Waghalsiger Selbstversuch

tz-Redakteurin testet die Streif von Kitzbühel

+
Der Zielhang der Streif

Kitzbühel - tz-Redakteurin Johanna Stöckl hat die legendäre Streif in Kitzbühel getestet. Schon der Blick aus dem Starthaus auf die gefährliche Piste ist furchterregend. Ihr Erfahrungsbericht:

Die Streif? Kein Problem, dachte ich. Im Race-Zustand präsentiert sich die legendäre Abfahrt allerdings auch für einen ambitionierten Skifahrer beinahe unbezwingbar. Eigentlich ist das Befahren der Piste nicht erwünscht, weil es der Strecke schadet und sehr gefährlich ist. Um mich zu überzeugen drückt man mir ein paar Rennski – jene von ZDF-Experten Marco Büchel – in die Hand, an deren Kante ich mir beim bloßen Drüberfahren den linken Zeigefinger aufschneide. Nach einer halben Stunde bekomme ich doch die Erlaubnis.

Der Blick aus dem Starthaus ist furchterregend. Der steile Startschuss ist extrem vereist. Hier kann ich unmöglich einen Bogen setzen. Eine Schussfahrt wäre tödlich. Die ersten Meter rutsche ich also seitwärts ab. Mit Skifahren hat das nichts zu tun. Hier bloß nicht fallen, sonst ende ich im Fangzaun. Erst nach der Mausefalle kann ich meine Ski wieder lenken. Wobei: Innerhalb der blauen Zone, also der Ideallinie, zu bleiben, fällt schwerer als ich dachte. Die Piste ist viel steiler als im Fernsehen und derart eisig, dass man sich kaum halten kann. Nach dem ersten Training höre ich Stimmen von Weltcupfahrern, die von einer eher weichen Piste sprechen. Die spinnen doch alle! Die Kurven sind derart eng und hängend, dass es mir mit circa 40 km/h schon schwer fällt, sie überhaupt zu kriegen. Wie man dies mit weit über 100 Sachen meistern kann, ist mir ein Rätsel. Von den Sprüngen (Mausefalle, Hausbergkante) ganz zu schweigen. Bereits im ersten Training fliegen die Männer an beiden Kanten an die 80 Meter! Was richtig Spaß macht: Die Speedpassage durch den Lärchenschuss. Allerdings nur, weil ich vorher ein paar kurze Bögen mache und das Tempo drastisch drossele.

An der Hausbergkante öffnet sich eine tolle Aussicht Richtung Zielgelände. Aber nur wer so langsam ist wie ich, kann diesen Blick genießen. Obwohl ich bis hierher mehr oder weniger aufrecht die Piste abgefahren bin, spüre ich bereits meine Oberschenkel. Nach der Kante geht es wieder derart steil nach unten, dass ich an einer besonders eisigen Stelle etliche Meter im Pflug fahren muss. Ich finde keinen Halt, eiere herum wie ein Anfänger. Ins Ziel schließlich rausche ich in extremer Hocke. Zum ersten Mal fühle ich mich gut und sicher. Weil’s vorbei ist.

Johanna Stöckl

Auch interessant

Meistgelesen

Rodeln: Der Favoritencheck für den Weltcup 2019/20
Rodeln: Der Favoritencheck für den Weltcup 2019/20
Vor der Weltcup-Saison: Stephan Leyhe im Interview - "Zeit, um mal allein ganz oben zu stehen"
Vor der Weltcup-Saison: Stephan Leyhe im Interview - "Zeit, um mal allein ganz oben zu stehen"
Ski alpin: Alle Infos zur Weltcup-Saison 2019/20
Ski alpin: Alle Infos zur Weltcup-Saison 2019/20
Ski alpin: Gesamtwertung der Herren
Ski alpin: Gesamtwertung der Herren

Kommentare