Ex-Skispringer über Rücktritt und die Deutschen

Morgenstern: "Hab mich fürs Leben entschieden"

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Er fliegt nicht mehr: Thomas Morgenstern ist jetzt Privatmann.

München - Thomas Morgenstern spricht im tz-Interview über sein verrücktes Jahr, seine Zukunft und den Saisonstart der Skispringer, den er erstmals als Ex-Athlet verfolgt.

Der 10. Januar 2014, die Skiflugschanze am Kulm. Thomas Morgenstern schlittert nach einem üblen Sturz bewusstlos über den Auslaufhang. Schweres Schädelhirntrauma. Intensivstation. Acht Monate vorher trennte er sich von seiner Langzeitfreundin Kristina, mit der er gerade erst Töchterchen Lilly bekommen hatte. Acht Monate später posiert der dreimalige Olympiasieger vor der sommerlichen Monster-Anlage in Bad Mitterndorf. „Ein Wiedersehen mit Gänsehaut.“ Dazwischen: Silber bei Olympia in Sotschi. Am 26. September dann sein Rücktritt. Im tz-Interview spricht der 28-Jährige über sein verrücktes Jahr, seine Zukunft und den Saisonstart der Springer.

Thomas, im Frühjahr 2014 haben Sie gesagt, dass sich die Frage, wie es mit Ihrer Karriere weitergeht, „hoffentlich in Luft auflösen“ wird. Hat sie das?

Thomas Morgenstern: Nach Sotschi hatte ich ständig das Ziel, meiner Karriere noch eine Chance zu geben. Aber mir war klar: Wenn es keinen Sinn mehr hat, höre ich auf. Ich konnte leider nicht mehr so springen, wie ich wollte. Hinterherspringen wollte ich nicht, das ist nicht mein Charakter.

Auf Facebook haben Sie ein Bild gepostet, dass Sie am Kulm zeigt. Haben Sie damals Ihren Rücktritt beschlossen?

Thomas Morgenstern: Nein, der Entschluss ist in den zwei Wochen danach gereift und hing nicht nur mit dem Kulm zusammen. Ich hatte dort auch schöne Momente. 2006 habe ich meine erste Einzelmedaille gewonnen, eigentlich gehörte der Kulm zu meinen Lieblingsschanzen. Aber Skispringen, das ging einfach nicht mehr, für mich persönlich war der Rücktritt aber eine positive Entscheidung.

Die Entscheidung haben Sie am 26. September um Punkt 12 Uhr verkündet.

Thomas Morgenstern: Ich habe die Situation noch genau im Kopf, genauso wie jedes Gespräch mit meinen Eltern und meinen Vertrauten. Man tritt nicht oft zurück, im Normalfall nur einmal. Für mich war das vergleichbar mit meinen Erfolgen als Springer.

Ein Erfolg?

Thomas Morgenstern: Es war sehr prägend, vielleicht nicht ganz so emotional, aber trotzdem ein schöner Moment. Es gibt auch abseits des Sports viel Schönes, dem ich mich jetzt widmen kann. Ich habe mich für das Leben entschieden und dafür Privatmensch zu sein. Und ich will meiner Tochter Lilly der beste Papa sein. Konkrete Jobpläne gibt es aber noch keine zu verkünden, ich hatte nie einen Plan B und wollte auch in den Monaten nach Sotschi nichts anderes zulassen.

Werden Sie den Weltcupauftakt verfolgen?

Thomas Morgenstern: Nicht vor Ort, aber vielleicht im Fernsehen. Aber ich werde bestimmt auch zu dem ein oder anderen Springen fahren. Bei der Vierschanzentournee bin ich auf alle Fälle dabei, nur in Garmisch-Partenkirchen nicht, Silvester werde ich in diesem Jahr aus Prinzip mit der Familie feiern.

Was trauen Sie den Deutschen dieses Jahr zu?

Thomas Morgenstern: Mal abwarten, wie sie in den Weltcup kommen, aber vom Potenzial können Severin Freund, Andreas Wellinger und Richard Freitag um den Sieg springen. Die Favoriten sind ja sowieso immer die gleichen, sicher ist, am 6. Januar werden wir einen Tourneesieger haben.

Es kann Überraschungen geben, das haben Sie mit Thomas Diethart letztes Jahr selbst erlebt.

Thomas Morgenstern: Ich bin eine ex­trem starke Tournee gesprungen und war in Topform. In Oberstdorf bin ich mit Schiene gesprungen (Morgenstern war kurz zuvor in Titisee-Neustadt gestürzt, Anm. d. Red.), deshalb war ich sehr stolz auf meinen zweiten Platz, in Innsbruck war der Wind leider nicht auf meiner Seite. Aber Thomas ist auch toll gesprungen.

Ihre gesamte Saison war ein großes Auf und Ab, oder?

Thomas Morgenstern: Es war ein Wechselbad: Entweder lief es sehr gut oder sehr schlecht.

Wie bewerten Sie Ihren Auftritt in Sotschi mit Teamsilber?

Thomas Morgenstern: Das war nicht einfach, aber es macht mich sehr stolz, weil ich nach meine beiden Stürzen einen irrsinnigen Willen bewiesen und meinen Körper noch besser kennengelernt habe. Ich würde es im Nachhinein wieder genauso machen, für mich habe ich in Sotschi einen Sieg errungen.

Sie haben also selbst entschieden ob Sie starten oder nicht?

Thomas Morgenstern: Alles ist von mir ausgegangen, viele Leute aus dem Umfeld haben mich für verrückt gehalten und sich gefragt, wer die Verantwortung übernehmen soll. Ich musste viel Überzeugungsarbeit leisten, aber ich habe alle körperlichen und psychischen Tests im Vorfeld bestanden. Außerdem bin ich ein Optimist, ich habe mir das selbst zugetraut.

Wie war die Stimmung im Team? Schließlich waren die Medaillenträume Ihrer Teamkollegen im Mannschaftsspringen auch von Ihnen abhängig.

Thomas Morgenstern: Es gab keine Gespräche deshalb, ich hatte volle Rückendeckung. Die Jungs wussten, wenn ich es mache, dann bin ich auch kein Wackelkandidat. So war es dann auch. Mein letzter Sprung war richtig cool, mit dem habe ich letztendlich ja auch meine Karriere beendet.

In den Interviews danach wirkten Sie angeschlagen.

Thomas Morgenstern: Es war ein geniales Gefühl. Aber es wäre schön gewesen, sich in diesem Moment einen Stuhl in den Auslauf zu setzen, auf die Schanze zu blicken und seine Gedanken kreisen zu lassen. Ich habe in diesem Moment sehr viel Dankbarkeit empfunden. Trotz des vielen Pechs hatte ich letztendlich doch Glück im Unglück.

Interview: Mathias Müller

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