Snowboard: Weltcup-Finale am Götschen

Selina Jörg und Cheyenne Loch:
Home Run in den Ruhestand

Snowboarderin Selina Jörg lacht neben DSV-Maskottchen Skitty.
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Die Karriere ist rund: Snowboarderin Selina Jörg tritt im Gefühl ab, ihrem Talent nichts mehr schuldig zu sein.

Das Weltcup-Finale am Götschen wird zum persönlichen Finale zweier Weltklasse-Snowboarderinnen. Selina Jörg, 33, und Cheyenne Loch, 26, waren Kolleginnen, Rivalinnen und Zimmergenossinen. Nun hören sie gemeinsam auf, aus allerdings unterschiedlichen Gründen.

  • Für Selina Jörg schließt sich der Kreis: Am Götschen ist sie in den Nullerjahren ihre ersten Kinderrennen gefahren.
  • Cheyenne Loch blickt auf ihre erfolgreichste Saison zurück, doch ihr Körper funkt: Stopp!
  • Claudia Riegler steht auch noch mit 47 auf dem Board, für Selina Jörg: „Unvorstellbar!“

Dieses Adrenalin am Start – bei zwei deutschen Raceboarderinnen wird es sich an diesem Wochenende mit einer Prise Nostalgie und einem Schuss Erleichterung vermischen. Für Selina Jörg, 33, und Cheyenne Loch, 26, stehen die letzten Rennen ihrer Karriere an. Nach dem Weltcup-Finale am Götschen (Parallelslalom am Samstag, 13.30 Uhr, Teamslalom am Sonntag, 9.30 Uhr/ARD live) treten beide Slalom-Asse den Snowboard-Ruhestand an – ein Gefühl, das Jörg im Vorfeld nicht ansatzweise greifen konnte. „Ich werde versuchen, die Rennen zu genießen“, sagte die Allgäuerin, kündigte aber auch an: Kampflos wird sie ihren künftigen Ex-Kolleginnen die Podiumsplätze nicht überlassen.

Während die Entscheidung bei Jörg über Monate gereift ist und nach ihrem zweiten WM-Coup Anfang des Monats die Öffentlichkeit erreichte, kam der Entschluss von Loch eher plötzlich. Das Erfolgszimmer der beiden Sportlerinnen und Freundinnen – es wird aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgelöst. Jörg zieht sich zurück, weil ihre Karriere rund ist und sie das Gefühl hat, sich nicht mehr für eine Olympia-Saison aufraffen zu können. Bei Loch, die sieben Jahre jünger ist, liegt der Fall anders: Die Schlierseeerin hat die beste Saison ihres Lebens als Profi-Snowboarderin hinter sich (drei zweite Plätze im Weltcup), doch ihr Körper funkte zuletzt: Stopp! „Der Funke ist nach meinem Comeback diesen Winter nicht zurückgekommen“, sagte sie, „die Verhältnismäßigkeiten stimmen nicht mehr. Ich habe unter Belastung ständig Schmerzen. Unter diesen Bedingungen will und kann ich meine Karriere nicht fortsetzen.“

Vollbremsung: Cheyenne Loch, 26, hört auf, obwohl sie gerade so gut in Fahrt war.

Ganz anders Jörg, die das Glück hatte, weitgehend verletzungsfrei durch fast 20 Jahre Wettkampf-Snowboarden gekommen zu sein. „Physisch fühle ich mich immer noch top in Schuss“, sagt sie: „Ich spüre keinerlei Verschleißerscheinungen.“ Und trotzdem: Die Karriere auszureizen wie die Österreicherin Claudia Riegler, die in Rogla mit 47 noch zweimal WM-Vierte wurde – für Jörg eine Gruselvorstellung: „Ich ziehe den Hut vor ihr, aber für mich wäre es unvorstellbar. Unvorstellbar! Ich bin jetzt 33 und ich hab nicht das Gefühl, dass ich zu früh aufhöre.“

Jörg tritt am Sonntag mit dem wohligen Gefühl ab, dass sie ihrem Talent nichts schuldig geblieben ist. Speziell seit 2018 – mit Olympia-Silber und drei WM-Medaillen – war das Schicksal mit ihr auf Wiedergutmachungskurs. Jörg erinnert sich an quälende „Durststrecken“, die sie genervt, aber nicht entmutigt haben. „Wenn ich gesehen habe: Die anderen holen sich so ihre Medaillen ab und ich war gefühlt die ewige Vierte – das hat mich richtig gefuchst.“ Aber: „Ich habe immer gespürt: Hey, da ist was – irgendwann kommt noch meine Zeit. Umso schöner, dass der Knopf dann doch noch aufgegangen ist.“

Die anderen holen sich so ihre Medaillen ab und ich war gefühlt die ewige Vierte – das hat mich richtig gefuchst.

Die am Ende ihrer Karriere sehr erfolgreiche Snowboarderin Selina Jörg

Und nirgendwo könnte Jörg besser aufhören als am Götschen, wo vor fast 20 Jahren alles begonnen hat: „Ich war hier fünf Jahre am Sportinternat, hab gefühlt jeden Nachmittag im Winter an dem Hang verbracht. Hier bin ich auch mit 14 die ersten Kinderrennen gefahren. Ich kenne den Götschen in- und auswendig – für mich schließt sich jetzt der Kreis.“

Loch dagegen klingt so, als hätte sie sich für die letzten Rennen noch ein gehöriges Stück Motivation aufgehoben. Platz drei in der Gesamtwertung sei noch möglich, sagt sie vor dem Slalom am Samstag: „Und außerdem: Mir fehlt ja auch noch ein Weltcupsieg . . .“

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