Schnee-Zukunft, Nachwuchs, Weltcup-Chancen

Der tz-Report zum ersten Wintersportwochenende

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In Sölden haben die Ski-Asse genug Schnee.

München - Der erste Schnee ist gefallen, an diesem Wochenende erwartet uns das erste große Winterwochenende, die Zukunft des Sports ist aber ungewiss.

Die globale Erwärmung verunsichert viele Winterverbände, einige FIS-Wettbewerbe, darunter der Slalom von Felix Neureuther & Co. in Levi (Finnland), mussten abgesagt werden. Was vor rund zwanzig Jahren keinen Anklang fand, ist heute Realität: Der Deutsche Skiverband (DSV), der Deutsche Skilehrerverband, Snowboard Germany und der deutsche Alpenverein engagieren sich zusammen im Projekt Dein Winter. Dein Sport. Kürzlich veranstaltete die Initiative ihren ersten Summit. Das Thema: Die Zukunft des Wintersports.

Quo vadis, Wintersport?

Wie sich das Wetter ändert, darüber gibt es viele Meinungen. Der Skitourismus-Forscher Günther Aigner behauptet in seiner Studie (2014), dass die Temperatur auf der Schmittenhöhe (1965 Meter) in Triol seit 1970 um 0,9 Grad gesunken ist. Dr. Andrea Fischer fand, im Auftrag des Verbands Deutscher Seilbahnen, 2014 heraus, dass Skifahren in Deutschland in den kommenden 30 Jahren locker möglich ist. Robert Steiger hält in seiner Beschneiungsstudie (2013) dagegen: Die Erwärmung reduziere die Verfügbarkeit von Naturschnee. Wird es im Durchschnitt um ein Grad wärmer, sind im Vergleich zu heute nur noch 74 Prozent der deutschen Skigebiete schneesicher, bei zwei Grad nur noch 39 Prozent, bei vier Grad nur noch die Zugspitze.

Letzte Rettung Gletscher?

Ralf-Dieter Roth, Professor vom Institut für Natursport und Ökologie an der Sporthochschule Köln und DSV-Berater, spricht in der tz Klartext: „Es wird wärmer, das ist klar. Aber, wie sich die Winterniederschläge entwickeln werden und wie sich das Wetter regional ändert, das weiß kein Mensch. Wir wollen vorhersagen, wie viel Sonnentage es 2027 gibt, aber wir wissen nicht einmal, wie das Wetter nächste Woche wird. Das passt nicht zusammen.“ Klingt problematisch für alle Weltcupveranstalter, denn genau darin liegt die Krux.

Der Skisprungauftakt in Klingenthal glückte nur dank Beschneiung, den Neujahresslalom in München sagte der DSV in diesem Jahr vorsorglich bereits im Oktober ab. Auch in Österreich und Italien fehlte zuletzt der Schnee für die Skifahrer, Skicrosser und Snowboarder. In Aspen und Lake Louise, den Ski-Austragungsorten an diesem Wochenende, fielen kürzlich eine Menge weiße Flocken. „Wir versuchen unseren Kalender daran auszurichten“, sagt FIS-Generalsekretärin Sarah Lewis der tz.

Vor zwanzig Jahren habe es im Oktober und November keine Rennen gegeben, sagt Franz Klammer, Abfahrtsolympiasieger 1976. Die Temperaturproblematik kennt er von früher. Klammer: „Die letzten beiden Jahre meiner Karriere sind wir bis Val d’Isere auf dem Gletscher gefahren, weil ein Tag wärmer war als der andere. Blankes Eis, nicht ein Tupferl Schnee, das war grauslig.“

Severin Freund.

Künstlichen Schnee gab es keinen und auch heute „können Beschneiungssysteme nicht alles ausgleichen“, sagt Roth und empfiehlt: „Man muss sich fragen, wie weit man in die Vorsaison gehen muss, nur weil die Industrie das möchte.“ Und man muss sich fragen, ob es bei der Beschneiung nicht noch Innovationsbedarf gibt. Die Maschinen werden von internationalen Firmen hergestellt und funktionieren am besten in Landschaften mit minus zehn Grad und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit, in Deutschland müsse man die Systeme aber auf die Frequenzstandorte zwischen 1300 und 1700 Meter ausrichten. Denn: „Es wird Standorte geben, wo man auch in 20 Jahren fahren kann, aber es wird auch welche geben, auf die das nicht zutrifft. Die schwächeren, ungeeigneteren Standorte werden weichen müssen.“

Die Chancen und Highlights

Alpin: Keine WM. Viktoria Rebensburg kämpft um den Riesenslalomweltcup, Felix Neureuther um den Slalomweltcup. Bei den Herren können auch Fritz Dopfer, Stefan Luitz und Linus Strasser für Top­platzierungen sorgen.

Skicross: Simon Stickl hat seine Karriere beendet, die größten Hoffnungen ruhen auf Daniel Bohnacker, Andreas Schauer, Heidi Zacher und Anna Wörner.

Freeski: Freestylerin Lisa Zimmermann kann Weltcups gewinnen. In der Halfpipe wird die Garmischerin Sabrina Cakmakli immer stärker. Bei den Herren startet Bene Mayr in der Freeride World Tour.

Biathlon: Laura Dahlmeier und Franziska Preuß können Weltcups und WM-Medaillen in Oslo gewinnen. Bei den Herren dominiert Simon Schempp, auch der Rest kann an einem guten Tag ganz vorne mitmischen.

Skispringen: Die neuen Stars sind Severin Freund, Richard Freitag und Andreas Wellinger. Olympiagold in Sotschi hat bewiesen, dass die Deutschen die Weltspitze mitbestimmen. Die interessanteste Frage: Gelingt endlich ein Erfolg bei der Vierschanzentournee?

Bob: Podestplätze und Siege sind drin, auch bei der WM in Innsbruck. Francesco Friedrich ist im Zweierbob am stärksten, der Bayer Johannes Locher könnte auftrumpfen. Bei den Damen ist Anja Schneiderheinze die größte Hoffnung.

Rodeln: Heim-WM am Königssee. Das Ziel ist Gold. Die Hoffnungsträger: Natalie Geisenberger, Felix Loch, die Doppelsitzer Tobias Wendl/Tobias Arlt und Toni Eggert/Sascha Benecken.

Skeleton: Bei den Damen ist Vizeweltmeisterin Jacqueline Lölling und Tina Hermann mehr zuzutrauen. WM ist in Innsbruck.

Snowboard: Die Race-Damen müssen ohne Amelie Kober (Kreuzbandriss) und Isabella Laböck (Sprunggelenk) auskommen. Selina Jörg und Anke Karstens fahren um vorderere Platzierungen. Im Snowboardcross ruhen die Hoffnungen auf Paul Berg und Konsti Schad. Im Freestyle kämpft Hansi Höpfl um den Anschluss an die Spitze.

Langlauf: Die Herren sind im Neuaufbau. Die Damen wollen in die Top Ten. Verantwortlich ist das neue Trainergespann Torstein Drivenes (Damen) und Janko Neuber (Herren).

Nordische Kombination: Johannes Rydzek, Eric Frenzel und Fabian Rießle wollen alle ein Wörtchen im Gesamtweltcup mitreden.

Eiskunstlauf: WM in Boston. Aljona Savchenko und ihr neuer Partner Bruno Massot sind das größte Aushängeschild.

Eisschnelllauf: Patrick Beckert und Nico Ihle können Podestplätze erreichen, ebenso Claudia Pechstein und Stephanie Beckert. WM ist im März in Berlin.

Shorttrack: Anna Seidel (17) ist ein Talent, für die Topplätze reicht es aber (noch) nicht. mm

Gesucht: Stars für die Zukunft

Die nächste Magdalena Neuner, der nächste Felix Neureuther, ein Rodelheld wie der Hackl Schorsch oder ein Überflieger wie Martin Schmitt. Die Arbeit dafür beginnt an der Basis. Die tz zeigt einige aktive und ehemalige Stars, die sich engagieren.

Felix Neureuther.

Felix Neureuther: Der 31-Jährige hat seit einigen Jahren ein Kids-Race-Camp etabliert. Zusammen mit dem DSV lädt er die erfolgreichsten Nachwuchs-Rennläufer im Alter von zehn bis zwölf Jahren zu einem Trainingswochenende ins Ötztal ein. „Ich möchte die Burschen und Mädels für den alpinen Skirennsport begeistern. Dafür investiere ich gerne Zeit und auch Geld“, so Neureuther.

Tobias Angerer: Der Langlauf-Gesamtweltcupsieger und Gewinner mehrerer Olympiamedaillen unterstützt ein Langlauf-Jugendteam in Ruhpolding. „Ich schaue dort einmal die Woche vorbei und war mit der Gruppe auch schon im Trainingslager“, so Angerer.

Nicola Thost: Die Snowboardolympiasiegerin von 1998 hat ihr eigenes Nachwuchsprojekt Sprungbrett gegründet. Zusammen mit anderen Coaches betreut sie junge Freestyler von 6 bis 15 Jahren und bietet eine Basis, um dem Traum vom Profi näherzukommen.

Anja Huber: Die Skeleton-Weltmeisterin hat mittlerweile die Seiten gewechselt und ist Nachwuchstrainerin. Zudem veranstaltete sie diesen Winter, für Kids im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, zwei Skeletonschnupperkurse.

Was die TV-Fans lieben

Am Samstag (8.40 bis 18 Uhr) beginnt das erste große TV-Wintersport-Wochenende im Fernsehen, insgesamt zeigen die Öffentlich-Rechtlichen in dieser Saison 320 Stunden live.

Wie viele Menschen schauen zu?Die Quoten sind in der vergangenen Saison noch einmal um rund 15 Prozent gestiegen. Durchschnittlich schauen 2,4 Millionen Menschen zu, das entspricht einem Marktanteil von mehr als 17 Prozent.

Welche Disziplin ist am erfolgreichsten?Biathlon ist seit vielen Jahren die liebste Wintersport-Disziplin der Deutschen. Die erfolgreichste Biathlon-Übertragung war in der abgelaufenen Saison ein Staffelrennen der Frauen mit 5,80 Millionen. „Biathlon war in den vergangenen Jahren bei den TV-Zuschauern die Nummer eins und wird auch in der kommenden Saison zahlreiche Zuschauer finden“, sagt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz.

Was schauen die Deutschen noch gerne?Hinter Biathlon folgen Skispringen und Ski alpin. Topwert 2014/15 war mit 6,03 Millionen das Neujahrsspringen der Vierschanzentournee.

Wer sind die Experten?Der neue Star unter den TV-Experten ist Magdalena Neuner, sie arbeitet für die ARD und wechselt sich mit Kati Wilhelm ab. Mit ARD-Mikrofon arbeiten auch Maria Höfl-Riesch (Ski alpin), Dieter Thoma (Skispringen) und Peter Schlickenrieder (Langlauf). Beim ZDF sind Sven Fischer (Biathlon), Marco Büchel (Ski Alpin) und Toni Innauer (Skispringen) unter Vertrag.

Was zeigt Eurosport? Der Privatsender zeigt alle Winter-Weltcups, außer Bob und Skeleton, und sendet insgesamt 228 Stunden live. Experten sind unter anderem die Ex-Weltmeister Martin Schmitt und Frank Wörndl.

Alle Neuner! Lena im TV…

Magdalena Neuner.

Auch Magdalena Neuner (Foto: dpa) freut sich auf den Winterstart, sie teilt sich mit Kati Wilhelm den Job als ARD-Expertin und berichtet live von drei Weltcups. „Die Vorabdrehs für die ARD waren wie früher, nur dass ich auf der anderen Seite stehe, daran muss ich mich auch erst gewöhnen“, sagte Neuner der tz. Der deutschen Mannschaft traut sie einen guten Start zu. „Der Druck auf die Mannschaft war vor und nach den Olympischen Spielen in Sotschi groß. Ich hatte Angst, dass die ein oder andere nicht wieder aufsteht. Aber sie haben gezeigt, was für ein tolles Team sie sind.“

Millionen fürs Marketing

Mit Audi (rund 15 Millionen), Viessmann (rund zehn Millionen) und BMW (rund fünf Millionen) engagieren sich drei „Big Player“ im Wintersport und unter anderem beim DSV. „Im Vergleich zu anderen Sportarten ist der Wintersport da sehr gut aufgestellt“, erklärt Philipp Klotz, Geschäftsführer des Verlags Sponsors, der tz.

Auch in der TV-Vermarktung sieht er relativ wenig Luft nach oben. Im Gegensatz zu den konkurrierenden Sommersportarten ist es, (auch) dank interner Absprachen, gelungen, in ARD und ZDF in stundenlangen Wochenendsequenzen präsent zu sein. Walter Vogel reicht das noch nicht, er hat die Primetime im Visier. „Wir wollen in die TV-Abendstunden und wir haben Programme, die dafür passen“, sagt der DSV-Marketingchef. Klotz bezweifelt: „Man muss realistisch bleiben, die Quoten (im Durchschnitt 2,4 Millionen, Anm. d. Red.) sind gut, aber die Primetime, das halte ich bis auf weniger Highlights für vermessen.“

Ziel aus Wintersportsicht muss es sein, den Status quo zu erhalten. Immer wichtiger wird dafür die Präsenz in den sozialen Medien, auf Kanälen wie Youtube, Facebook, Twitter & Co.. „Diese Möglichkeit haben noch nicht alle Verbände erkannt, es gibt keine Alternative. Man muss sein Glück selbst in die Hand nehmen“, so Klotz. Und man muss sich gut in Szene setzen, hier sieht der Sponsoring-Profi Optimierungsbedarf. „Die Menschen brauchen einfache Botschaften, RTL hat das damals mit Martin Schmitt und Sven Hannawald gut vorgemacht“, sagt Klotz und empfiehlt: „Das Duell zwischen Felix Neureuther und Fritz Dopfer beispielsweise, das könnte man noch mehr inszenieren.“

„Wir brauchen mehr Emotionen!“

Christian Neureuther.

Sieg und Niederlage liegen im Sport eng beieinander. Doch egal, ob Erfolg oder Misserfolg, die Fans können mit ihren Stars mitfiebern, mitleiden und mitfeiern. Geht es nach Christian Neureuther, muss man diesen Aspekt mehr fördern. „Wir brauchen mehr Emotionen. Das muss man in den Vordergrund rücken“, sagt Neureuther. Es geht ihm um die Bilder, die der Sport erzeugt, besser gesagt, erzeugen kann, wenn man sie richtig einfängt, produziert und präsentiert.

Sohnemann Felix brachte den Vorschlag, man möge die Skifahrer doch verkabeln, um ihre Freudenschreie und Flüche besser in Szene zu setzen. Auch Neureuther schwebt mehr Eventcharakter vor: „Im Vergleich zu einem Fußballspiel ist die Übertragung unserer Skirennen ärmlich.“

Außerdem wünscht sich der 66-Jährige mehr Engagement im Nachwuchsbereich. „Die Kinder müssen vom Sport begeistert werden und das geht am besten durch Vorbilder. Man muss die Stars und den Nachwuchs zusammenbringen.“ Scheinbar nahe an der Perfektion betreibt dieses Spiel der FC Bayern. Verantwortlich dafür ist unter anderem FCB-Marketingchef Andreas Jung, er gibt zu bedenken: „Es geht immer um einen Mix aus Emotionen und Sport, das trifft auf jede Sportart zu. Wichtig dabei ist, mindestens 51 Prozent muss der Sport ausmachen.“

Mathias Müller

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