2018 stoßen wir jedes Jahr am 24. Februar an – das ist der Jahrestag von Olympia.

Praktischerweise sind Sie zu der Zeit meistens im Weltcup unterwegs.

Tiefster Winter am Götschen: Selina Jörg im Gespräch mit Uli Kellner.

Jörg: Genau. Irgendwann kam’s dann immer: Boah, weißt du noch? Das sind Momente, die du nie vergisst. Wie wir zusammen zur Medals Plaza sind, danach noch zur ARD oder zum ZDF . . .

Hofmeister: Wir wissen halt auch beide, was hinter diesen Erfolgen steckt.

Gute Überleitung zum freudigen Anlass: Das Weltcup-Finale steht an. Die kleine Kugel steht schon daheim, Ramona, soll aber vermutlich nicht alleine bleiben . . .

Hofmeister: (grinst) Im Wohnzimmer wäre auf jeden Fall noch Platz, bei der Trophäenwand. Mal schauen, ob es dann auch klappt.

Es geht um 50 Punkte. So viel Vorsprung haben Sie vor ihrer jungen Konkurrentin Sofia Nadirschina.

Hofmeister: Hab ich auch gehört. Ein paar aus dem Team haben schon vorgerechnet, was ich werden müsste, wenn sie gewinnt, damit sich’s noch ausgeht. Ich selber rechne da nicht rum. Ich fahr’ so wie immer, versuche mein Bestes zu geben, und dann klappt’s – oder auch nicht. Es wäre natürlich der Wahnsinn, wenn ich hier vor der Haustür die große Kugel mitnehmen könnte.

Ihr Vorsprung bei der WM-Revanche in Rogla betrug läppische 0,04 Sekunden. Erwächst da eine neue Dauerkonkurrentin?

Hofmeister: Sieht so aus. Ich hab zu ihr auch schon gesagt: Das wird spannend mit uns die nächsten Jahre.

Was macht sie so stark?

Jörg: Ihre Jugendlichkeit, würde ich sagen. Sie fährt so unbekümmert runter. Da kann ich nur den Hut ziehen. Ich glaub, ihr ist gar nicht bewusst, was sie da leistet.

Hofmeister: Und das mit 17. Das ist schon der Wahnsinn.

Jörg: Allein fahrtechnisch. Wenn ich ihre Technik fahren würde, würde es mich spätestens beim dritten Tor auf die Waffel legen. Ich denke auch, dass das richtig spannend wird die nächsten Jahre. Da freue ich mich schon drauf, das zu Hause am Fernseher zu verfolgen.

„Selina ist wie eine große Schwester“: Die langjährigen Freundinnen und Rivalinnen fühlen sich einander eng verbunden, nicht nur im Sessellift am Götschen.

Hofmeister: Ich kann mich da nur anschließen: Die Technik könnte ich auch nicht fahren. Sie fährt so gestreckt und setzt erst kurz vor dem Tor auf totale Aufkantwinkel.

Jörg: Eine komplett gerade Linie. Und dann diese gestreckten Beine! Da würd’s mich weghauen.

Hofmeister: Mich auch. Das ihr individueller Stil. Die anderen aus dem russischen Team fahren viel runder. Aber wenn’s funktioniert...

Ändert sich der Fahrstil über die Jahre?

Hofmeister: Ich denke, er bleibt ähnlich und wird nur optimiert. Gewisse Dinge schleifen sich ein – wie meine fuchtelnden Arme. Ich denke, das wird sich auch nicht mehr legen. Auch wenn die Trainer das gerne hätten.

Jörg: Ja, und ich bin schon immer eine Schleicherin gewesen. Wenn ich selber meine Läufe anschaue, denke ich immer: Jetzt gib doch mal Gas! Als würde ich einschlafen auf dem Board . . .

Hofmeister: Trotzdem bist du sauschnell. Selbst bei dem Neuschnee hier. Ich hab gekämpft, bin gefühlt auf der letzten Rille gefahren, und dann schaue ich zu Selina rüber: Seelenruhig und sicher carvt sie da runter.

Die Routine der großen Schwester. Wie läuft das überhaupt, wenn man immer switchen muss: Heute Kollegin und Freundin, morgen wieder Rivalin um die besten Plätze.

Jörg: Rivalin ist man nur oben am Start. Man weiß ja, dass man irgendwann aufeinander trifft. Man hofft halt, dass es möglichst spät passiert. Man muss da generell trennen. Hier das Private, dort der Sport, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Ist es nie eskaliert?

Jörg: Ich kann mich nicht erinnern.

Hofmeister: Ich auch nicht. Ich mag sie vor dem Start genauso wie danach.

Jörg: Ich denke, dieses Teamdenken hat uns auch so stark gemacht. Wir können uns im Training battlen und wissen: Jetzt bin ich mit den Zeiten bei der Ramona oder der Cheyenne (Loch) – dann kann es nicht so schlecht sein.

Welches Wettkampf-Duell ist hängen geblieben, weil es besonders eng oder umkämpft war?

Hofmeister: Da gab’s so viele . . .

Jörg: Ich weiß auf jeden Fall, dass ich fast immer das Nachsehen hatte. Letztes Jahr in Piancavallo hab ich dich einmal geschlagen – das war das erste und einzige Mal.

Angstgegnerin Ramona?

Jörg: Kann man so sagen.

Wer ist das bei Ihnen?

Hofmeister: Ich hab eigentlich nie vor jemandem Angst. Obwohl mich die Russin jetzt schon unter Druck setzt. Beim letzten Weltcup hab ich mir dann gesagt: Naa, jetzt nicht schon wieder. Heute nicht, meine Liebe! (lacht)

Welche drei Eigenschaften fallen Ihnen spontan zu Ramona ein?

Jörg: Ehrgeizig . . . Großzügig. Und liebenswert.

Und umgekehrt?

Alles coronakonform: Sogar das Maskottchen hinter Ramona Hofmeister trägt Maske.

Hofmeister: Strukturiert – bei Selina ist alles durchdacht. Dazu unglaublich sympathisch. Und auch zielstrebig.

Was imponiert Ihnen sportlich an Ramona?

Jörg: Ihr absoluter Siegeswille, die mentale Stärke. Ramona ist ein totaler Renntyp. Früher war sie im Training gar nicht so stark, aber im Wettkampf zeigt sie dann absoluten Killerinstinkt.

Hofmeister: Und mir würde ein bisschen von deiner Ruhe gut tun. Ich glaube, wir ergänzen uns einfach gut.

Werden Sie eigentlich Snowboard Germany verbunden bleiben oder sagen Sie am 21. März: Servus, wer mich sehen will, muss ins Allgäu kommen?

Jörg: Also, Trainer oder so kann ich mir gar nicht vorstellen. Und auch sonst werde ich erst mal keine Aufgabe im Verband übernehmen. Ich bin dann auch wirklich froh, im Winter mal zu Hause zu sein und nicht wieder aus der Tasche zu leben. Natürlich werde ich mal kommen, um die Mädels live anzufeuern. Und ich kann mir vorstellen, daheim im Skiclub was ehrenamtlich zu machen.

Hofmeister: Wenn sich alles beruhigt hat, komme ich auf jeden Fall mal im Allgäu vorbei, das haben wir schon ausgemacht. So richtig hab ich eh noch nicht realisiert, dass Selina aufhört. Ich denke, das wird nach dem Sommer kommen, wenn wir wieder anfangen. Und im Winter dann eh, weil mein Podiums-Buddy nicht mehr da ist.

Nicht vielen Sportlern gelingt es, auf dem Höhepunkt abzutreten – noch dazu ein Jahr vor Olympia.

Süßes Dankeschön: Mit dieser Torten-Spezialanfertigung überraschte Snowboard Germany die erfolgreichen WM-Teilnehmerinnen von Rogla.

Jörg: Die Rücktrittsgedanken hatte ich ja schon länger, erstmals 2018. Damals gab’s schon Jobangebote und Bewerbungsgespräche. Ich hab dann gesagt: Okay, ich mach’ noch weiter, aber das waren mehr so Einjahresprojekte. Olympia 2022 war nie in meinem Kopf. Ich hab mir dann einen Fahrplan erstellt – mit der WM in China als Höhepunkt. Es war dann zwar Rogla statt China, aber so kann ich auch super aufhören. Noch mal ein Jahr – das würde ich mental nicht schaffen.

Klingt, als hätten Sie sich einigen Druck gemacht.

Jörg: Die Erleichterung war schon groß, als ich den Rücktrittstermin fixiert hatte. Da war das Gedankenkarussell endlich beendet – ab da konnte ich den Sport auch wieder aktiv genießen. Ich wusste ab August: So, jetzt bin ich das letzte Mal in Zermatt – ein Abschied auf Raten. So habe ich das Stück für Stück abschließen können.

Könnten Sie sich vorstellen, noch acht Jahre in WM- und Olympiazyklen zu denken und zu leben, Ramona?

Hofmeister: Auf keinen Fall. Ich bin auch eher ein spontaner Mensch und denke nicht die nächsten Olympiazyklen voraus. Natürlich bin ich nächste Saison noch am Start – den Rest wird man sehen. Da spielen ja so viele Faktoren mit rein: Gesundheit, Arbeitgeber, Sponsoren, auch Erfolg. Im Moment bin ich oben, aber wenn ich die Leistung mal nicht mehr bringe . . . Ich will ja nicht den anderen hinterher fahren.

 Ich bin auch eher ein spontaner Mensch und denke nicht die nächsten Olympiazyklen voraus. Natürlich bin ich nächste Saison noch am Start – den Rest wird man sehen. 

Ramona Hofmeister über ihr Karrierende, das schneller kommen könnte, als mancheiner denkt.

Im Verband dürften bei diesem Satz die Alarmglocken schrillen.

Hofmeister: Schauen wir mal (grinst). Wer weiß, was passiert, wie lange es noch geht. Surprise! Bis 33 weiterzufahren, schließe ich aber aus. Man muss auch bedenken, was man für den Sport hergibt. Es kann ja auch wieder was mit dem Rücken kommen… Ich will mit 60 auch noch gehen können.

Selina wirkt entspannt, was die Zukunft angeht. Was wäre Ihr Plan B?

Hofmeister: Ich bin ja bei der Polizei und freue mich, wenn das mal richtig losgeht. Im April mache ich die nächste Hospitation auf der Dienststelle in Bad Reichenhall, da bin ich dann wieder für vier Wochen auf Streife.

Zurück zum Weltcup-Finale dahoam. Ein Traum wäre wahrscheinlich, sich am 20. März noch mal im Endlauf zu begegnen . . .

Jörg: Das wäre wirklich ein Traum!

Würden Sie Selina gewinnen lassen, wenn Sie den Weltcup-Gesamtsieg schon sicher haben?

Hofmeister: Da quatschen wir dann am Start noch mal, das entscheiden wir spontan (lacht).

Auch interessant

Kommentare