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„So schwer war es doch gar nicht“: Straßer über seinen Weg zum alpinen Spitzenfahrer

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Skifahrer Linus Straßer.
Trumpft zurzeit auf: Linus Straßer. © Foto: DPA

Linus Straßer, 28, ist der Mann der Stunde im deutschen Alpin-Team. Seinem ersten Slalomsieg in Zagreb ließ er nun vier Tage später Platz zwei in Adelboden folgen. Nun spricht der Münchner, der für den TSV 1860 startet, über den langen Weg zu sich selbst.

Linus Straßer, oft ist es schwerer, einen Erfolg zu wiederholen. Ist deshalb der zweite Platz von Adelboden fast noch höher einzuschätzen als der Sieg von Zagreb?

Adelboden war eher ein Arbeitserfolg, mehr Kampf als Genuss. Denn es war von den Verhältnissen extrem anders als in Zagreb. Es war nicht ganz einfach, sich darauf einzustellen. Im zweiten Lauf ist mir das besser gelungen als im ersten.

Geht man anders in ein Rennen, wenn man das davor gewonnen hat?

Natürlich geht man anders rein. So ein Sieg macht natürlich auch etwas mit einem. Es ist entscheidend, wie man damit umgeht. Aber ich habe in den Tagen zwischen Zagreb und Adelboden gemerkt, dass es mir sehr gut damit geht, dass ich keine allzu hohen Erwartungen spüre.

Das ist verrückt, aber wenn es funktioniert, fühlt es sich oft sehr einfach an.

Linus Straßer.

Jeder Sportler träumt davon, einmal ganz oben zu stehen. Fühlte sich der Sieg in Zagreb so an, wie Sie sich das immer vorgestellt haben?

Ich habe in letzter Zeit schon gemerkt, dass nicht mehr viel fehlt. Nicht auf einen Sieg, sondern aufs Podium. Das war auch absolut ein Ziel von mir, das in den nächsten Rennen umzusetzen. Dann ist es aber trotzdem noch so eine Riesenaufgabe, die vor einem steht, von der man weiß, man kann sie schaffen, aber es ist schon schwierig. Dann passiert’s, und natürlich war das sehr emotional, aber dann steht man da und denkt, so schwer war es jetzt doch gar nicht. Das ist verrückt, aber wenn es funktioniert, fühlt es sich oft sehr einfach an.

Wie haben die Kollegen und Konkurrenten reagiert? Spüren Sie jetzt mehr Wertschätzung?

Natürlich haben mir viele gratuliert, aber im Endeffekt hat sich nichts verändert. Ich bin immer noch der Linus, der gleiche Typ wie vor dem Sieg.

Diese Saison begann nicht gerade optimal. Sie mussten in der Vorbereitung mehr als drei Wochen pausieren. Da geht man vermutlich mit nicht so großen Erwartungen in die ersten Rennen.

Ich bin 28 und habe schon ein paar Slalomtore hinter mir. In Alta Badia habe ich gemerkt, da fehlt noch ein bisschen die Sicherheit, aber wie ich dann an das Rennen herangegangen bin, das war richtig gut. Das Ergebnis, Platz 18, war für mich zweitrangig. Ich wusste, es passt, und ich konnte deshalb schon ganz anders in das Rennen in Madonna di Campiglio reingehen. Und Zagreb war natürlich die Krönung.

Sie haben ein paar schwierige Jahre hinter sich. Was haben Sie verändert?

Das war ein Prozess, der schon in der letzten Saison anfing. Die war ja für mich sehr gut, denn da begann ich mit der Startnummer 51 und am Ende des Winters war ich Elfter der Weltrangliste.

War der Sieg also nur ein Meilenstein auf dem Weg, aber nicht das Ziel?

Absolut, das war ein weiteres Ziel in dem Prozess. Der Prozess geht noch weiter. Es liegen noch einige Aufgaben vor mir.

Welche?

Natürlich macht so ein Sieg nicht nur mit einem selbst etwas, sondern auch mit der Sichtweise auf den Sport, auf die Leistung. Aber es gehört eben zu dem Prozess, dass ich mittlerweile einen anderen Blick auf das Sportliche habe, dass ich besser relativieren kann.

Bedeutet das, dass Sie Skifahren nicht mehr so wichtig nehmen?

In dem Lebensabschnitt, in dem ich jetzt bin, ist der Sport, das Skifahren mein Leben. Ich beziehe diesen anderen Blickwinkel eher darauf, wie man mit Druck, mit Erwartungen umgeht. Um diese Dinge zu erkennen und davon überzeugt zu sein, sie zu ändern, muss man auch reifen. Es bringt wenig, wenn Leute einem vorsagen, was man zu tun hat oder wie es gehen sollte. Du musst deinen eigenen Weg finden.

Dazu gehört auch, dass Sie an Ihrem Fahrstil gearbeitet haben. Wie lange hat es gedauert, bis Sie diese stabile Position über dem Ski automatisiert haben?

Das ist vor allem mit Bernd Brunner gekommen, der seit 2018 unser Techniktrainer ist. Er ist jemand, der sehr auf eigenen Antrieb setzt. Er gibt dir nicht vor, was du machen sollst, sondern lenkt dich in die Richtung, damit du von alleine draufkommst. Er hat gesagt: ,Wenn du erfolgreich sein willst, müssen wir etwas verändern.’ Das waren kleine Dinge, aber sehr wichtige. Es hatte sich bei mir über die Jahre ein Stil eingeschlichen, mit dem es schwierig war, konstant schnell zu sein. Jetzt bin ich wesentlich stabiler und auch konstanter, aber trotzdem ist der Speed mindestens genauso hoch. Aber ich merke nach wie vor, dass der Stil noch nicht ganz ausgereift ist.

Früher war Ihr Vorbild Felix Neureuther, auch skitechnisch…

Ich habe natürlich oft mit ihm trainiert, daher kam das vielleicht. Auf Felix werde ich oft angesprochen und dass ich auf seine Spuren wandle. Aber ehrlich: Der Felix ist der Felix, und der Linus ist der Linus. Ich gehe meinen eigenen Weg, und das ist für mich das Wichtigste.

Was war der Knackpunkt, der Moment, an dem Sie erkannt haben, dass es so nicht weitergeht?

Vor drei Jahren war die Saison, in der ich im Training immer so schnell war. Aber jedes Mal bin ich zum Rennen angereist und hatte das Gefühl, jetzt kann es nur schlechter werden. Und so war es dann auch. Es kann sehr zermürbend sein, wenn du siehst, dass du im Training allen davonfährst und im Rennen geht es genau in die andere Richtung. Das hat mir null Spaß gemacht, und ich hatte keine Lust mehr, so weiterzumachen. Auch meinen Trainern und meinem ganzen Umfeld ging das nahe. Deshalb habe ich mir so eine Art Ultimatum gestellt.

Dachten Sie daran, die Karriere zu beenden?

Ich wusste, wo mein Problem lag, aber ich musste über meinen Schatten springen. Nach dieser schlechten Saison vor drei Jahren habe ich mir geschworen, wenn ich es nicht schaffe, das zu ändern, diesen Mut und diesen Willen nicht aufbringe, den Schweinehund nicht überwinden kann, dann lasse ich es sein. Ich hätte kein Problem damit gehabt, die Ski an den Nagel zu hängen. Mir ging es da gar nicht darum, zu gewinnen. Mir ging es um die Art und Weise, wie ich die Rennen angehe. Ich wollte einfach im Ziel stehen und mir sagen: ,Junge, du hast die Chance genutzt, weil du gut Skigefahren bist.’

Und nach der Saison kam Bernd Brunner als neuer Techniktrainer.

Da war ich sehr froh. Er und auch Christian Schwaiger, der damals Cheftrainer wurde, haben mir immer das Gefühl gegeben, dass sie an mich glauben. Wir hatten ein ganz klares Ziel vor Augen und einen Plan, wie es funktioniert. Und den ziehen wir seitdem knallhart durch. Es hat den Sieg in Zagreb auch so emotional gemacht, weil man daran denkt, wo man noch vor drei Jahren stand.

Abgesehen von der Skitechnik war das ja wohl auch Kopfsache. Haben Sie mit einem Mentalcoach gearbeitet?

Das ist sehr, sehr viel Kopfsache. Ich hatte mir da schon Hilfe geholt, aber es war nicht so, dass mir der Psychologe eine Zauberformel gab, sondern es ging darum, viel über die Situation zu reden und viel zu reflektieren. Denkanstöße halfen mir am besten, denn du musst ja selbst auf die Dinge kommen. Nur wenn du überzeugt bist, funktioniert es auch.

Der Weg bisher hat sich sportlich gelohnt. Hat er Sie auch persönlich weitergebracht?

Ich sehe den Sport als ganz wichtiges Mittel, mich auch persönlich zu entwickeln. Genauso umgekehrt, meine persönliche Entwicklung wirkt sich auch auf meinen Sport aus. Das ist eine Win-win-Situation. Den ganzen Weg, den ich bisher gegangen bin, diese Erfahrung, möchte ich nicht missen. Weil das genau den Menschen aus mir gemacht hat, der ich heute bin. Es haben nicht so viele Leute die Chance, diese Erfahrung zu machen. Und dann ist so ein Sieg wie der in Zagreb im Endeffekt einfach eine weitere Erfahrung für mich. So ein Sieg, der zuvor so groß, so weit weg war, wird auf einmal ganz nahbar, wird greifbar. Und dann ist er da.

Interview: Elisabeth Schlammerl

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