Freeski-Ass Lisa Zimmermann leidet an einer mysteriösen Krankheit

„Plötzlich begann mein Körper zu zucken“

Lisa Zimmermann
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Lisa Zimmermann leidet an einer mysteriösen Krankheit

WM-Gold, X-Games-Triumph und Weltcupsieg - Lisa Zimmermann war die Freeski-Sensation schlechthin. Dann begann ihr Körper zu streiken.

  • 2012 gelingt Zimmermann als erster Frau ein Doublecork 1260
  • 2018 erscheint sie auf dem Playboy-Cover
  • 2020 kann sie nicht länger als eine Stunde sitzen

So richtig Fahrt nimmt die Geschichte des Freeski-Talents Lisa Zimmermann im November 2012 auf. Die 16-Jährige schafft als erste Frau der Welt einen Doublecork 1260 - einen Sprung mit doppelter Überkopfdrehung und dreieinhalb Schrauben. Die Ski-Szene ist berauscht, der Deutsche Skiverband nimmt sie in den Kader auf. 2014 holte sie den ersten Weltcup-Sieg, darauf folgt WM-Gold (2015) und der Triumph bei den X-Games (2017). Nur kurze Zeit später, im Februar 2017, reißt sich Zimmermann das Kreuzband im rechten Knie und verpasst die Olympischen Spiele ein Jahr später in Südkorea und das dort erhoffte Gold. Was niemand ahnt: der Tiefpunkt kommt erst noch.

2018 ziert Zimmermann das Cover des Playboy

Während sich die deutschen Winterstars im Februar 2018 auf den Weg nach Pyeongchang machen, ziert Zimmermann das Cover des Männermagazins Playboy. Nach außen gibt sie so viel von ihrem Körper preis wie noch nie, wie es innen, in ihr drin aussieht, wissen nur wenige. Beim Sport schlagen ihren Arme plötzlich unkontrolliert los. Eines Nachts zucken ihre Beine, die Arme und der Brustkorb. „Das war völlig verrückt“, sagt Zimmermann, die ein Stück weit die Kontrolle über ihren Körper, der eigentlich ihr Kapital ist, zu verlieren scheint. „Danach bin ich sechs Wochen nur im Bett gelegen und habe die Decke angestarrt.“ Der Höhenflug der Akrobatin, die bei ihren Sprüngen mehr einem Vogel als einem Skifahrer gleicht, ist jäh gestoppt. Immerhin, ihr Zustand bessert sich.

50.000 Euro Reha-Kosten

Der Ursprung der Probleme ist vermutlich der Kopf. Oder die Halswirbelsäule. Oder ein Virus. So genau weiß das bis heute niemand. Dabei hat die 24-Jährige alles versucht, um es herauszufinden. Sie geht zu Ärzten, Physiotherapeuten, Osteopathen, Psychologen, Psychiatern, sogar zu Wunderheilern. Die gesamte Reha kostet rund 50 000 Euro. Meinungen gibt es viele, hilfreiche Lösungen nicht. Das Hoffen und Bangen über 20 Monate ist selbst für die Druck erprobte Wettkampfsportlerin schwer zu verdauen. „Das hat mich hin- und hergeworfen. Etwa vor einem Jahr habe ich aufgegeben, weil ich mich im Kreis gedreht habe“, erzählt Zimmermann, deren Sponsorenverträge Ende 2019 ausgelaufen sind. Alle Partner, allen voran Red Bull, Pistenbully und das Unternehmen IPP, hätten sie lange und fair unterstützt, sagt die gebürtige Nürnbergerin.

Lisa Zimmermann bei einer speziellen Knie-Übung

Der wahrscheinlichste Grund für ihre Leiden ist eine Gehirnerschütterung vor acht Jahren. Eigentlich keine schlimme Sache, aber als Zimmermann 2012 das Krankenhaus nach zwei Tagen verlässt, bleiben die Probleme im Kopf. Sie hat plötzlich Konzentrationsprobleme und kann sich in der Schule weniger merken. „Die Ärzte fanden nichts gravierend Falsches“, erzählt Zimmermann, Sie lässt nichts anmerken, aber sie geht fortan einmal im Jahr zum Arzt, weil sie merkt, dass etwas nicht stimmt. Die Auswirkungen sind damals aber noch viel harmloser als im Februar 2018. „Damals konnte ich noch zwei bis drei Stunden vor dem Laptop sitzen. Damit hatte ich mich abgefunden, ein Büro-Job war eh nie mein Ziel.“

2017 riss sich Lisa Zimmermann das Kreuzband

„Wenn ich eine Stunde am Handy sitze und danach zum Sport gehe, zucken meine Arme“

Heute ist sie davon weit entfernt. Mehr als 15 Minuten am Bildschirm oder am Handy sind nicht drin, danach braucht sie eine Pause, sonst bekommt sie Kopfweh und die Hände beginnen zu kribbeln. Sport tut ihr gut, aber nur in Maßen und nach entsprechender Vorbereitung. „Wenn ich eine Stunde am Handy sitze und danach zum Sport gehe, zucken meine Arme“, sagt Zimmermann. Bei zu schnellen Rotationen wird ihr schwindelig und übel. Die eingeschränkte Mediennutzung ist allerdings nicht ihr Hauptproblem, sondern das Sitzen. Geht es zum Skifahren, reist sie meist schon am Vorabend an, weil sie nicht länger als eine Stunde (im Auto) sitzen kann. Einen Flug vergangenes Jahr nach Indonesien verbrachte Zimmermann auf dem Boden liegend. Im Sitzen begann das große Kribbeln im Genick und den Händen.

Filmprojekt und Trainer-Ausbildung

Sind die Reizeinflüsse dennoch zu heftig, bringt eine Pause mit Kühlpad im Genick Linderung. „So wie es jetzt ist, bin ich zwar beeinträchtigt, aber ich kann viel machen“, sagt Zimmermann. Sie strahlt Zuversicht aus und will sich von diesem Rückschlag nicht aufhalten lassen. In ihrem Wohnort Innsbruck kennt Lisa viele Menschen und viele Menschen kennen Lisa. Hier und da kann sie Betrieben aushelfen. Eine 40-Stunde-Woche ist derzeit utopisch. Dafür plant sie einen Film über ihre bisherige Karriere und ihre Zukunft. Die soll im Sportbereich liegen. Ihre Skianwärter-Ausbildung hat Zimmermann abgeschlossen, weitere Lehrgänge im Pilates- und Fitnessbereich und in veganer Ernährung soll folgen. „Ich möchte als Trainer arbeiten, das macht mir Spaß“, sagt Zimmermann. Klingt etwas paradox, schließlich galt sie selbst noch vor einigen Jahren als eigenwilliger, streitbarer und ungeschliffener Rohdiamant. Aber vielleicht spricht sie gerade deshalb nicht die übliche Trainer-Sprache.

Lisa Zimmermann bei der WM in Kreischberg

Zum Deutschen Skiverband (DSV) besteht kein Kontakt mehr. Die ohnehin schwierige Beziehung des Freigeistes mit dem Struktur orientierten Verband kippte endgültig als sich Zimmermann 2017 dazu entschloss ihren Kreuzbandriss (vorerst) nicht operieren zu lassen. „Ich hatte bei einigen Freunden gesehen, dass sie sich das operierte Kreuzband wieder gerissen haben, da wollte ich es zuerst ohne Eingriff versuchen“, erklärt Zimmermann. DSV-Alpinchef Wolfgang Maier sah das anders, er schimpfte seinerzeit: „Man kann doch nicht einen Kreuzbandriss nicht operieren, den ganzen Sommer nichts tun, sich kurz vor Weihnachten ein bisserl auf die Ski stellen und dann sagen, ich fahre zu Olympia. Das hat mit Profisport nichts zu tun.“

Zimmermann muss darüber heute noch lachen, denn das Gegenteil sei der Fall gewesen: „Ich war bei Physiotherapeuten, bei der Wassertherapie, beim Mentaltraining, bei Ernährungsberatern, im Rehatraining, ich habe ganze Tage in Trainingszentren verbacht.“ Das Resümee ihrer Weltcupzeit ist dennoch positiv: „Das Konkurrenz-Denken in den Wettkämpfen war ja nie mein Ding, Aber ich bin dankbar, dass ich so viel von der Welt gesehen und neue Menschen kennengelernt habe.“

Die Oma als Vorbild

Heute macht Zimmermann (fast) jeden Tag für zehn Minuten Übungen, um die Muskeln rund um ihr Knie anzusteuern. Andernfalls wären Skifahren, Surfen und Eiskunstlaufen nicht möglich. Die Hoffnungen noch einmal bei offiziellen Events, zum Beispiel den X-Games anzutreten, lebt. Aber derzeit konzentriert sie sich mehr auf Filmprojekte. So oder so, das Skifahren soll weiter ein Teil ihres Lebens bleiben. Zimmermanns Vorbild ist die eigene Oma. „Die wird bald 84, fährt noch regelmäßig, und fragt mich immer, ob ich ihr nicht noch das Springen beibringen kann. Aber mein Papa und ich haben beschlossen, dass wir das lieber nicht machen.“

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