Nach dem Tournee-Debakel

Hannawald über DSV-Kritik: "Sarkastisch, überzogen"

+
Sven Hannawald, Vierschanzentournee-Sieger 2002

München - Halbzeit bei der Vierschanzentournee. Erst am Sonntag steigt in Innsbruck das dritte Springen (13.45 Uhr). Die tz bat Ex-Sieger Sven Hannawald um ein Zwischenfazit.

Halbzeit bei der Vierschanzentournee. Am Freitag konnten die DSV-Adler ihre Wunden lecken, am Sonntag müssen sie in Innsbruck zum dritten Springen (13.45 Uhr, ARD und Eurosport) antreten. Auf den führenden Österreicher Stefan Kraft (561,9 Punkte) haben Severin Freund (515,2) und Richard Freitag (513,2) großen Rückstand. Die tz bat Ex-Sieger Sven Hannawald um ein Zwischenfazit.

Herr Hannawald, viele hatten eine andere Situation erwartet.

Sven Hannawald: Da schließe ich mich mit ein. Ich dachte, dass die Jungs durch den Mannschafts-Olympiasieg und Severins Einzelmedaille den Druck losgeworden sind. Anscheinend ist das nicht der Fall. Bei Höhepunkten können sie ihr System nicht abrufen.

Werner Schuster hat gesagt, es reicht im Moment nur für „Springen bei den Rentieren in Kuusamo“.

Sven Hannawald: Das ist natürlich etwas sarkastisch und überzogen, die Olympischen Spiele sind nicht gerade Rentierspringen. Aber die Tournee ist etwas Besonderes, man muss vier Springen konstant gut sein und es geht um die Rivalität zwischen Deutschland und Österreich. Gerade für die Athleten der beiden Nationen ist die mentale Belastung sehr groß.

Die Österreicher präsentieren sich im Gegensatz zu den Deutschen immer sehr fan- und vor allem mediennah. Und gewinnen damit auch noch meist.

Sven Hannawald: Sie haben eine andere Mentalität, nach außen sind sie locker. Aber glauben Sie mir, wenn es nicht läuft, kochen die innerlich genauso. Außerdem, man stelle sich vor, ein deutscher Springer würde vor der Kamera den Kasperl machen und anschließend schlecht springen. Da wäre einiges los.

Wie haben Sie das früher gehandhabt?

Sven Hannawald: Ich habe vor dem ersten Sprung auch keine Interviews gegeben. Ich habe im Vorfeld auch nie über mögliche Siege gesprochen, dadurch baut man sich eine unnötig hohe Hürde auf. Es mag Typen geben, die das brauchen, Freund & Co. gehören nicht dazu. Die machen ihre besten Sprünge, wenn vorher schon alles in die Hose gegangen ist.

Felix Neureuther hat empfohlen, möglichst positiv an die Sache heranzugehen.

Sven Hannawald: Das schon, aber Neureuther spricht vor Olympia oder einer WM auch nicht davon, Gold zu gewinnen, obwohl er weiß, dass es theoretisch möglich ist. Auch Michael Schumacher hat nie gesagt, dass er dieses oder jenes Rennen gewinnen will. Das sind Kleinigkeiten, aber die können entscheiden.

Kämpfen die heutigen Springer noch mit dem Erbe eines Sven Hannawald und eines Martin Schmitt? Durch Olympiagold sollten sie sich davon doch befreit haben?

Sven Hannawald: Klar sind sie gut, aber bei der Tournee müssen sie das noch beweisen. Auch wir mussten erst aus dem Schatten von Jens Weißflog herausspringen.

Wie haben Sie das geschafft?

Sven Hannawald: Wir haben unser Ding gemacht und sind einfach gesprungen. Wir haben keine Prognosen abgegeben, auch wenn das für die Medien langweilig war.

Was trauen Sie den DSV-Adlern jetzt noch zu?

Sven Hannawald: Ihr Ehrgeiz ist ungebrochen groß, sie wollen sich beweisen. Einen Platz auf dem Podium in Innsbruck oder Bischofshofen halte ich nach wie vor für realistisch.

Und der Sieg geht wie immer an einen Österreicher?

Sven Hannawald: Glaube ich nicht. Gut, zu Hause springen sie erfahrungsgemäß sehr gut, aber man sollte auf den Slowenen Peter Prevc aufpassen. Über ihn spricht fast niemand, aber der ist immer bei der Musik. Und speziell Bischofshofen wird ihm liegen, das ist eine Schanze für Flieger, nicht für Springer. Auch Anders Jacobsen könnte noch eingreifen, wenn er so weitermacht.

Eins steht definitiv fest: Ihr Rekord bleibt auch 2015 bestehen.

Sven Hannawald: Genau, jetzt habe ich wieder 365 Tage Ruhe. Und in einem Jahr heißt’s wieder: jährlich grüßt das Murmeltier.

Interview: Mathias Müller

Auch interessant

Meistgelesen

Nach Final-Krimi: Schweden ist Eishockey-Weltmeister
Nach Final-Krimi: Schweden ist Eishockey-Weltmeister
Sturm nach WM-Viertelfinaleinzug: „Deswegen spielt man Eishockey“
Sturm nach WM-Viertelfinaleinzug: „Deswegen spielt man Eishockey“
Draisaitl und Co. nach Zittersieg im WM-Viertelfinale
Draisaitl und Co. nach Zittersieg im WM-Viertelfinale
Zu harmlos: DEB-Team verpasst Sensation gegen Kanada
Zu harmlos: DEB-Team verpasst Sensation gegen Kanada

Kommentare