Freund angriffslustig

Vierschanzentournee: Elf Meter zur Unsterblichkeit

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Severin Freund (l.) und sein ärgster Konkurrent und Tournee-Führender Peter Prevc.

Bischofshofen - Es sind elf Meter. Beim Skispringen eine große Weite. Erst recht, wenn der Gegner derzeit so konstant springt wie noch nie. Trotzdem hofft Severin Freund auf einen Tourneesieg.

Elf Meter trennen Severin Freund von seinem ersehnten Traum. 19,7 Punkte, umgerechnet rund elf Meter, liegt Freund in der Gesamtwertung der 64. Vierschanzentournee hinter Peter Prevc (23). Diesen Rückstand muss und will der Wahl-Münchner am Mittwoch (16.20 Uhr, ARD und Eurosport) aufholen, um der erste deutsche Tournee-Sieger seit Sven Hannawald vor 14 Jahren zu werden. Elf Meter fehlen ihm zur Unsterblichkeit. Und deswegen verspricht Freund: „Ich werde in Bischofshofen noch einmal angreifen.“

Nüchtern betrachtet ist Prevcs Vorsprung komfortabel, aber bereits ein Blick zurück auf das Abschlussspringen vor einem Jahr zeigt: Möglich ist alles. 2015 holte der Österreicher Michael Hayböck 20 Punkte auf seinen Landsmann Stefan Kraft auf und schnappte ihm fast noch den Gesamtsieg vor der Nase weg. Auch Sven Hannawald hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben: „Severins Chancen sind sicher geringer als noch in Garmisch, aber auch Peter Prevc kann mal patzen. Bischofshofen ist eine Fliegerschanze, die extrem streuen kann, elf Meter sind dort schnell verloren“, sagt der 41-Jährige der tz.

Thoma: "Man darf die Hoffnung nie aufgeben"

Auch Dieter Thoma, Tourneesieger 1990 und am Mittwoch Experte am ARD-Mikrofon, glaubt noch an ein spannendes Finale: „Man darf die Hoffnung nie aufgeben. Bischofshofen hat einen langen, flachen Anlauf, da kommt es sehr auf das Timing beim Absprung an. Peter Prevc kann dort theoretisch ruck, zuck 15 Meter verlieren“, sagt Thoma zur tz und ergänzt: „Ich bin mir sicher, dass Prevc jetzt mit anderen Gefühlen anreist. Er ist der Gejagte, und es ist das erste Mal in seiner Karriere, dass er einen großen Titel gewinnen könnte.“

2013 sprang der Slowene bei der WM in Val di Fiemme zu Silber auf der Großschanze und Bronze auf der Normalschanze, bei den Olympischen Spielen in Sotschi war es umgekehrt. Auch im Gesamtweltcup war er 2014 und 2015 „nur“ Zweiter. Jetzt könnte er sich zum ersten slowenischen Tourneesieger seit Primoz Peterka 1997 krönen. Dass auch der Überflieger wackeln kann, zeigte Prevcs verkorkster Probedurchgang in Innsbruck.

Freund: "Ist trotzdem eine sehr schöne Tournee"

Dennoch, für Freunds Unsterblichkeit benötigt es mehr als die leichte Erkältung, die Prevc zuletzt zu schaffen machte, denn der Schweiger aus Kranj springt derzeit im Wettkampf in einer eigenen Liga: In fünf der sechs Tournee-Durchgänge zeigte er den besten Sprung des Feldes, nur im zweiten Durchgang von Oberstdorf war Freund besser und gewann prompt. „Es braucht einen Fehler von Prevc oder äußere Umstände. Vielleicht können wir ihn ja kitzeln“, weiß auch Bundestrainer Werner Schuster.

Sollte Freund das kleine Wunder von Bischofshofen nicht gelingen, würde der Niederbayer der verpassten Chance nicht lange nachtrauern: „Wenn alle Pläne perfekt aufgegangen wären, würde ich jetzt führen. Aber es ist trotzdem eine sehr schöne Tournee für mich. Vor allem der Sieg in Oberstdorf wird mir lange in Erinnerung bleiben“, sagte er noch in Innsbruck. Lob für seine Vorstellung bekommt Freund auch von Thoma: „Severin springt auf wahnsinnig hohem Niveau, von Fehlern kann man bei ihm nicht sprechen. Er nimmt aus dieser Tournee sicher viel mit, er hat sich bewiesen, dass er gewinnen und auch in Garmisch und Innsbruck auf das Podest springen kann“, so der 46-Jährige. Und ein bisschen unsterblich ist Freund ja bereits durch seine WM- und Olympiatitel...

Freund: Der unauffällige Star

Ursprünglich kommt Severin Freund aus dem niederbayerischen Freyung. Mittlerweile wohnt er mit seiner Verlobten Caren im Münchner Stadtteil Neuhausen, „in einer bezahlbaren Wohnung“, wie Freund selbst sagt. Trotz seiner WM- und Olympia-Goldmedaillen und dem Gewinn des Gesamtweltcups in der vergangenen Saison ist Freund, der 2007 im Weltcup debütierte, kein Mann lauter und prätentiöser Worte. Die Sympathien der deutschen Skisprungfans sind ihm sicher, aber wenn er in München durch die Straßen schlendert, dann doch relativ unbemerkt.

Prevc: Der Popstar, der keiner sein will

Peter Prevc ist in Kranj im Oberkrain geboren, er debütierte 2009 im Weltcup. In Slowenien wählten sie ihn jüngst zum dritten Mal zum Sportler des Jahres. „Das macht mich stolz“, sagte Prevc, der in seiner Heimat ein Volksheld ist, obwohl er es nicht sein will. Der andere „PP“, Ex-Skisprung-Nationalheld Primoz Peterka, war stets Vorbild, aber auch Warnung: Peterka war ein Popstar, kam mit dem Ruhm nicht klar, hatte Alkoholprobleme, psychische Probleme. Die Slowenen, die Peterka mit Zuneigung erdrückten, haben gelernt: Prevc wird geschützt, er darf sich zurückziehen.

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