Freestyle-WM in Aspen

Slopestyle-Ass Leon Vockensperger: Mit langem Anlauf ins Glück

Slopestyle-Ass Leon Vockensperger hebt ab.
+
Deutsche Freestyle-Hoffnung: Slopestyle-Spezialist Leon Vockensperger, 21, aus Flintsbach am Inn.

Die erfolgreichen Raceboarderinnen polieren daheim ihre WM-Medaillen und bereiten sich auf das Weltcup-Finale vor (20./21. März, Berchtesgaden). Die Kollegen aus der Abteilung Freestyle haben ihren Saisonhöhepunkt noch vor sich: die von China nach Aspen verlegten Titelkämpfe. Auch ein junger Oberbayer will dabei erneut für Furore sorgen.

  • An diesem Mittwoch beginnt in Aspen (USA) die WM der Freestyle-Snowboarder.
  • Zu den deutschen Hoffnungsträgern zählen André Höflich (Halfpipe), Annika Morgan (Big Air) - und Leon Vockensperger (Slopestyle).
  • Für Vockensperger erfüllt sich mit zwei Jahren Verspätung ein Kindheitstraum.

Ab heute heben die besten Athleten in den Sprungdisziplinen ab. Den Anfang machen die Slopestyler – und da richten sich die Blicke nicht nur auf Topstars der Szene wie Jamie Anderson (USA), sondern auch auf einen jungen Hoffnungsträger von Snowboard Germany. Sein Name: Leon Vockensperger, 21. Seine Empfehlung: ein bärenstarker zweiter Platz bei den Laax Open, der prestigeträchtigen WM-Generalprobe in den Schweizer Alpen.

Für den Sohn des Rosenheimer Snowboard-Pioniers Christian Vockensperger, 45, ist es ein Großereignis mit langem Anlauf. Obwohl er erst 21 ist, hinkt er den eigenen Erwartungen zwei Jahre hinterher. Bereits bei der WM 2019 wollte er auf einer US-Bühne ins Rampenlicht jumpen, Monate zuvor hatte er erstmals ein Finale erreicht. „Ich war megahappy und dachte mir: Wow, das wird jetzt meine Saison!“ Es kam dann aber anders, und zwar auf sehr schmerzhafte Weise.

Reizung des Syndesmosebandes. Schlampige Erstdiagnose, Komplikationen. Schließlich Riss des Bandes, womit nicht nur die WM-Saison im Eimer, war, sondern auch das mühsam erarbeitete Selbstvertrauen. Vockensperger berichtet von einem „halben Nervenzusammenbruch“, als ihm ein Arzt das wahre Ausmaß seiner Verletzung nahebrachte: „Das war der letzte Stich, der es mir total gegeben hat. Im ersten Moment hab ich echt nicht gewusst, wohin mit mir.“

Leon im Pech: Schlampige Erstdiagnose, Komplikationen. Riss des Syndesmosebandes.

An diesem Punkt hätte seine Karriere bereits enden können. Er war down, fertig, der Verzweiflung nahe, was auch mit tief verborgenen Ängsten zu tun hat. Vockenspergers Vita erzählt von einem jungen Burschen, der jahrelang einen inneren Konflikt mit sich ausgetragen hat. Auf der einen Seite stand sein inniger Wunsch, als Freestyle-Pro durchzustarten, um den Überfliegern aus Japan, USA und Norwegen den Kampf anzusagen. Dem entgegen standen jedoch Selbstzweifel, über die der junge Flintsbacher heute sprechen kann wie andere über einen harmlosen Schnupfen. „Ich war früher immer der Älteste und der Schlechteste, so was prägt. Dann stehst du als 13-Jähriger da und denkst dir so: F…, aber ich will es doch so sehr!“ Während seiner Leidenszeit stellte er sich die Frage, „ob dieser Weg vielleicht gar nicht bestimmt ist für mich“. Der Punkt aufzugeben, war nah. Heute weiß der Slopestyle-Spezialist: Es hat sich gelohnt, weitere Entbehrungen auf sich zu nehmen und fast ein ganzes Jahr in der „Muckibude“ zu verbringen: „Im Nachhinein war es das zu 110 Prozent wert.“

Ich war früher immer der Älteste und der Schlechteste, so was prägt. Dann stehst du als 13-Jähriger da und denkst dir so: F…, aber ich will es doch so sehr!

Freestyle-Snowboader Leon Vockensperger, 21.

Seit Laax am 22. Januar sind alle Rückschläge vergessen. Vockenspergers Gefühl ist jetzt, wenn er am Start steht: „Ich kann das! Sind zwar schwierige Tricks dabei: dreifach über Kopf, Rotationen.“ Aber, sagt er, wenn er in sich hineinhorcht: „Mein Gefühl sagt mir, dass ich die Sprünge landen kann.“

Dieses Gefühl, dieses Vertrauen in das eigene Können habe er Schritt für Schritt wiedererlangt. Neben einer Doku über Michael Jordan habe ihm ein Psychologe dabei geholfen, „zu meinem alten Ich zurückzufinden“, wie es Leon ausdrückt: „Das soll sich jetzt nicht zu spirituell anhören, aber Snowboardfahren ist das eine, das andere ist diese Connection zwischen meinem Board, meinem Körper und meinem Geist.“ Anders ausgedrückt: Vockenspergers Hardware war schneller beim Comeback als die Software in seinem Kopf: „Das Gefühl der Sicherheit, das kommt nicht von heute auf morgen. Das baut man sich über ganz, ganz lange Zeit auf.“

Weil es so prägend war, hat der Oberbayer den Moment, an dem seine Karriere einen buchstäblichen Riss erhielt, präzise in Erinnerung: „13. Oktober 2018, ca. 14.20 Uhr.“ Auch seine Auferstehung in Laax hat sich als Datum eingebrannt. An diesem Mittwoch, dem 10. März 2021, ist der nächste Höhenflug möglich, konkrete Ziele für die WM in Aspen formuliert er aber nicht: „Ich habe gelernt, alles Step by step anzugehen und die Dinge nach und nach abzuhaken.“ Schafft er es ins Finale, wäre das ein weiterer Meilenstein, der nicht von ungefähr käme. Er sagt: „Ich bin von einem Megahoch in ein Megatief gefallen. Heute weiß ich für mich, dass das alles einen Sinn hatte.“

Auch interessant

Kommentare