Langlauf-Bundestrainer Schlickenrieder im Interview

„Wir brauchen noch Zeit“

Schlickenrieder lächelt
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Der Stratege: Peter Schlickenrieder ist seit April 2018 Chefcoach der deutschen Langläufer.

Er war vor zwei Jahren angetreten, um die deutschen Langläufer bis zur Heim-WM in Oberstdorf (24. Februar bis 7. März) wieder zur alten Stärke zu führen. Kurz vor dem Start am kommenden Mittwoch ahnt Bundestrainer Peter Schlickenrieder: Die Titelkämpfe kommen für sein Projekt zu früh. Im Interview erklärt der Schlierseer seine neuen Ziele.

Im Sommer 2018 haben sie mit Ihren Athleten eine Radtour über den letzten WM-Standort Seefeld nach Oberstdorf gemacht um die Reise zur Heim-WM zu verdeutlichen. Wenn Sie im Bild bleiben – wo stehen Sie heute?

(lacht) Kurz vor Seefeld würde ich sagen. Es ist einfach so: Von außen sieht alles ganz klar aus. Du meinst: Das haben wir gleich, dann sind wir wieder Weltspitze. Aber so einfach ist es halt doch nicht.

Das klingt ernüchtert...

Naja, die Situation ist einfach schwieriger, als auch ich mir das gedacht habe. In Deutschland wird Langlauf landesweit betrieben. Da dauert alles automatisch ein bisschen länger. Du musst die Athleten mitnehmen, schauen, dass die Trainer im Boot sind. Und dann ist es einfach so, dass wir konditionelle und technische Probleme haben. Das lässt sich nicht mal eben so beseitigen. Das ist ein langer Weg. Wir haben eine Menge bewegt. Aber wir brauchen noch Zeit.

Aber die Heim-WM war nicht zuletzt auch für Sie selbst als Höhepunkt ihrer Arbeit vorgesehen.

Es war das, womit ich mich motiviert habe, ganz klar. Das hat natürlich auch mit der WM 2005 zu tun, die ich in Oberstdorf als junger Fernsehexperte erlebt habe. Das war sehr eindrucksvoll.

Die Neuauflage, auf die sie über Jahre hingearbeitet haben, wird damit nicht viel zu tun haben. Fühlt sich das surreal an?

Irgendwie schon, irgendwie auch nicht. Klar, es geht damit los, wenn du merkst, dass der Weg viel schwieriger ist als erwartet. Das ist wie bei einer Expedition. Du bist noch im Basecamp und hast aber keine Sherpas. Da weißt du: Das wird knapp. Aber ich glaube, dass von der WM trotzdem viel ausgehen kann. Das kann eine Initialzündung werden.

Die Hoffnungsträgerin: Katharina Hennig ist die Nummer eins im deutschen Team.

Ein Schub für die Sportart?

Ja, Oberstdorf ist ein geniales Umfeld. Es wird tolle Bilder geben, die Lust machen. Jugendliche sind heute so vielen Einflüssen ausgesetzt. Da reicht die Aussicht auf langfristigen Erfolg in einer mittelcoolen Sportart nicht mehr. Die musst du mitnehmen. Da hat Oberstdorf in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt. Und das wird auch jetzt so sein.

Haben Sie keine Angst, dass die Pandemie Nachwuchs kosten kann?

Ich glaube, dass du da ganz viel gegensteuern kannst. Wir haben zum Beispiel auf die Idee von Lukas Bögl im Sommer eine virtuelle Challenge aufgelegt, bei der man sich im Laufen mit unseren Athleten vergleichen konnte. Da haben 570 Leute mitgemacht. Im Herbst haben wir das dann noch mal aufgelegt und ein Nachwuchsprojekt daraus gemacht. Da haben sich 2500 Kinder in ganz Deutschland beteiligt. Da steckt eine enorme Energie drin. Aber man sieht die Entwicklung ja generell. Wenn man sich in einem Zentrum wie Oberstdorf umschaut, da wurlt es heute. Das war noch vor ein paar Jahren nicht so.

Wie schwierig war die Krise denn generell für Sie?

Ich würde sagen: Wir haben das Beste daraus gemacht. Da sind viele gute Dinge passiert. Das Team ist zusammengerückt, Es wurden Konzepte entwickelt, die uns helfen können Mit Blick auf Highlights wie Olympia-2026. Cortina ist für mich auch ein Heim-Wettkampf. Vielleicht wird das das Oberstdorf, das wir uns vorstellt hatten. Allerdings ist es auch so, dass der ein oder andere Kollege kurz vor dem Burnout steht oder den Burnout knapp vermieden hat. Wenn ich da zum Beispiel an die Kollegen bei der U23-WM denke. Da müssen kurzfristig Flüge umgeplant werden, Tests organisiert... viele Sachen, die man normalerweise nicht gemacht hat. Da wird man die Zeit nach Corona nutzen müssen, um die Leute wieder regenerieren zu lassen.

Im Weltcupteam kamen sie immerhin unbeschadet durch die Pandemie.

Ja, im Weltcupteam sind wir sehr gut aufgestellt. Wir haben gute Leute und wir haben selbstverantwortliche Athleten. Aber es ist natürlich auch ein enormer Aufwand getrieben worden. Eigene Autos im Trainingslager, dafür reißen die Betreuer einfach 3000 km ab. Aber das ist notwendig. Du musst besser sein als die Veranstalter.

Fühlten sie sich bislang nicht gut aufgehoben?

Unterschiedlich. Die FIS ist ja sehr föderal, da bist du sehr auf die einzelnen Veranstalter angewiesen. In der Schweiz ist das Hygienekonzept sehr gut, in Italien ok. In Skandinavien, in Schweden etwa gibt es kein Corona.

Und doch haben die skandinavischen Verbände genau die Schweiz und Italien ausgelassen. Das erste Highlight Tour de Ski...

Das war für mich nicht nachvollziehbar. Gerade aus dem Grund. Das war für mich eher eine taktische Spielerei.

Fürchten Sie Missbrauch?

Sagen wir mal so: Ich hoffe sehr, dass dort ähnlich streng kontrolliert wird wie bei uns. Wenn ich an Lukas Bögl denke, der in Val Müstair kontrolliert wurde und 2,5 Stunden länger dort bleiben musste. Dann ist er spät in Toblach angekommen und wurde dort am nächsten Tag auch wieder kontrolliert. Das war hart. Aber ich kann nur für unsere Mannschaft sprechen.

Mit Katharina Hennig haben sie zumindest eine Athletin, die sich auch im Kreis der Skandinavierinnen schon behauptet hat.

Sie ist ein Beispiel für eine Sportlerin, die in einem Parade-System ausgebildet wurde und dann, wahrscheinlich gegen manche Widerstände den Schritt ins Allgäu gewagt hat. Sie hat viel richtig gemacht und ich bin mir absolut sicher, dass wir sie irgendwann auf dem Podest sehen werden. Ob das schon in Oberstdorf möglich ist, ist eine andere Frage.

Worum geht es bei der WM?

Man muss ehrlich sein: Um Medaillen werden wir am ehesten mit den Teams mitkämpfen. Weil es da um mehr geht als um Einzelleistungen. Da können wir in den Top-4/5 dabei sein. Ansonsten werden Platzierungen in den ersten Zehn, Fünfzehn der Maßstab sein. Und persönliche Bestleistungen. Wenn die jeder erreicht, dann war das eine gute WM.

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