Interview über Extreme am Hang

Pisten-Vize: An der Streif "ist alles ausgereizt"

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Dominik Paris an der Hausbergkante, das Ziel vor Augen.

Kitzbühel - Zum 75. Geburtstag der Streif in Kitzbühel hat die tz den Pisten-Vize Axel Naglich zum Interview getroffen. Er spricht darin über die Extreme, seine erste Streif-Abfahrt und die Rutschkommando-Spezialeinheit.

Die Streif, das ist Skifahren im Extrembereich. Das Rennen der Superlative. Mit Extrembereichen kennt sich auch Axel Naglich aus – als Freeskier und Expeditionsfilmer (Mount St. Elias) und als Protagonist in dem Film "Streif – one hell of a ride". Zudem ist der geborene Kitzbüheler stellvertretender Rennleiter an der Streif. Das tz-Interview:

Herr Naglich, Sie können von Ihrer Terrasse den Zielhang sehen.

Stellvertretender Rennleiter Axel Naglich (45)

Naglich: So einen Zielhang hast’ nirgendwo auf der Welt, die letzten 30 Sekunden siehst du alles, wenn du im Ziel im Pulk stehst. Aber dafür können wir nichts, das ist naturgegeben. Die Streif hat eine geile Dramaturgie, da geht’s oben nicht 50 Sekunden dahin, sondern – wumm – gleich voll los. Wenn die Piste scharf und knusprig beinand ist, geht nichts mit 90 Prozent, dann musst’ laufen lassen und dann ist es eine Gratwanderung.

Hermann Maier hat mal gesagt: „Das soll die schwerste Abfahrt sein? Da geht es zweimal bergauf.“

Naglich: Einmal geht’s bergauf, vorm Hausberg, zwei, drei Prozent. Hermann hat hier nicht wirklich Geschichte geschrieben bis auf sein Comeback. Hätte er öfter gewonnen, hätte er sich den Spruch gespart. Aber der Hermann hat eine laute Goschn’. Ich bin ein Fan von ihm.

Blicken Sie für uns weiter zurück. 1975 waren Sie sieben Jahre alt, die Streif als Kind…

Naglich: Das war das Höchste, ich bin schon Anfang Januar ganz zapplig geworden. Für mich waren die Fahrer die Allergrößten, bis ich verstanden habe, dass sich das Leben nicht nur ums Skifahren dreht. Ich war ein großer Fan von Werner Grissmann, der hat mit mir sechsjährigem Stöpsel geredet und Scherze gemacht, ein geiler Typ. Ich habe ihm den Ausgang versperrt und gesagt, ich will ein Autogramm, sonst lasse ich ihn nicht durch. Er hat mich einfach auf die Seite gestellt – aber auch ein Autogramm gegeben.

Naglich über die Streif: "Körperlich ist alles ausgereizt"

Das Material, die Sicherheitsvorkehrungen, eine andere Welt, oder?

So sieht der Fahrer die Traverse vorm Zielschuss.

Naglich: Mit dem Glump, mit dem sie früher runtergerast sind, das war eine Leistung, heute hat sich alles weiterentwickelt. Letztendlich ist der Mensch aber nicht dafür gemacht, mit 130 km/h die Berge runterzubrettern. Es ist eine Gratwanderung, körperlich ist alles ausgereizt, das ist auch ein Thema unseres Films. Tennis- oder Golfprofis beispielsweise, die riskieren nicht ihr Leben. Abfahrtssport ist gefährlich.

Dennoch wollten auch Sie runterfahren.

Naglich: Mein bester Freund war im Skiclub, ich selbst bin keine Rennen gefahren, das war mir wurscht, Slalomstangen haben mich nie gereizt. Aber als er mit 16 Vorläufer war, wollte ich das auch. Die Organisatoren haben gesagt, ich muss erst ein paar Rennen fahren. Also habe ich an Bauernrennen teilgenommen, die gibt’s heute gar nicht mehr, weil sie aus Haftungsgründen zu gefährlich waren.

Haben Jungs in Kitzbühel generell das Bedürfnis, diese Abfahrt einmal im Leben zu meistern?

Naglich: Unser Standardprogramm am Sonntagmorgen war: Mausfalle-Hüpfen. Im Volksschulalter haben wir probiert, den Steilhang zu fahren – die Bäume kann ich Ihnen zeigen. Als Achtjähriger kommt man eben nicht weit, sobald die Buckeln beginnen.

Erste Streif-Abfahrt nach dem Motto "Denn sie wissen nicht, was sie tun"

Wie war Ihre erste offizielle Fahrt?

Naglich: Denn sie wissen nicht, was sie tun – in der Kategorie habe ich mich bewegt. Ich hatte einen Mopedhelm auf. Außerdem hatte ich davor noch nie einen Rennanzug an, damit war ich 20 Prozent schneller. Die Landschaft ist nur so an mir vorbeigerauscht. Im Ziel habe ich mir gedacht: „Keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin.“

Heute sind Sie Vize-Rennleiter, ab dem nächsten Jahr Rennleiter. Worin liegt Ihre Aufgabe?

Naglich: Ich bin für den Sport zuständig, nicht für VIP-Zelte, Shuttle, Einladungen oder die Tribüne. Meine Hauptthemen sind Piste und Sicherheit.

Erzählen Sie!

Naglich: 2007 sah es düster aus. Zwei Wochen vor dem Weltcup lag an vielen Stellen kein Schnee. Dann ging die Rechnerei los. Der Kubikmeter Schnee kostet circa 40 Euro, 2500 haben wir in etwa gebraucht. Der Vergleich Kosten und Nutzen geht da noch auf, trotz eines 200.000-Euro-Investments. Eineinhalb Tage später sind die Hubschrauber geflogen und haben Schnee geholt.

Streif präparieren? "Wir haben eine Rutschkommando-Spezialeinheit gegründet"

Das Rennen wurde trotzdem abgesagt…

Naglich: Unser Plan wäre aufgegangen, aber dann kam der Föhn. Es hatte in 30 Stunden 25 cm fertige Piste weggeschmolzen.

Sicher gibt es auch oft zu viel Schnee.

Naglich: Vor zehn Jahren haben wir eine Rutschkommando-Spezialeinheit von rund 150 bis 200 Mitgliedern gegründet. Dazu gehören die zwei großen Skischulen, viele Freunde und alle Leute, die sich auf Ski halten können und mir über den Weg laufen. Die Verständigung läuft per SMS, bis zu 50 Zentimeter bringen wir weg. Es gab zuletzt nur ein Jahr, in dem wir sie nicht mobilisiert haben.

Gibt’s prominente Mitrutscher?

Naglich: Der Ex-Radprofi Jörg Jaksche, Dahron Rahlves, Michi Veith, Frank Wörndl war, glaube ich, auch mal dabei. Es sind aber auch Leute dabei, die in den Steilpassagen immer auf dem Hosenboden liegen. Einmal sind wir direkt aus der Weißwurschtparty auf den Berg. Autofahren wäre nicht mehr gegangen, rutschen geht immer.

Interview: Mathias Müller

Streif hat wieder Zielsprung

Morgens um 7 Uhr geht’s los, bis tief in die Nacht hinein wird gearbeitet. Seit Wochen. Freiwillige, Mitglieder des örtlichen Skiclubs und Soldaten des Bundesheeres sind dabei´, der Piste den letzten Schliff zu verpassen. Böse Zungen behaupten, Österreich sei dieser Tage nicht verteidigungsbereit, da sämtliche Soldaten in den Kitzbühler Bergen schuften… Das Resultat dieser Arbeit: Blankeis.

Nach dem ersten Training kritisierten aber mehrere Abfahrer, darunter die Trainingsschnellsten Kjetil Jansrud und Hannes Reichelt, die Bedingungen speziell in der Mausefalle. Reichelt: „Die Mausefalle ist grenzwertig, eigentlich schon richtig gefährlich.“ Die FIS reagierte umgehend und entschärfte die Schlüsselstelle. Das Mittwochstraining wurde abgesagt, um den Fahrern eine Pause zu gönnen. Heute steht ein weiteres Training an (ab 11.30 Uhr, Eurosport 2) – und dann werden Reichelt & Co. erstmals seit 2009 wieder einen echten Zielsprung bewältigen. 2009 war Daniel Albrecht hier schwer gestürzt, danach wurde die Stelle entschärft.

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