Interview mit Olympia-Teilnehmerin Carolin Langenhorst

Amtsstube statt Snowboardpiste

Carolin Langenhorst fährt Snowboard
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Carolin hat den Dreh raus: Snowboarderin Langenhorst in Aktion.

Carolin Langenhorst war im Frühjahr 2018 eine der deutschen Snowboard-Starterinnen bei Olympia Pyeongchang - zwei Jahre später lag plötzlich die ganze Sportwelt auf Eis. Corona, Lockdown, Weltcup-Abbruch. Anstatt tatenlos zu Hause abzuwarten, packte die Slalomspezialistin aus Bischofswiesen an - und half im Gesundheitsamt von Bad Reichenhall. Für diesen ehrenamtlichen Einsatz an der Corona-Front wurde die 24-Jährige nun mit dem Bayerischen Sportpreis ausgezeichnet.

  • Sie wollte etwas für die Gesellschaft tun.
  • Am Telefon hatte sie während des ersten Lockdowns viele besorgte Menschen.
  • Bei der Ehrung in der BMW-Welt konnte sie wegen der häuslichen Quarantäne nicht persönlich anwesend sein

Bischofswiesen – Ob der Snowboard-Weltcup im Dezember starten kann, steht in den Sternen, doch Carolin Langenhorst, 24, hat schon vor den ersten geplanten Rennen einen Preis eingeheimst – den Bayerischen Sportpreis. Erhalten hat ihn die Slalomspezialistin aus Bischofswiesen, weil sie während des ersten Corona-Lockdowns im Gesundheitsamt von Bad Reichenhall aushalf – ehrenamtlich. Wir sprachen mit der jungen Sportlerin, die sich nach einem Covid-19-Fall im deutschen Racing-Team wie alle Mitglieder des Bundeskaders in Quarantäne befindet.

Worauf sind Sie am meisten stolz, Carolin: auf ihre Bronzemedaille bei der Junioren-WM 2016, auf den zweiten Platz beim Weltcup in Rogla 2017 – oder auf den Bayerischen Sportpreis 2020?

Schwer zu sagen, weil das so unterschiedliche Preise sind. Die Medaillen habe ich wegen meiner Leistungen im Snowboarden bekommen, den Sportpreis für mein Engagement im Gesundheitsamt. Es sind alles außergewöhnliche Auszeichnungen, die mir sehr viel bedeuten.

Aufstrebende Sportlerin, derzeit ausgebremst: Carolin Langenhorst.

Wie kam es denn dazu, dass Sie während der ersten Corona-Welle unentgeltlich beim Gesundheitsamt von Bad Reichenhall ausgeholfen haben?

Mein Vater ist der Amtsarzt dort und es war jede Menge zu tun. Das normale Personal war überfordert mit der Flut an Anfragen. Da hat er mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, bei der Fall- und Kontaktermittlung zu helfen.

Kann man das so einfach?

Natürlich bin ich erst mal eingearbeitet worden. Ich hab einen Tag lang einer Angestellten zugeschaut, wie sie das alles managt, wie sie am Telefon antwortet. Danach bin ich direkt eingestiegen und jeden Tag ins Amt gefahren. Mein Vater und mein Bruder waren auch dabei. Wir mussten jeden Tag Kontaktpersonen abtelefonieren und klären, ob eine Quarantäne nötig ist oder nicht.

Sie selbst hatten ja damals ungewohnt viel Zeit . . .

Genau, die Weltcupsaison wurde ja drei Rennen früher beendet, mehr als ein paar Home-Workouts waren nicht möglich, da war das eine gute Abwechslung. Anstatt zu Hause rumzusitzen hab ich was für den Kopf gemacht – und für die Gesellschaft.

Anstatt zu Hause rumzusitzen hab ich was für den Kopf gemacht – und für die Gesellschaft.

Carolin Langenhorst

Telefonberatung klingt nach einem Job, bei dem es auf Einfühlungsvermögen ankommt.

Ja, das ist auch so. Überraschenderweise gab es sehr viele positive Reaktionen. Das waren Leute, die eingesehen haben, dass sie jetzt zwei Wochen in Quarantäne müssen. Ich hatte aber auch Leute am Telefon, die sich aufgeregt haben. Oder ältere Leute, wo der Partner schon im Krankenhaus lag und das nicht so gut aussah. Mit ein bisschen Menschenkenntnis hört man das schon an der Stimme, mit solchen Menschen muss man natürlich etwas vorsichtiger umgehen.

Hatten Sie sich vorher schon mal im ehrenamtlichen oder karitativen Bereich engagiert?

Früher hab ich auf die behinderte Tochter einer Bekannten aufgepasst. Und ich war schon immer sehr sozial eingestellt, hab auch früher im Turnverein nebenbei was gemacht. Ich will ja auch später Richtung Lehramt gehen. Die Arbeit mit Menschen liegt mir, glaube ich, ganz gut.

Wie sehr hat sie denn Ihr Nebenjob im Gesundheitsamt zeitlich beansprucht?

Am Anfang war es richtig viel Arbeit, da sind schon mal zehn, elf Stunden pro Tag zusammengekommen – plus die Wochenenden. Mitte März ging’s los, kurz vor dem Lockdown, als die Leute noch sehr viele Kontaktpersonen hatten. Und es ging bis Anfang Mai, als ich dann einen Bundeswehr-Lehrgang hatte.

Damals, im März/April, dürften die Verunsicherung noch größer gewesen sein als jetzt.

Auf jeden Fall. Auch die Experten wussten ja damals nicht, was auf uns zukommt. Jeder dachte: Das geht jetzt zwei Monate, dann haben wir es im Griff. Dass sich das dann so immens ausweitet, hatte keiner gedacht.

Von Bischofswiesen ist es nicht weit nach Bad Reichenhall. Kam es auch mal vor, dass Sie Anrufer persönlich kannten?

Der Landkreis ist größer als man denkt, trotzdem waren ziemlich viele Leute dabei, die ich kannte. Auch auf den Listen kannte ich viele Namen, aber das muss man mit Schweigepflicht behandeln – wie die Ärzte das auch machen. Dafür wurde schon bei der Einführung gesorgt.

Gab es dramatische Fälle?

Zum Glück hat sich das halbwegs in Grenzen gehalten, toi, toi, toi. Insgesamt hatten wir acht Todesfälle.

Und was war Ihr kuriosester Anruf?

ich Einmal kam eine E-Mail, die aussah wie ein Gesucht-Steckbrief. Anlass war, dass sich ein Mann verdächtig verhalten und auffällig stark im Supermarkt geschwitzt habe. In dem Steckbrief stand drin, wie der Mann aussah und was er anhatte. Wir haben das aber nicht näher verfolgt – die Indizien haben nicht ganz ausgereicht (lacht).

Zurück zum Bayerischen Sportpreis. Wie läuft denn so eine Ehrung ab, wenn man wie Sie in häuslicher Quarantäne ist?

Das Ganze fand ja in München in der BMW-Welt statt – mit strengen Hygienemaßnahmen. Jeder Preisträger durfte nur eine Begleitperson mitnehmen. Ich selber konnte leider nicht persönlich dabei sein und hab nur eine Videobotschaft gesendet.

Wie geht es denn Ihrer Teamkollegin Selina Jörg, die positiv getestet wurde und Auslöser für die häusliche Quarantäne ist.

Ganz gut. Sie hatte die ersten Tage Halskratzen und Gliederschmerzen, jetzt geht es ihr aber viel besser.

Sportler haben einen natürlichen Bewegungsdrang. Wie muss man sich bei Ihnen eine häusliche Quarantäne vorstellen?

Ich bin die 14 Tage bei meinen Eltern im Haus. Zum Glück sind sie im Urlaub, da kann ich sie nicht anstecken, falls ich doch noch positiv getestet werde. Ein typischer Tag sieht gerade so aus bei mir: Frühstück, dann rauf aufs Spinning-Rad, Workouts mit dem eigenen Körpergewicht, Mittags dann Kochen, Lernen fürs Studium (Erziehungswissenschaften/Red.), bisschen Stretching – und was sonst noch im Haus zu tun ist. Winterreifen wollte ich die Tage wechseln – was man halt so machen kann.

Das Thema Corona hat ja erhebliches Spaltpotenzial. Die einen sorgen sich sehr, andere gar nicht, wieder andere leugnen es. Wo liegen Sie in der ganzen Debatte?

Mittendrin, denke ich. Man sollte sich nicht verrückt machen oder sich vor lauter Angst zu Hause einsperren. Andererseits sollte man das Virus aber auch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Corona kann ernste Folgen haben, nicht nur für Ältere. Forschungen zeigen, dass auch 30 bis 55-Jährige gravierende Folgen spüren können, wenn sie längst genesen sind.

Rechnen Sie damit, dass in diesem Winter Weltcups stattfinden können? Wenn ja: in welcher Form?

Es ist noch zu früh, um da was zu sagen. Zu Beginn der Vorbereitung war ich sehr positiv, habe alles gegeben und war fest überzeugt, dass wir starten können. Nach und nach kamen dann Zweifel auf. Weltcups nur in Europa dachte ich zwischendurch. Jetzt mit dem Ausbruch im Team schwindet meine Hoffnung immer mehr. Die Zahlen steigen ja in allen Ländern – ich weiß nicht, ob man da Rennen veranstalten kann und das Virus von allen fernhalten. Beim Ski-Weltcup hat’s gut funktioniert, aber es kann halt auch blöd laufen.

Und langfristig: Wann, denken Sie, ist ein normales Leben wieder möglich?

Irgendwann wird das hoffentlich wieder möglich sein. Für die Sommersportler würde ich mir sehr wünschen, dass Olympia im Sommer 2021 stattfinden kann.

Jetzt ist erst mal wieder Lockdown. Hat das Gesundheitsamt schon wieder bei Ihnen angeklopft?

Aus der Quarantäne ist das nicht so einfach. Mein Vater fragt aber jeden Tag, ob die Saison nicht endlich abgesagt wurde, damit ich wieder einsteigen kann (lächelt).

Interview: Uli Kellner

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