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Sportdirektor Andi Scheid: „Wir sind voll dabei!“

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Von: Uli Kellner

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Sportdirektor Andi Scheid von Snowboard Germany.
Sprung nach vorne - auch in der Breite: Andi Scheid, Sportdirektor bei Snowboard Germany. © Stefan Matzke / sampics

Bei Olympia gab es ausnahmsweise keine Medaillen für Snowboard Germany, dafür winken zum Saisonabschluss viele Kristallkugeln. Läuft, findet Sportchef Scheid.

Weltcupfinale am Götschen – diesmal mit Fans und wie gewohnt mit besten deutschen Chancen auf große Kristallkugeln (Parallelslalom ab Samstag, 12.45 Uhr, Teamevent: Sonntag, 11 Uhr/ZDF überträgt teils live). Ramona Hofmeister, 25, und Stefan Baumeister, 28, hoffen auf eine Race-Party dahoam, bei den Boardercrossern am Sonntag in Veysonnaz will Martin Nörl, 28, sein Gelbes Trikot ins Ziel bringen – und eine Woche später kann sich Leon Vockensperger, 22, den Gewinn des Freestyle-Gesamtweltcups sichern. Sportchef Andi Scheid hat also viele Gründe, zufrieden mit dem Wettkampfwinter 2021/22 zu sein – wenn es da nicht die medaillenlosen Peking-Spiele gegeben hätte. Unser Saisonabschlussinterview mit dem 46 Jahre alten Macher von Snowboard Germany.

Herr Scheid, was beherrscht ihren Saisonrückblick – das weinende Olympia- oder das lachende Weltcup-Auge?

Scheid: Natürlich wird uns das Thema Olympia noch eine Weile beschäftigen – viele Wünsche sind da nicht in Erfüllung gegangen. Ganz schlecht waren wir nicht mit jeweils zwei Top-8-Platzierungen im Race, im Freestyle und im Boardercross, aber anders als im Weltcup hat es nicht für ganz vorne gereicht. Das Abschneiden bei den Spielen wirkt sich leider stark auf die Sportförderung aus. Was den Gesamtquerschnitt angeht, sind wir aber voll dabei. In der Breite sind wir unter dem Strich wieder besser geworden, deswegen muss das Gesamtfazit positiv ausfallen.

Der Winter zuvor brachte WM-Medaillen in allen Farben, diesmal winken gleich vier Gesamtweltcupsiege neben diversen kleinen Kugeln? Welche Art des Erfolgs bevorzugt der Sportdirektor?

Scheid: Sicher ist der Sofort-Effekt von WM-Medaillen stärker, aber es zeugt schon von Qualität, wenn man über eine gesamte Olympiasaison hinweg ganz vorne dabei ist – mit der gleichen Konkurrenz wie bei den Spielen. In Deutschland wird das leider nicht so wahrgenommen wie zum Beispiel in der Österreich und der Schweiz. Wenn man da mit Leuten spricht, dann hat der Gesamtweltcup einen ganz anderen Status. WM-Medaillen sind auch was Schönes, aber man kann es sich leider nicht aussuchen.

Ramona Hofmeister kann zum dritten Mal in Folge die große Kugel gewinnen. Würden Sie sagen, dass der Generationenwechsel nach dem Rücktritt von Weltmeisterin Selina Jörg und Cheyenne Loch gelungen ist? Oder hinkt die zweite Reihe ein wenig hinterher?

Scheid: Man muss sehen: Der Vergleich mit einer Topfahrerin wie Selina im Training – der war von heute auf morgen weg. Das hat’s schon schwerer gemacht, aber die Caro (Langenhorst) hat einen Schritt nach vorne gemacht, auch die Melli (Hochreiter). Ich hatte große Bedenken, aber ich würde auf jeden Fall sagen, dass wir das Beste daraus gemacht haben.

Neu ist, dass es auch deutsche Siegfahrer in den Freestyle-Disziplinen gibt: André Höflich, Annika Morgen und Leon Vockensperger. Hat Snowboard Germany nun endgültig den Anschluss an die Weltspitze geschafft?

Scheid: Fakt ist: Alle, die im Freestyle-Weltcup etabliert sind und bei Olympia dabei waren, sind nah dran. Sie sind ja auch alle noch jung – und haben noch vier oder acht Jahre Zeit. Strukturell müssen wir jetzt halt dafür sorgen, dass wir vom Nachwuchs her wieder was ranschieben. Das ist die nächste große Herausforderung. Ob wir’s als kleiner Verband auch in der Breite an die Weltspitze schaffen, weiß ich nicht, aber in Verbindung mit der Trainingsstätte, die wir uns auf die To-do-Liste geschrieben haben, sind wir langfristig auch im Freestyle gut dabei.

Befürchten Sie durch das Verpassen von Olympiamedaillen Einbußen bei den Fördergeldern?

Scheid: Wenn man die ganzen Krisen weltweit anschaut: Corona, Ukraine – da fällt eine Gesamteinschätzung schwer, was den Fluss der Fördermittel angeht. Ich hoffe, dass man uns weiter das Vertrauen entgegenbringt – wie das auch unsere Partner tun, die die Gesamtsubstanz positiv bewerten. Wir lassen uns auf jeden Fall nicht von unserem Weg abbringen – egal wie die Fördermittel fließen.

Wir lassen uns auf jeden Fall nicht von unserem Weg abbringen – egal wie die Fördermittel fließen.

Andi Scheid, Sportdirektor bei Snowboard Germany.

Stehen die Peking-Spiele wegen der Begleitumstände für sich? Oder kann man auch aus diesen Winterspielen irgendwelche Lehren ziehen?

Scheid: Schwierig. Wichtig ist, dass wir junge Erstteilnehmer hatten – die konnten wertvolle Erfahrung sammeln. Ansonsten gibt es zu jedem Sportler eine individuelle Geschichte. Martin (Nörl) wurde abgeräumt, bei Ramona (Hofmeister) war nicht ganz klar, ob’s einen Protest gibt. Das sind so Einzelgeschichten, die am Ende vielleicht eine Medaille verhindert haben. Und was die Lehren angeht: Da wird man bei der Analyse tief graben müssen. Denkbar ist, dass wir im mentalen Bereich noch was rausholen können. Dass man sich anpasst an solche Rahmenbedingungen. An der Motivation und Vorbereitung lag’s sicher nicht, denn da haben wir das Maximale rausgeholt.

2023 steht erstmals eine WM in Georgien an. Wie gut ist es für den Snowboardsport, dass die Landkarte erweitert wird?

Scheid: Ich find’s gut. Wir haben nur positive Rückmeldungen aus Georgien bekommen. Es ist ein Wintersport-Entwicklungsland, aber Potenzial ist unbestritten da: Es ist ein bergiges Land mit viel Schnee im Kaukasus. Neuland für uns, aber wir bewerten es positiv und freuen uns drauf.

Wird dann auch wieder medaillentechnisch mit Snowboard Germany zu rechnen sein?

Scheid: Definitiv (lacht).

Interview: Uli Kellner

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